Interdisziplinäre Veranstaltung

Samstag, 10.09.2016

10:15 - 11:45

Bertha-Benz Saal

S422

Das eigene Altern als Zukunftsszenario: Planungen, Ängste, Ziele

Moderation: E. Kessler, Berlin

Vorstellungen über das eigene Alter(n) in der Zukunft rekurrieren auf ein diffuses Spannungsfeld zwischen Wünschen, Sorgen und Unsicherheiten. Entsprechend stellt die Planung und Vorbereitung auf das künftige Leben eine individuelle sowie gesellschaftliche Herausforderung dar. Doch welche Ideen, Ängste und Ziele bestehen konkret über das eigene Alter(n)? Welche Themen gewinnen hier an Bedeutung und welche Rolle kommt dabei den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Professionen in Gesundheit und Pflege zu? Diese Fragen stehen hier im Zentrum mit Beiträgen aus der Perspektive der Psychologie, Medizin, Rechtswissenschaft, Gerontologie und Sozialen Arbeit. Aufgrund der zunehmenden medialen und realen Konfrontation mit Demenz nehmen Befürchtungen zu, im Alter selbst an Demenz zu erkranken („Dementia Worry“). Im ersten Vortrag stellt Eva-Marie Kessler Befunde aus eigenen Studien vor, die Dementia Worry in der Allgemeinbevölkerung und in spezifischen Populationen (Altenpflegekräfte, kognitiv gesunde Patient/inn/en im Setting Gedächtnisambulanz, pflegende Angehörige) betrachten. Julia Haberstroh und Tanja Müller zeigen im zweiten Beitrag anhand eigener Untersuchungen auf, wie Einwilligungsfähigkeit bei Demenz und die Entscheidungsfähigkeit in Bezug auf die eigene Zukunft von unterschiedlichen Professionen (Juristen, Mediziner, Medizinethiker) beurteilt wird und welche Handlungs- und Entscheidungsunsicherheiten angesichts fehlender standardisierter, evidenzbasierter und interdisziplinär gleichermaßen anerkannter Verfahren zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit bestehen. Im dritten Beitrag werden Planungen für die eigene Wohnzukunft im Alter im Spannungsfeld zwischen Kontinuität, Verbundenheit (place attachment) und Reaktion auf (antizipierte) Verluste betrachtet. Anja Beyer, Roland Rupprecht und Frieder R. Lang berichten hier Ergebnisse einer empirischen Erhebung unter Bewohnern von großstadtnahen und ländlichen Gemeinden. Im vierten Beitrag stellt Katrin Boch qualitative Befunde aus der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie zur Zeitperspektive vor. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie Hundertjährige mit der eigenen Endlichkeit umgehen sowie ihre Ziele und Zukunftsperspektiven.

10:15
Angst und Sorge, an Demenz zu erkranken
S422-01 

Eva-Marie Kessler, Fakultät Naturwissenschaften, Gerontopsychologie, Medical School Berlin

Im Mittelpunkt des Vortrags steht das Phänomen dementia worry (DW), d.h. Befürchtungen und Sorgen, im Alter einmal an Demenz zu erkranken (Kessler, Bowen, Baer, Froelich & Wahl, 2012). Aufgrund der zunehmenden medialen Konfrontation mit Demenz und der steigenden Kontakthäufigkeit mit Menschen mit Demenz stellt DW ein relevantes Phänomen in einer Gesellschaft des längeren Lebens dar: Die zunehmende Begegnung mit Demenz ist eine Herausforderung auch für “Nicht-Betroffene”. Weil DW möglicherweise im Zusammenhang mit individuellem Wohlbefinden, Gesundheitsverhalten (z.B. Demenzvorsorge und -screening) und Planungen und Vorbereitungen auf das Alter steht, besteht in diesem Forschungsfeld dringender Forschungsbedarf. Bisher wurden allerdings nur wenige Studien zu dem Thema publiziert. In dem Vortrag werden nach einer theoretischen Verortung von DW fünf eigene pilothafte Studien (quantitativ und qualitativ) vorgestellt, die das Phänomen DW in der Allgemeinbevölkerung und in spezifischen Populationen (Altenpflegekräfte, kognitiv gesunde Patient/inn/en im Setting Gedächtnisambulanz, pflegende Angehörige) in Bezug auf seine Inhalte wie auch seine Korrelate und Konsequenzen näher untersuchen. Insgesamt zeigt sich, dass DW als eine spezifische Form von Altersangst (aging anxiety) verstanden werden kann, welche mit psychischer Belastung einhergeht, und für Personen, die hochintensive (persönliche oder berufliche) Erfahrungen mit Demenz gemacht haben, stark ausgeprägt ist. Weiterhin besteht eine zentrale Angst in Zusammenhang mit Demenz im wahrgenommenen Verlust des symbolischen Selbst und der Identität. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass DW ein genuin gerontologisches Konzept ist, welches einen produktiven Rahmen zum weiteren wissenschaftlichen Verständnis der psychosozialen und sozialkulturellen Herausforderungen im Kontext von Demenz bietet.

10:35
Einwilligungsfähigkeit bei Demenz: Interdisziplinäre Perspektiven
S422-02 

Julia Haberstroh & Tanja Müller, Frankfurter Forum für interdisziplinäre Alternsforschung, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M.

