Symposium Soziologie & Psychologie
Mittwoch, 07.09.2016
13:30 - 15:00
Raum Ulm
S126
Freie Vorträge - Wohnen

Moderation: A. Hoff, Görlitz

13:30
Unterstützungsbedarf im Alter und Koresidenz in Aussiedlerfamilien
S126-01 

M. Blum, C. Vogel; Vechta, Berlin

Ob Familien künftig in der Lage sein werden, die Anforderungen wachsender Unterstützungsbedarfe der älteren Generationen zu bewältigen, ist eine Frage, die alle Bevölkerungsgruppen in Deutschland gleichermaßen betrifft. In der Gruppe der älteren Migrantinnen und Migranten stellt sie sich jedoch auf besondere Weise vor dem Hintergrund der Zuwanderungsgeschichte, die sich nicht nur auf individuelle Lebensverläufe, sondern auch auf Generationenbeziehungen und Unterstützungspotentiale im Alter auswirkt. Sind beispielsweise Angehörige einer Generation im Herkunftsland zurückgeblieben, vergrößert sich die Wohnentfernung zwischen Eltern und Kindern durch Migration. Wegfallende soziale Unterstützungsnetzwerke werden oftmals durch die Intensivierung anderer innerfamiliärer Beziehungen kompensiert.
Ältere Aussiedlerinnen und Aussiedler stellen die größte Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und sind durch ihre Zugehörigkeit zu einer Minderheit von besonderen Integrationsherausforderungen in Deutschland betroffen. Daher gehen wir der Frage nach, welche Unterstützungsbedarfe bei älteren Aussiedlerinnen und Aussiedlern vorhanden sind und ob diese Bedarfe durch die jüngeren Angehörigen bewältigt werden können. Das Zusammenwohnen von familialen Generationen wird dabei als eine spezifische Form der Unterstützungsleistung betrachtet. Diese wird üblicherweise von den älteren für die jüngeren Generationen geleistet, wenn die Kinder minderjährig sind oder sich in der Ausbildung befinden. Sie kann sich aber auch von den jüngeren Generationen an die älteren richten, wenn die Kinder bereits erwachsen sind. Somit impliziert das Zusammenwohnen intergenerationale Unterstützungspotentiale.
Daten liegen von rund 700 Aussiedlerinnen und Aussiedlern im Alter ab 40 Jahren vor, die in Niedersachsen schriftlich-postalisch befragt wurden (Einwohnermeldeamtsstichprobe). Dargestellt werden das Ausmaß des intergenerationalen Zusammenlebens sowie die Faktoren, die Koresidenz familialer Generationen begünstigen oder beeinträchtigen. Es zeigt sich, dass Koresidenz eine wichtige Ressource der familialen Unterstützung Älterer ist.

13:50
Ressource Nachbarschaft? Zur Funktion nachbarschaftlicher Beziehungen
S126-02 

K. Rackow; Vechta

Lebensqualität im Alter hängt u. a. stark von der Frage ab, inwieweit es gelingt, den Wunsch vieler Älterer nach einem langen Verbleib in den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei eine intakte Infrastruktur, die eine größtmögliche Selbstständigkeit gewährleistet. Insbesondere im ländlichen Raum findet man diese jedoch häufig nicht vor, weshalb die Situation von Älteren zunehmend als problematisch angesehen wird.
Nicht zuletzt aus diesen Gründen gewinnen nachbarschaftliche Beziehungen zunehmend an Bedeutung und werden sogar als neue zivilgesellschaftliche Ressource betrachtet, die insbesondere strukturschwache und ländliche Regionen stärken soll. Konzeptionell wird Nachbarschaft daher oft als Teil des Dritten Sozialraums gesehen, der im Vergleich zu der privaten und öffentlichen Sphäre zukünftig an Bedeutung gewinnen wird. Der Dritte Sozialraum zielt auf Vergemeinschaftung und Solidarität, im Mittelpunkt steht die gegenseitige Hilfe der Akteure im Rahmen eines Bürger-Profi-Mixes.
Welchen Stellenwert Nachbarschaft innerhalb der Gemeinschaft einnimmt und in welchem Ausmaß Nachbarschaftsbeziehungen vorhanden bzw. überhaupt gewünscht sind, bleibt allerdings häufig unklar. Zudem scheinen beträchtliche Unterschiede zwischen der Bedeutung und Qualität von Nachbarschaft im ländlichen bzw. städtischen Raum sowie zwischen den verschiedenen Altersgruppen zu bestehen. Die Frage, inwieweit Nachbarschaftsbeziehungen dazu beitragen können, bestehende soziale Ungleichheiten zu mildern oder gar abzubauen bzw. Versorgungsengpässe zu schließen, lässt sich somit nicht ohne weiteres beantworten.
Das Ziel dieses Beitrags besteht daher in dem Versuch, das tatsächliche Potenzial von Nachbarschaftsbeziehungen genauer auszuloten und die Tragweite des Nachbarschaftskonzepts im Hinblick auf die künftig zu lösenden Probleme zu prüfen. Mit Hilfe einer eigenen Regionalstudie sowie dem Sozio-Ökonomischen Panel kann gezeigt werden, dass die Bedeutung von Nachbarschaft durchaus unterschiedlich bewertet wird und auch die Akzeptanz von Nachbarschaftshilfe divergiert.

