Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
13:30 - 15:00
Bertha-Benz Saal
S122
Funktionalität für Qualität – Erkenntnisse aus 14 Jahren der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) in Hamburg

Moderation: J. Anders, Hamburg; U. Dapp, Hamburg

13:30
Abklärung früher funktioneller Veränderungen: Altersmedizin und Hausarztpraxis neu vernetzt
S122-01 

J. Anders, U. Dapp, L. Neumann, S. Golgert, W. von Renteln-Kruse, C. E. Minder; Hamburg, Zürich/CH

Fragestellung: Mobilität ist eine Schlüsselfunktion selbständigen Alterns. Die frühzeitige Aufdeckung funktioneller Einschränkungen ist essentiell, um Funktionsverlusten vorzubeugen. Wie können diese identifiziert, differentialdiagnostisch abgeklärt und medizinisch behandelt werden und wie kann eine Zusammenarbeit zwischen Altersmedizin und Hausarztpraxis besser gelingen?
Methodik: Aus der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) wurden in Welle-4 (2011/12) auf Basis des LUCAS Funktions-Index (FI, s. Beitrag 2) alle Teilnehmer identifiziert, die sich erstmalig seit 10 Jahren nicht mehr in robuster Verfassung befanden. In einer RCT (1:2) wurden Studienteilnehmer in eine Mobilitätsambulanz am geriatrischen Zentrum eingeladen. Die Interventionsgruppe erhielt eine komplexe differentialdiagnostische Abklärung mittels erweitertem geriatrisch-gerontologischem Assessment (EGGA) inkl. elektronischer Ganganalyse. Die Kontrollgruppe erhielt „usual care“ (=hausärztliches geriatrisches Basis-Assessment)[1].
Ergebnisse: In Welle-4 waren 145 Teilnehmer der LUCAS-Kohorte erstmalig nicht mehr robust. Ein informed consent lag für 28/50 Interventionsteilnehmern vor. Bei 22/28(78,6%) Teilnehmern waren Krankheiten Auslöser funktioneller Verschlechterung. Diese waren verschiedenen medizinischen Formenkreisen zugehörig, insb. dem psychischen Gebiet 10/22(35,7%), wie posttraumatische Belastungsstörung, der Orthopädie 9/22(32,1%), der Inneren Medizin 4/22(14,3%), der Neurologie 3/22(10,7%) sowie der Kognition 1/22(3,6%).
Diskussion: Auf Basis des in der Mobilitätsambulanz durchgeführten EGGA wurden ein strukturierter Behandlungsplan erstellt, therapeutische Empfehlungen per Brief an die behandelnden Hausärzte abgegeben und adjuvante Maßnahmen (Training, Ernährung) empfohlen. Dies kann als Vorbild für den Aufbau geriatrischer Institutsambulanzen gem. §118a SGB V dienen und stärkt die vernetzte Zusammenarbeit zwischen haus- und fachärztlicher sowie geriatrischer Fachabteilungen, Tageskliniken, Allgemeinkrankenhäusern, Akutpsychiatrien u.a.. Der LUCAS FI ist ein Instrument, dass bereits beim Hausarzt Personen zur Abklärung in einer GiA identifiziert.

[1]Anders J et al. ZGG 2012;45:271-278.

13:45
LUCAS statt LACHS: Einsatz des LUCAS Funktions-Index in der Hausarztpraxis
S122-02 

