Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
16:45 - 18:15
König-Karl-Halle
S131
Behandlung von Menschen mit Demenz in somatischen Krankenhaus- und Rehabilitationsabteilungen: nur trotz- oder auch wegen Demenz?

Moderation: B. Romero, Berlin; T. Zieschang, Heidelberg

Demenz wird in der stationären Behandlung somatischer Erkrankungen häufig nicht erkannt oder als „Nebendiagnose“ betrachtet und in die Behandlung nicht miteinbezogen. Ein innovativer Leitgedanke von neuen Konzepten, die im Rahmen des Symposiums präsentiert werden, ist, den stationären Aufenthalt als eine Chance zu nutzen, Kranke wegen (und nicht nur „trotz“) der Demenz zu behandeln. Eine geriatrische Rehabilitation, aber auch ein Aufenthalt im akuten Krankenhaus, bietet die Möglichkeit, die Versorgungssituation zu überprüfen und Maßnahmen einzuleiten, um die Versorgungslücken (auch solche, die die Unterstützung der Angehörigen betreffen) zu schließen. Weiterhin können individuelle Ressourcen der Kranken erkannt,  und die hierzu gewonnenen Erfahrungen des interdisziplinären Teams an Betreuer vermittelt werden. Damit die Krankenhausempfehlungen im Alltag umgesetzt werden und nachhaltig wirken, müssen Betreuer in die Behandlung integriert werden. Frau Dr. Tsilimi wird über die Entwicklung individueller schriftlicher Empfehlungen für eine weitere Versorgung und Begleitung der Patienten berichten. In dem von Dr. Heckmann präsentierten Rehabilitationsprogramm werden Angehörige durch Fachpersonal angeleitet, um ihre Kompetenz in den Bereichen Pflege, Kommunikation, Mobilisation, Ernährung und Inanspruchnahme von externen Hilfen zu erweitern. Dr. Dammert wird überraschende Ergebnisse der Studie EMOTi-KOMM diskutieren. Die Forschung zeigte, dass auch  geschulte Pflegemitarbeiter emotionsorientierte Kommunikationskonzepte (Validation und Basale Stimulation)  im Pflegealltag nicht oder nur stark modifiziert anwenden. Diese  Ergebnisse werfen Fragen nach der Vertretbarkeit der Ansätze auf. Geeignete Kommunikationsformen gehören zu den wichtigsten Elementen der Begleitung von MmD im Krankenhaus und zu Hause.

16:45
Patienten mit Demenz im Krankenhaus: Anpassung von Behandlungszielen und Verfahren
S131-01 

B. Romero; Berlin

Es gibt empirische Evidenz dafür, dass Faktoren des Lebensstils (Ernährung, anregende Umgebung, geeignete Aktivitäten und Erlebnisse) eine präventive Wirkung bei der Alzheimer Krankheit haben und auch den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können. Im Rahmen psychosozialer Interventionen wie auch in der Planung der Betreuung im Alltag erscheint es daher wichtig, individuelle, optimal an die Ressourcen und Bedürfnisse des Kranken angepasste, „Alltagsentwürfe“ mit den Betroffenen zu planen. Diese Ziele verfolgt das ressourcenorientierte Konzept der Selbsterhaltungstherapie (SET), das seit über 20 Jahren Anwendung in der klinischen- und Betreuungspraxis findet. Das im Rehabilitationsbereich etablierte und evaluierte SET Konzept wird seit 2014 auf geriatrischen und anderen somatischen Akutstationen implementiert und von den multiprofessionellen Teams umgesetzt. Ein innovativer Leitgedanke dabei ist, der Aufenthalt als eine Chance zu nutzen um den Kranken wegen der Demenz zu behandeln und die Versorgung nach der Entlassung dem individuellen Bedarf anzupassen. Ein Aufenthalt im akuten Krankenhaus bietet die Möglichkeit, die Versorgungssituation zu überprüfen und Maßnahmen einzuleiten, um die Versorgungslücken (auch solche, die die Unterstützung der Angehörigen betreffen) zu schließen. Weiterhin können individuelle Ressourcen der Kranken erkannt, und die hierzu gewonnenen Erfahrungen des interdisziplinären Teams an Betreuer vermittelt werden. Damit die Krankenhausempfehlungen im Alltag umgesetzt werden und nachhaltig wirken, müssen Betreuer in die Behandlung integriert werden.
Es ist dringend zu fordern, dass ressourcenorientierte, integrative und nachhaltige Therapieverfahren in höherem Umfang in die Krankenhausbehandlung von MmD integriert werden. Unerlässlich ist die Miteinbeziehung der Angehörigen und Professionellen, die im Alltag die Kranken betreuen. www.set-institut.de