14:10
Wohnpflegeräume: Zur Ausdifferenzierung eines wohn- und arbeitsbezogenen Raumverständnis in der Pflege
S126-03 

A. Depner, I. Atzl; Heidelberg, Berlin

Pflegelehrbücher des ausgehenden 19. Jahrhunderts sagen uns wie die Einrichtung von Krankenzimmern in häuslichen Kontexten entsprechend damaligen Vorstellungen auszugestalten war. Für Kranke und alte Menschen – die zu dieser Zeit vornehmlich zuhause gepflegt wurden – sollte auch in privatem Kontext eine ganz bestimmte, aus medizinischer und pflegerischer Sicht zuträgliche Umgebung hergestellt werden. Aus heutigen Pflegelehrbüchen ist dieser Themenbereich vollkommen verschwunden, für die Gestaltung der Zimmer von Pflegeheimbewohner*innen gelten allerdings etliche bauliche und sicherheitstechnische Vorschriften. Zugleich sind diese Räume aber nicht nur Arbeitsräume für Pflegende im institutionalisierten Kontext, sondern immer auch private Wohnräume von Menschen. Doch wo innerhalb des Raumes und in welcher Weise werden pflegerische und persönliche Anforderungen miteinander in Einklang gebracht und wie kann dies überhaupt gelingen?
Ausgehend von historischen Zugängen zur Krankenzimmergestaltung, langjähriger Feldforschungen zum Wohnen in Altenheimen sowie einer intensiven Auseinandersetzung mit Dingen in historischen und zeitgenössischen Pflegekontexten wollen wir in dem hier vorgeschlagenen Beitrag, vor der Folie von (Wohn-)Qualität und (Arbeits-)Funktionalität, „Wohnpflegeräumen“ alter Menschen genauer in den Blick nehmen: Bei näherer Betrachtung treten eine Reihe von Fragen nach Akteuren und Interessensgemeinschaften, Macht- und Wissensverteilung, (Inszenierung von) Zuständigkeitsbereichen, gesellschaftlichen Konstrukten und Diskursen, ökonomischen wie politischen Interessen sowie der formalisierten Erfassbarkeit und Ordnungsmöglichkeiten von Bedürfnissen sowie dem Recht auf Privatheit auf. Die Antworten hierauf versprächen Klärung und Hinweise auf Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich komplexer und zugleich zentraler Themenfeldern wie „Arbeitsorganisation“, „(Arbeits-)Atmosphäre“, „Lebensqualität“ und „Wohlbefinden“.

14:30
Der Zusammenhang von Wohlbefinden und Wohnumwelt bei leichter kognitiver Beeinträchtigung
S126-04 

M. Knebel, F. Oswald; Frankfurt a. M.

Leichte kognitive Beeinträchtigungen, die nicht den Schweregrad einer Demenz erreichen, sind im höheren Alter weit verbreitet. Dabei gilt die leichte kognitive Beeinträchtigung als mögliches Risikosyndrom im Vorfeld der Alzheimer Demenz. Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen leben in der Regel selbständig in ihren angestammten privaten Wohnungen und Nachbarschaften und stellen daher auch im Hinblick auf Interventionen eine heterogene aber bedeutsame Gruppe dar. Zudem weisen Studien auf ein verringertes Wohlbefinden bei Betroffenen hin. Zum Einfluss des Wohnens auf das Wohlbefinden von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ist bislang wenig bekannt. Daher soll in diesem Beitrag untersucht werden, inwiefern sich Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen und Menschen mit Demenzen von einer (hinsichtlich zentraler Personenvariablen gematchten) Gruppe kognitiv gesunder Personen in ihrem Wohnbefinden unterscheiden. Dabei sollen Zusammenhänge mit der Wohnumwelt berücksichtigt werden. Die Befunde basieren auf Daten aus Hausbesuchen zum ersten Messzeitpunkt des Projekts BEWOHNT mit 595 allein oder mit ihrem Partner lebenden Frauen und Männern aus drei Frankfurter Stadtteilen (stratifiziert nach Alter 70-79 vs. 80-89 Jahre alt, Stadtteil und Haushaltsform). Erste Ergebnisse verweisen darauf, dass für leicht kognitiv beeinträchtigte Personen im Vergleich zu kognitiv gesunden unterschiedliche Variablen für das Wohlbefinden bedeutsam sind.
Die Befunde sollen zu einer gezielteren Entwicklung von Interventionen im Wohnbereich für Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen beitragen.

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