Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
16:45 - 18:15
Raum Mannheim
S135
Freie Vorträge - Versorgungsaspekte

Moderation: W. von Renteln-Kruse, Hamburg; U. Thiem, Essen

16:45
Der geriatrische Patient im Akutkrankenhaus: Das Krankenhaus der Regelversorgung - „Akutkrankenhaus als ´window of opportunity´ für nachhaltige Demenzbehandlung” - „lernt Demenz” - am Beispiel einer internistischen Station
S135-01 

E. Schlauß; Berlin

Das innovative Ziel des nunmehr begonnenen Projektes – „Akutkrankenhaus als ´window of opportunity´ für nachhaltige Demenzbehandlung“ – ist, dass nicht nur die Risiken und Belastungen für Patienten mit Demenz durch die Etablierung von umfassenden Behandlungs- und Betreuungskonzepten im Akutkrankenhaus reduziert werden, sondern der Aufenthalt kann als eine Chance genutzt werden, die Kranken auch wegen der Demenz zu behandeln um eine nachhaltige Verbesserung der sozialen Teilhabe zu erreichen. Zugleich soll die Zusammenarbeit des Hauses mit den lokalen Versorgungsakteuren weiter ausgebaut werden, um eine an den individuellen Bedarfen ausgerichtete, lückenlose und kontinuierliche Versorgung von Demenzkranken vor, während und nach dem Krankenhausaufenthalt zu sichern. Dafür sind u. a. folgende Maßnahmen vorgesehen: Implementierung der Selbsterhaltungstherapie basierten Behandlungs- und Betreuungskonzepten, Schulungen für am Behandlungs- und Versorgungsprozess beteiligte Berufsgruppen, Angehörige, freiwillige Helfer sowie für Haus- und Fachärzte aus dem Stadtbezirk, Etablierung von Liaisondiensten, Integration von Angehörigen und soweit möglich der Patienten selbst in die Behandlung sowie Aufbau von neuen strukturellen Einheiten, die auf die speziellen Bedürfnisse von Patienten mit Demenz und anderen älteren Kranken mit relevanten kognitiven Beeinträchtigungen eingestellt sein werden.
Im Vortrag werden strukturelle Veränderungen und spezielle Betreuungskonzepte beispielhaft dargestellt und diskutiert. D.h. es werden sowohl wichtige Vorraussetzungen, notwendige Ziele und wichtige Akteure als auch zu erwartende Hindernisse benannt. Diese Darstellung erfolgt sowohl in Bezug auf bereits vollzogene Veränderungen als auch auf geplante strukturelle Veränderungen und spezielle Betreuungskonzepte.
Als Resümee wird eine Analyse der unumgänglichen Veränderungen thesenhaft entwickelt.

17:02
Ältere Patienten in der Akutpsychiatrie: Triage, Biografie und Assessment anhand typischer Fallstudien
S135-02 

J. Anders, U. Dapp, W. von Renteln-Kruse; Hamburg

Fragestellung: Ältere Patienten gelangen vermehrt in die Akutpsychiatrie. Welche Zielgruppen finden sich dort? Wie kann eine Behandlung an ihre Bedürfnisse angepasst werden?
Methodik: Innerhalb der Longitudinalen Urbanen Cohorten-Alters-Studie (LUCAS) wurden in Welle-4 (2011/12) auf Basis des LUCAS Funktions-Index Teilnehmer identifiziert, die sich erstmalig seit 10 Jahren nicht mehr in robuster Verfassung befanden [1]. In einem erheblichen Anteil der Fälle wurden psychogene Auslöser identifiziert [2]. Ob sich nun diese Zielgruppe auch in der Regelversorgung einer akutpsychiatrischen Abteilung wiederfindet, prüfen typische Fallbespiele aus einem Behandlungsjahr (2015) einer Station mit 18 Betten.
Ergebnisse: In Welle-4 waren 145 Teilnehmer der LUCAS-Kohorte erstmalig nicht mehr robust. Bei 78,6% Teilnehmern waren Neuerkrankungen (impact disease) Auslöser funktioneller Verschlechterung aus den Formenkreisen Psychiatrie (35,7%), oder Neurologie 3/22(10,7%). Demenzen waren noch selten in dieser präklinischen Zielgruppe (3,6%). Fallbeispiele aus der Akutpsychiatrie zeigen eine Triage in zwei wesentliche Zielgruppen: Die Zielgruppe preFrail erhielt eine komplexe differentialdiagnostische Abklärung mittels erweitertem geriatrisch-gerontologischem Assessment (EGGA) inkl. Biografie und multimodaler Psychotherapie im offenen; die Zielgruppe „Delir“ erhielt ein geriatrisches Basis-Assessment und intensivierte Pflege im geschützten Versorgungsbereich.
Diskussion: Auf Basis des in der Mobilitätsambulanz 2007 bis 2011 als Vorläufermodell der GIA (§118a SGB V) erprobten EGGA war eine individualisierte Klärung und Behandlungsplanung für ältere Patienten mit psychogener preFrailty mit erfreulichen Verläufen möglich [3]. Insbesondere die Differenzierung von Demenz und Pseudodemenz ist Voraussetzung für eine Belastung in der Psychotherapie. Der LUCAS FI könnte die Triage systematisch erleichtern. Bei deliranten Patienten mit Demenz war ein Basis-Assessment ausreichend.