17:05
LICHTHOF: Wege zur Nachhaltigkeit der Behandlung in einer spezialisierten geriatrischen Station
S131-02 

A. Tsilimi, J. Grosse, M. Warnach; Berlin

Im Jahre 2015 wurde in unserem (akut-)geriatrischen Fachkrankenhaus eine spezielle Einheit für dementiell erkrankte, geriatrische Patienten, der „Lichthof“ eröffnet. Mit dem Konzept soll eine möglichst optimale Behandlung und Versorgung dieser Patienten während des stationären Aufenthaltes durch ein für diese Aufgabe qualifiziertes, multiprofessionelles Team erreicht werden. Es geht nicht nur darum, dass der geriatrische Patient mit Demenz die bestmögliche Therapie trotz Demenz erfährt, sondern dass er gerade auch wegen der Demenz behandelt wird. Dieser Ansatz basiert auf der Selbsterhaltungstherapie (SET), einem im Rehabilitationsbereich etabliertem und evaluiertem Konzept (u. a. Romero 2004, Romero und Zerfaß 2013), das die Anpassung des sozialen und materiellen Umfeldes an die Bedürfnisse der dementiell Erkrankten und die optimale Nutzung ihrer Ressourcen ins Zentrum der Behandlung stellt.
Die Zielsetzung des Einheit ist wesentlich darauf gerichtet, dass das Team, gestützt auf die Erfahrungen während des stationären Aufenthaltes, möglichst konkrete Empfehlungen für eine weitere Versorgung und Betreuung dieser Patienten entwickelt und diese den pflegenden und betreuenden Angehörigen/Bezugspersonen und professionellen Diensten zu Hause oder in der stationären Pflege an die Hand gibt. Im Fokus steht die Nachhaltigkeit der Behandlungsergebnisse, um die soziale Teilhabe und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und Angehörige und Bezugspersonen so weit wie möglich zu entlasten.
In dem Beitrag werden anhand der Daten von rund 80 Patienten der „Lichthof“-Einheit die Faktoren herausgearbeitet, die zum Erreichen der angestrebten Behandlungserfolge dienlich bzw. hinderlich waren. Ferner werden die Kriterien für die Erarbeitung der Empfehlungen für eine weitere Versorgung und Betreuung dieser Patienten dargestellt und anhand konkreter Beispiele erläutert. Wesentliche Entwicklungsschritte der interdisziplinären Teamarbeit hin zu einer möglichst optimalen Behandlung und Betreuung dieser Patienten werden aufgezeigt und kritisch hinterfragt, gerade auch um Interessierten wichtige Anregungen und Hinweise für die Etablierung solcher in der Akutversorgung notwendigen Stationen geben zu können.

17:25
TANDEM: Integration von Angehörigen in die geriatrische stationäre Rehabilitationsbehandlung bei Patienten mit der (Neben-) Diagnose Demenz
S131-03 