In Deutschland existieren bislang keine konkreten evidenzbasierten Verfahrensvorgaben zur adäquaten Prüfung der Einwilligungsfähigkeit in medizinische Maßnahmen. Hierin liegt begründet, dass von den Beurteilenden (v.a. Ärzte und Richter) jeweils individuelle Heuristiken als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, die sowohl inter- als auch intradisziplinär zum Teil stark voneinander abweichen. Der Mangel an standardisierten, evidenzbasierten und interdisziplinär gleichermaßen anerkannten Verfahren zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit führt zu einer Handlungs- und Entscheidungsunsicherheit in der rechtlichen sowie medizinischen Praxis. Eine besondere Herausforderung stellt hierbei die dramatische Zunahme demenziell erkrankter, multimorbider Patienten dar, die in mannigfaltige medizinische Maßnahmen einwilligen müssen, obgleich ihre Einwilligungsfähigkeit aufgrund der kognitiven Einbußen in Frage steht. Die vorzustellende Studie verfolgt die Fragestellung, wie Einwilligungsfähigkeit von unterschiedlichen Professionen (Juristen, Mediziner, Medizinethiker) beurteilt wird. In 41 Expertenbefragungen wurden die Einwilligungsfähigkeits-Urteile und Beurteilungskriterien von Richtern, Ärzten und Medizinethikern ermittelt und ausgewertet. Die Ergebnisse verweisen darauf, dass die unterschiedlichen Professionen bei ein und demselben Patienten zu hochgradig divergierenden, gar konträren Urteilen kommen. Aus diesem Befund wird der dringende Bedarf an einem multiprofessionellen Leitfaden-Assessment gemäß internationalem Vorbild abgeleitet, das nicht nur die Beurteilung, sondern ebenso die Unterstützung von Einwilligungsfähigkeit und somit Selbstbestimmung zum Ziel haben muss. Zudem müssen klare Handlungsempfehlungen entwickelt werden, wie bei im Krankheitsverlauf prospektiv auftretender Einwilligungsunfähigkeit die Möglichkeiten, aber auch Risiken von Vorausplanung und Stellvertretung berücksichtigt werden können.

10:55
Subjektive Restlebenszeit und vorsorgende Umzugsplanung in der zweiten Lebenshälfte – Vergleich von urbanem und ländlichem Raum
S422-03 

Anja Beyer, Roland Rupprecht & Frieder R. Lang, Institut für Psychogerontologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg

Einleitung und Fragestellung: Planungen für die eigene Wohnzukunft stehen im Spannungsfeld zwischen Kontinuität, Verbundenheit (place attachment) und Reaktion auf (antizipierte) Verluste. Dabei kann ein vorsorgender Wohnungswechsel als proaktives Handeln zur Realisierung von Entwicklungschancen angesehen werden. In der Studie wird der Einfluss der subjektiven Restlebenszeit auf mögliche Umzugsplanungen und deren zeitliche Einordnung im Lebensverlauf betrachtet. Verglichen werden dabei Bewohner von großstadtnahen und ländlichen Gemeinden.
Methodik: In postalischen Befragungen wurden Personen zur Lebenssituation, Planungen für das eigene Alter und subjektiver Restlebenszeit befragt. Die N=2156 Teilnehmer aus der großstadtnahen Gemeinde waren im Mittel 65.5 Jahren alt (Range 50 - 94 Jahre; 51% weiblich; Eigentumsquote: 83%). Das durchschnittliche Alter der N=224 Bewohner aus dem ländlichen Raum lag bei 71.3 Jahren (Range 60 - 92 Jahre; 50% weiblich; Eigentumsquote: 83%).
Ergebnisse: Im großstadtnahen Raum erwägen etwa 39% der Befragten einen zukünftigen Umzug, wobei neben soziodemografischen Merkmalen, die aktuelle Wohnsituation, Gesundheit sowie die subjektive Restlebenszeit einen Einfluss auf die Umzugsplanung und deren zeitliche Einordnung hat. Personen, die eine geringere Restlebenszeit angeben, erwägen einen Umzug in einem höheren Alter (abwartende Planung). Bei Personen, die mehr Restlebenszeit verspüren, ist die Umzugsplanung in jüngeren Jahren verankert (vorsorgende Planung). Im ländlichen Raum ist die Umzugsplanung geringer ausgeprägt (11%), der Einfluss der subjektiven Restlebenszeit auf die zeitliche Einordnung der Umzugsplanung konnte jedoch repliziert werden.
Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass Überlegungen zur individuellen Wohnzukunft hinsichtlich der zeitlichen Einordnung im Zusammenspiel mit dem subjektiven Erleben des Zeithorizonts betrachtet werden müssen. Dies sollte in Beratungs- und Entscheidungssituationen verstärkt berücksichtigt werden.

11:15
„Das möchte ich noch gerne erleben." - Zukunftsperspektive im Alter von hundert Jahren. Ergebnisse aus der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie
S422-04 

Katrin Boch, Netzwerk für Alternsforschung, Ruprecht-Karls- Universität Heidelberg

11:35
Diskussion
S422-05 

Annette Franke, Gesundheitswissenschaften / Methoden der Sozialen Arbeit, Evangelische Hochschule Ludwigsburg

Eva-Marie Kessler
Eva-Marie Kessler
Julia Haberstroh
Julia Haberstroh
Tanja Müller
Tanja Müller
Anja Beyer
Anja Beyer
Roland Rupprecht
Roland Rupprecht
Frieder R. Lang
Frieder R. Lang
Katrin Boch
Katrin Boch
Annette Franke
Annette Franke





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