U. Dapp, J. Anders, L. Neumann, S. Golgert, W. von Renteln-Kruse, C. E. Minder; Hamburg, Zürich/CH

Hintergrund: Erfolgreiches Altwerden zeigt viele Facetten, die nur teilweise in ihren Zusammenhängen aufgeschlüsselt sind. Die Longitudinale Urbane Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) untersucht seit dem Jahr 2000 bei damals selbstständig lebenden älteren Menschen ohne Pflegebedürftigkeit multidimensionale Faktoren im Altersverlauf [1]. Der Fokus liegt auf dem Erhalt funktionaler Kompetenz und Selbständigkeit durch passgenaue Maßnahmen vor klinischer Manifestation des Frailty-Syndroms (PROLONG HEALTH).
Methodik: 12 Markerfragen, die seit Beginn in allen LUCAS Befragungswellen erfasst werden, bilden den LUCAS-Funktions-Index (FI), der zu gleichen Anteilen Reserven und Risiken berücksichtigt. Dies ermöglicht die Einteilung in die Klassen ROBUST (viele Reserven & kaum Risiken), postROBUST (viele Reserven & viele Risiken), preFRAIL (kaum Risiken & kaum Reserven), FRAIL (viele Risiken & kaum Reserven), was über das Lebensalter per se nicht gelingt. Im 8-Jahres-Verlauf zeigten sich hochsignifikante Unterschiede zwischen den eingangs klassierten Gruppen: Die Robusten zeigten die längste, die Frailen die kürzeste Überlebenszeit sowie Zeitspanne vor Eintritt von Pflegebedürftigkeit [2].
Ergebnisse und Ausblick: Der LUCAS FI wurde aufbereitet für den Einsatz in Hausarztpraxen, so dass je nach Befund dieses präventiv eingesetzten Selbstausfüllers frühzeitig zielgruppenspezifische Maßnahmen in der Hausarztpraxis und im geriatrischem Netzwerk eingeleitet werden, um funktionale Kompetenz und Selbständigkeit zu erhalten:
Zielgruppe ROBUST („Reserven erhalten und ausbauen“): Maßnahmen der Primär- (Impfungen) und Sekundärprävention (Krebsvorsorge, Check-up), Empfehlung gesundheitsfördernder Maßnahmen.
Zielgruppe postROBUST/preFRAIL (noch „präklinische Symptomatik“): Medizinische Diagnostik der Auslöser, ambulantes altersmedizinisches Konsil.
Zielgruppe FRAIL (unerkannte „Hochrisikopatienten“): Behandlung von Beschwerden plus sozialer Unterstützung (z.B. Pflegestützpunkte), (Teil-)Stationäre medizinisch-geriatrische Komplexbehandlung.

[1] Dapp U et al. BMC Geriatrics 2012;12:35
[2] Dapp U et al. BMC Geriatrics 2014;14:141

14:00
Determinanten funktionellen Abbaus und Eintritt in die Frailty - Ergebnisse aus der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS)
S122-03 