J. Heckmann; Bad Kreuznach

Im Krankenhaus sowie in der Rehabilitation müssen die Bedarfe der Patienten mit Demenz und ihrer Angehörigen besser als bisher berücksichtigt werden.
In der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe in Bad Kreuznach wurde im November 2012 für Patienten mit der Nebendiagnose Demenz die „Tandem-Station“ eröffnet, die sich konzeptionell auf die speziellen Bedürfnissen der Patienten mit Demenz ausgerichtet hat. Um den Kranken mehr Sicherheit zu vermitteln, gleichzeitig zu Nachhaltigkeit der Behandlung und zur Entlastung der Angehörigen beizutragen, können Angehörige mit aufgenommen werden.
Die begleitenden Angehörigen werden durch Fachpersonal angeleitet, erhalten Informationen und Supervision in den Bereichen Pflege, Kommunikation, Mobilisation, Ernährung sowie zu weiterführenden Hilfen in ihrer Umgebung. Während des Aufenthalts können die Angehörigen unter psychologischer Betreuung ihre seelischen und psychischen Belastungen im Alltag ansprechen, den Austausch finden und für sich selbst ebenso auch Hilfe suchen.
Neben den Therapien zur Behandlung der Rehabilitationsdiagnose (z.B. Schenkelhalsfraktur), die an die Biographie angepasst ist, gibt es zusätzliche Angebote der Tagesstrukturierung. Dies ist möglich, weil neben den speziell qualifizierten Mitarbeitern auch zehn geschulte ehrenamtliche Helfer arbeiten, z.B. werden die Abendstunden aktiv („Nachtcafés“) an die Bedürfnisse der Patienten angepasst. Für den zusätzlichen Betreuungsaufwand wurde eine zusätzliche Nachtwache eingerichtet. Durch das Konzept kann der Zugang zum Patienten schneller gebahnt werden und Rehabilitation da möglich wird, wo sie vorher kaum denkbar waren.
Patienten mit der (Neben-) Diagnose Demenz können durch das Rehabilitationskonzept Selbständigkeit und Mobilität wiedererlangen und in ihre vorherige Versorgungssituation zurückkehren, wie Routinedaten (EVA-REHA®) belegen.
Die Kosten für den Aufenthalt der Patienten werden von den Krankenkassen übernommen (Anschlußrehabilitation/Antrag durch Hausarzt). Einzig die moderaten Kosten für die Aufnahme des Angehörigen im „Rooming In“ sind selbst zu tragen.

17:45
Emotionsorientierte Kommunikation mit Menschen mit Demenz: Anspruch und Wirklichkeit
S131-04 

M. Dammert; Berlin

Emotionsorientierte Pflegekonzepte wie bspw. die Validation oder die Basale Stimulation, weisen die Gemeinsamkeit auf, dass sie sich als personzentrierte Pflege verstehen. Solche Konzepte, die mittlerweile weite Verbreitung erfahren haben, fordern dazu auf, Gefühle und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz in den Fokus des pflegerischen Handelns zu stellen. Die Arbeit mit und an den Emotionen von Menschen mit Demenz soll gleichsam die Grundlage der Kommunikation bilden, sei dies auf einer verbalen, non-verbalen oder paraverbalen Ebene. Empathie, Wertschätzung und Authentizität sind hierbei die leitenden Begriffe. Das Ziel besteht darin, das Selbstwertgefühl, die Selbstbestimmung sowie das emotionale und körperliche Wohlbefinden der jeweiligen Person mit Demenz bestmöglich zu erhalten und zu fördern. In der Praxis wird dieser Ansatz überwiegend positiv und teilweise mit Begeisterung aufgenommen. Es ist anzunehmen, dass emotions- bzw. personzentrierte Konzepte weithin dem beruflichen Selbstverständnis professioneller Pflegepersonen entsprechen. Nicht zuletzt: Wer möchte nicht selbst so gepflegt werden?
Die qualitativ angelegte Studie EMOTi-KOMM (Hochschule Fulda) untersuchte während eines vierjährigen Forschungsvorhabens die Anwendung und Umsetzung emotionsorientierter Kommunikationsansätze in der stationären Altenpflege und kommt zu dem Ergebnis, dass diese im Pflegealltag nicht oder nur stark modifiziert angewendet werden. Auch dominierten überwiegend solche Interaktionen die Beobachtungen, die von Tom Kitwood als maligne Sozialpsychologie beschrieben wurden: Mitarbeitende ignorieren bspw. Bedürfnisse, sie lenken ab, vertrösten oder beschwichtigen. Doch wie ist dies zu erklären? Eine Schwierigkeit scheint zu sein, dass nicht nur der Mensch mit Demenz Person ist, sondern ebenso die Pflege- und Betreuungsperson. Denn was bedeutet es aus deren Perspektive im Pflegealltag so zu handeln wie sie entsprechend dieser Konzepte handeln soll? Was ver- oder gar behindert eine emotions- bzw. personzentrierte Kommunikation mit Menschen mit Demenz in der Praxis? Vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse der Studie EMOTi-KOMM will der vorliegende Beitrag dieser Frage nachgehen.

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