Referenzen:
[1]http://www.biomedcentral.com/1471-2318/14/141
[2] Anders J et al. ZGG 2012;45:271-278
[3] Anders J et al. 14/Kongressprogramm_neu/HTML/files/assets/basic-html/page233.html

17:19
Präventive Hausbesuche im Alter: Systematische Bestandsaufnahme der Anwendung in Deutschland
S135-03 

J.-C. Renz, M. Meinck; Hamburg

Hintergrund: Präventive Hausbesuche (PHB) erfolgen anlassunabhängig in der häuslichen Umgebung um gesundheitliche Ressourcen und Risiken zu erkennen und daraus präventive Empfehlungen abzuleiten. Sie sind keine Regelleistung in Deutschland. Evidenz konnte unter den deutschen Versorgungsgegebenheiten seinerzeit nicht bestätigt werden (Meinck et al. 2004). Der Beitrag beschreibt vor diesem Hintergrund ihre Anwendung in Deutschland.
Material/Methoden: Mittels der in 11/2015 durchgeführten internetbasierten systematischen Recherche wurden PHB-Programme in Deutschland identifiziert und anhand definierter Kriterien systematisch verglichen.
Ergebnisse: Die Recherche identifizierte 32 PHB-Programme: davon 69% aktuell praktizierte, 22% wieder eingestellte und 9% geplante. Die Trägerschaft obliegt zu 47 % Gebietskörperschaften, zu 28% Gesundheitseinrichtungen, zu 9% Wohlfahrtspflegeeinrichtungen und zu 15% sonstigen Institutionen (teilw. auch in Kooperation). Hinsichtlich Ein-/Ausschlusskriterien, Teilnehmergewinnung, Qualifikation der Besucher, Aufbau, Assessmenteinsatz, interventionelle Programminhalte, Kooperationen und systematischer Erprobung zeigte sich eine erhebliche Vielfalt in der Umsetzung, die sich an lokal verfügbaren Gegebenheiten orientiert. Lediglich drei PHB-Programme wurden kontrolliert auf Wirksamkeit überprüft. Dabei konnte nur für den Endpunkt Sturzrisiko in einer Studie ein signifikanter Effekt ermittelt werden. Für alle weiteren gesundheitsbezogene Endpunkte: Mortalität, stationäre Krankenhausbehandlung und Pflegebedürftigkeit zeigten sich jedoch keine signifikanten Effekte.
Schlussfolgerung: Bezogen auf gesundheitsbezogene Endpunkte besteht für Deutschland auch weiterhin kein eindeutiger Wirksamkeitsnachweis für PHB im Alter. PHB werden dennoch praktiziert und rücken verstärkt in den Fokus kommunaler Daseinsvorsorge. Sie sollen hierbei ältere Menschen aktivieren und den bedarfsbezogenen Zugang zu Angeboten im Quartier befördern. Sie erscheinen für Menschen mit einem diffusen Unterstützungsbedarf geeignet, die zugleich Barrieren für eine Inanspruchnahme aufweisen. PHB könnten sich zu einem wichtigen Element der Sicherung sozialer Teilhabe entwickeln.

17:36
10 Jahre Evaluation der geriatrischen Rehabilitation in Rheinland-Pfalz
S135-04 