L. Neumann, U. Dapp, S. Golgert, B. Klugmann, A. Daubmann, C. Gräfin zu Eulenburg; Hamburg

Fragestellung: Prävention in einer älter werdenden Bevölkerung ist eine bedeutende Herausforderung für Leistungserbringer, Public-Health Strategien, Gesundheitssysteme und ihre Finanzierung. Im Rahmen der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) wurde ein Funktions-Index (FI) entwickelt, um ältere Menschen frühzeitig in der Kommune hinsichtlich ihrer funktionellen Kompetenz sowie der Entwicklung von Frailty zu screenen. Der Index besteht aus 12 Markerfragen, die gleichermaßen funktionelle Reserven und Risiken erfassen [1]. In der vorliegenden Analyse wurde die Prädiktivität dieser einzelnen LUCAS Marker-Fragen evaluiert.
Methodik: ROBUSTE Teilnehmer in LUCAS Welle-2 (2007/08) mit mindestens einem gemessenen Follow-Up bis zur Welle-5 (2013/14) wurden in die Analyse eingeschlossen. Die Entwicklungen a) die Funktionsklasse ROBUST zu verlassen und separat b) die Funktionsklasse FRAIL zu erreichen wurden mittels univariater Cox‘ Cause Specific Hazard Modellen evaluiert.
Ergebnisse: Alle 820 ROBUSTEN Teilnehmer (2007) wurden innerhalb des sechsjährigen Follow-Up Zeitraums untersucht. 484/820 (59,0%) Teilnehmer verließen die Funktionsklasse ROBUST und 160/820 (19,5%) wurden FRAIL. Die LUCAS FI Risiko-Markerfragen, die Änderungen in der Art und Weise erfassten 1km oder 500 m zu gehen, 10 Treppenstufen zu steigen oder aus einem Auto ein- oder auszusteigen, waren hochsignifikant für a) die Funktionsklasse ROBUST zu verlassen und b) FRAIL zu werden. LUCAS FI Reserven-Markerfragen, die mäßigen oder stark anstrengenden Sport abbildeten, waren dagegen hochsignifikant um a) in der Funktionsklasse ROBUST zu verbleiben und b) nicht FRAIL zu werden.
Diskussion: Klininische Frailty-Marker, die im LUCAS FI enthalten sind, wie z.B. unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder Sturzereignisse waren nicht geeignet (nicht signifikant), um funktionalen Abbau (postROBUST, preFRAIL) oder den Eintritt in die FRAILTY so früh wie möglich zu erkennen. Multivariate Cox' Cause Specific Hazards Modelle inkl. Rückwärtsselektion sind notwendig, um die vorliegenden Ergebnisse zu bestätigen.

[1] Dapp U et al. BMC Geriatrics 2014;14:141
Förderung: LUCASIII/PROLONG HEALTH (BMBF: 01EL1407)

14:15
Mit Gebrechlichkeit leben: Funktionalität, soziale Merkmale und Befinden weitgehend selbstständig lebender älterer Menschen mit Frailty
S122-04 

F. Pröfener, J. Anders, U. Dapp, S. Golgert, W. von Renteln-Kruse, C. E. Minder; Hamburg, Zürich/CH

Thema: Das Ineinandergreifen von Funktionalität und Qualität im Alter, d.h. die starke Abhängigkeit des Verhaltens und Befindens älterer Menschen von der körperlichen Verfassung, wird deutlich, wenn die gewöhnlich unmerklich in Anspruch genommene Funktionalität durch Gebrechen eingeschränkt ist. Beschrieben wird die Lebenslage und –führung sowie das Befinden zu Hause lebender älterer Menschen mit Frailty.
Methodik: Verglichen wurden Daten des Selbstausfüller-Fragebogens von Personen der LUCAS-Langzeitkohorte, deren Funktionsstatus „FRAIL“ oder „ROBUST“ mit dem LUCAS Funktions-Index zu zwei Wellen festgestellt wurde: Welle-2 (2007/08): ROBUST n=876, FRAIL n=558; Welle-4 (2011/12): ROBUST n=544, FRAIL n=446. Ergänzend wurden Befunde aus 170 Assessments (n=64 FRAIL im Hausbesuch, n=106 ROBUST in geriatrischer Mobilitätsambulanz) ausgewertet.
Ergebnisse: Frailty betrifft mit steigendem Alter zumeist allein lebende Frauen in der Mitte der Gesellschaft. Frailty geht einher mit stark medikamentös therapierter Multimorbidität und vermehrten Krankenhausaufenthalten. Bei moderat eingeschränkten Sinnes- und kognitiven Leistungen gehören zur Frailty ein schlechtes Gesundheitsgefühl, reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit, Stürze, Sturzangst, Erschöpfungs- und Schwindelgefühle, Schmerzen, auch gedrückte Stimmung. Wenig beeinträchtigt bei basalen Aktivitäten, zeigt Frailty Probleme bei erweiterten Aktivitäten des Alltags; Betroffene dosieren je nach Dringlichkeit Häufigkeit, Radius Zeiten und Mittel der außerhäuslichen Mobilität. Ihre körperbezogene Selbstwahrnehmung ist eher eingetrübt als die um Integrität bemühte psychologische. Bei nahräumlicher Versorgung oder entlastender Infrastruktur tragen Hilfsmittel im Rahmen eines familiär-nachbarschaftlichen, von hauswirtschaftlicher Dienstleistung flankierten Unterstützungsarrangements zum passablen Alltag bei.
Fazit: Frailty ist persönlich leidvoll, dazu kostenträchtig. Der LUCAS Funktions-Index kann helfen, früh gezielt Prävention zu initiieren. Frailty setzt dem sozialen Verhalten und dem Wohlbefinden enge Grenzen. Fachkundige Hausbesuche für interessierte Menschen mit Frailty könnten deren Selbstständigkeit unterstützen.