K. Freidel, S. Linck-Eleftheriadis, B. Röhrig, S. Schilling, J. Heckmann; Alzey, Trier, Bad Kreuznach

Einleitung: Seit 10 Jahren werden in Rheinland-Pfalz Verlaufsdaten der stationären geriatrischen Rehabilitanden mit dem Ziel erfasst, die Ergebnisqualität transparent darzustellen. Das Verfahren wird von Einrichtungen, Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) gleichermaßen unterstützt.
Material und Methoden: In allen geriatrischen Rehabilitationseinrichtungen in Rheinland-Pfalz werden abgestimmte Informationen zu den Rehabilitationsverläufen elektronisch erfasst und pseudonymisiert an den MDK Rheinland-Pfalz weitergeleitet. Dort erfolgt die statistische Auswertung. Erhoben werden Daten wie Alter, Diagnosen, Lebenssituation, Dauer der Rehabilitation, therapeutische Leistungen sowie der Unterstützungsbedarf (mit / ohne Hilfsperson) bei acht alltagsrelevanten Verrichtungen des täglichen Lebens zu Beginn und am Ende der Rehabilitation. Der Funktionsstatus und Hilfebedarf wurde bei Verrichtung folgender Tätigkeiten vom therapeutischen Team eingestuft: Essen/Trinken, der Körperpflege (bezogen auf Mundhygiene, Gesichtspflege, Haare kämmen), Baden/Duschen/Waschen, Ankleiden oben, Ankleiden unten, Toilettenhygiene, Transfer Bett/Stuhl sowie beim Fortbewegen im Gehen / mit dem Rollstuhl.
Ergebnisse: Die vorliegende Auswertung gibt einen Überblick über den Zeitraum von 2005 bis 2014 und umfasst 45.751 Rehabilitationsverläufe. Der Altersdurchschnitt (Mittelwert ± Standardabweichung) der Rehabilitanden nahm über die Jahre leicht zu, von 80,0 ± 7,4 im Jahr 2005 bis 81,5 ± 7,4 Jahren im Jahr 2014. Im Beobachtungszeitraum nahm die durchschnittliche Rehabilitationsdauer etwas ab, die Therapiedichte wurde erhöht. Der Anteil der regulär entlassenen Rehabilitanden, die vor der Rehabilitation alleine oder bei der Familie gewohnt hatten (N=37.100) und die nach der Rehabilitation in ein Angebot der institutionellen Versorgung umzogen sind, lag bei 12,2 % (N=4.529). Im Jahresvergleich zeigten sich stabile Ergebnisse bei der Abnahme des Hilfebedarfs während der Rehabilitation.
Schlussfolgerung Systematische Evaluation verbessert die Transparenz in der Rehabilitation.

17:53
Einflussfaktoren auf den Grad aktivitätsbezogener Alltagsfähigkeiten im Rahmen einer stationären geriatrischen Rehabilitationsmaßnahme
S135-05 

S. Kettner, T. Wirt, B. Hartmann, J. M. Steinacker, A. Zeyfang; Ulm, Stuttgart

Einleitung: Im Fokus stationärer geriatrischer Rehabilitationsmaßnahmen (GR) stehen die Förderung bzw. Erhaltung des körperlichen Aktivitätsniveaus und damit die Förderung der Selbstständigkeit von Patienten. Hierzu zählen wesentliche aktivitätsbezogene Alltagsfähigkeiten wie der Transfer vom Bett in den Rollstuhl und wieder zurück, Gehen und Treppensteigen. Ziel der Studie war es, Einflussfaktoren auf den Grad dieser aktivitätsbezogenen Alltagsfähigkeiten bei Patienten einer stationären GR zu untersuchen.
Methodik: Insgesamt wurde bei 6016 Patienten (79,05±7,07 Jahre; 29,7% männlich) eine mehrwöchige stationäre GR genehmigt. Die durchschnittliche Rehabilitationsdauer (RD) betrug 24,91±7,91 Tage. Die ICD-Diagnosen wurden einer von 5 Reha-Hauptdiagnosegruppen zugeordnet. Grundlegende Alltagsaktivitäten (ADL) der Patienten wurden bei Rehabilitationsaufnahme (RA) sowie vor Entlassung mittels Barthel-Index (BI) erfasst. Die Subskalen „Transfer“, „Gehen“ und „Treppensteigen“ wurden in Unabhängigkeit und geringe Hilfe versus erhebliche Hilfe und Unfähigkeit dichotomisiert und anhand logistischer Regressionen berechnet.
Ergebnisse: Bei vorläufigen Ergebnissen zeigten sich signifikante Einflussfaktoren auf den Grad der Hilfsbedürftigkeit nach stationärer GR folgendermaßen: 1.) Subskala „Transfer“: Diagnose Apoplex (p=0,002), RD (p<0,001), Ausgangswert bei RA (p<0,001), 2.) Subskala „Gehen“: Diagnosen Apoplex (p=0,008), Extremitätenamputation (p<0,001), Femurfraktur (p=0,004), weitere Frakturen (p<0,001) und TEP (p=0,001), Alter (p=0,032), RD (p=0,002) und Ausgangswert bei RA (p<0,001), 3.) Subskala „Treppensteigen“: Diagnosen Extremitätenamputation (p<0,001), Femurfraktur (p=0,012) und TEP (p<0,001), RD (p<0,001) und Ausgangswert bei RA (p<0,001).
Diskussion: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sowohl das Vorhandensein spezifischer Reha-Hauptdiagnosen als auch die RD, das Alter und der Ausgangswert bei RA einen signifikanten Einfluss auf aktivitätsbezogene Subskalen des BI nach einer stationären GR aufweisen. Zukünftig könnten damit Handlungsempfehlungen für spezifische Reha-Hauptdiagnosen erarbeitet werden, um aktivitätsbezogene Alltagsfähigkeiten gezielt verbessern und damit die Selbstständigkeit von Patienten fördern zu können.

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