14:30
Prävention mit Qualität: LUCAS Langzeit-Effekte des multidimensionalen Programms „Aktive Gesundheitsförderung im Alter” (LUCASIII/PROLONG HEALTH, BMBF-Fkz: 01EL1407)
S122-05 

U. Dapp, L. Neumann, F. Pröfener, S. Golgert, B. Klugmann, W. von Renteln-Kruse, C. E. Minder; Hamburg, Zürich/CH

Hintergrund: Prognostiziert wird die rasche Zunahme alter Menschen, die den Großteil der Leistungen des Gesundheitssystems beanspruchen. Anpassungen in Gesundheits- und Versorgungssystem und die Entwicklung spezieller Früherkennung von (vor-)gebrechlichen Älteren sind nötig, um unerwünschte Folgen von Frailty (z.B. Stürze, Pflegebedürftigkeit) vorzubeugen. Gezielte, gesundheitsfördernde Maßnahmen sind eine Möglichkeit, diese Entwicklung zu verlangsamen („compression of morbidity“).
Methodik: Das Programm „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ wurde in Welle 1 (2000-02) der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) als randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) eingebettet[1]. Es vertritt ein in Deutschland neuartiges Konzept der Gesundheitsvorsorge (health promotion) im höheren Lebensalter. Am geriatrischen Zentrum erfolgten halbtägige Kleingruppenberatungen durch ein interdisziplinäres Gesundheitsberater-Expertenteam zur Förderung der Eigenverantwortung (Empowerment): Schwerpunkte Geriatrie (gesundes Altern), Physiotherapie (Bewegung), Ökotrophologie (Ernährung) und Sozialpädagogik (Teilhabe). Alternativ wurde ein präventiver Hausbesuch angeboten[2].
Ergebnisse: Während der 1-jährigen RCT wählten 804(62,5%) Interventionsteilnehmer die Kleingruppenberatung und 77(9,6%) den Hausbesuch; 224(27,9%) lehnten beide Angebote ab. Nach RCT-Abschluss wurde die Kleingruppe auf Wunsch der behandelnden Hausärzte auch der Kontrollgruppe angeboten (265/1376 nahmen teil). Nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Bildung, selbsteingeschätzte Gesundheit, Krankenhausaufenthalte, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, funktionellem Status (LUCAS Funktions-Index) zeigen sich für beide Gruppen signifikant besseres Überleben im 12 Jahres-Langzeitverlauf im Vergleich zu den Nicht-Teilnehmern (Kleingruppe p=0.002,Hausbesuch p=0.049).
Fazit: Die Zielgruppe des Programms „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ umfasst die Mehrheit der 20 Mio. älteren Menschen ab 60 Jahre in Deutschland. Diese Menschen sollten rechtzeitig befähigt werden, ihre Kompetenzen zu erhalten und Reserven auszubauen, um Frailty und Pflegebedürftigkeit proaktiv entgegenzuwirken. Eine Chance ist das neue Präventionsgesetz.

[1]DappUetal.BMCGeriatrics2012;12:35
[2]DeutscherPräventionspreis2005

Diskussion:
Wieviel Qualität braucht Funktionalität? Zukunftsperspektiven abgeleitet aus LUCAS
Diskutant: Wolfgang von Renteln-Kruse

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