Symposium Geriatrie
Freitag, 09.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Ulm
S326
Mobile Rehabilitation - Innovation in der Geriatrie

Moderation: R. Siegert, Bremen; F. Naumann, Woltersdorf

Der Anspruch auf mobile geriatrische Rehabilitation (MoGeRe) ist seit 2007 sozialrechtlich verankert im § 40 SGB V. Dennoch haben sich seither nur wenige Einrichtungen neu gegründet. Diese spezielle Versorgungsform kann und muss deshalb weiterhin als innovativ bezeichnet werden.
Das Verfahren der MoGeRe wurde 2007 durch die Rahmenempfehlungen zur mobilen geriatrischen Rehabilitation geregelt. Von Rothkirch C. und Siegert R. schildern diese Rahmenbedingungen. Anhand von Fallbeispielen wird die besondere Klientel verdeutlicht. Ebenso die Tatsache, dass MoGeRe-Verfahren auch außerhalb der spezifischen Indikationskriterien lt. Rahmenempfehlung mit Kostenübernahme der Krankenkassen stattfinden.
MoGeRe versorgt Rehabilitanden, die im klassischen ambulanten oder stationären Setting nicht oder nur mit geringerem Outcome behandelt werden können. Insofern ergänzt sie das Angebotsspektrum des geriatrischen Versorgungsnetzes, wie Warnach M. darstellt. Der Behandlungsort ist das gewohnte Wohnumfeld, also die Wohnung oder auch die Pflegeeinrichtung. Anforderungen an eine gelingende Kooperation der MoGeRe mit Einrichtungen der stationären Pflege werden dargestellt von Behrens J..
Innovation in der Gesundheitsversorgung muss auch aus gesundheitsökonomischer Sicht betrachtet werden. Janßen H. nähert sich der Fragestellung einer angemessenen gesundheitsökonomischen Evaluation der MoGeRe.
Und wie geht es weiter? Siegert R. und Naumann F. stellen Tendenzen dar, wie die mobile Rehabilitation sowohl für geriatrische Patienten als auch für jüngere Patienten weiter entwickelt werden kann und vertiefen dies in der anschließenden Diskussion.

10:45
Theorie und Praxis der mobilen Rehabilitation
S326-01 

C. von Rothkirch, R. Siegert; Bremen

Die besondere Versorgungsform der mobilen Rehabilitation ist grundsätzlich geregelt in § 40 Abs.1 SGB V. Weitere regelnde Rechtsnormen sind die Rehabilitations-Richtlinie und – für den geriatrischen Bereich – die Rahmenempfehlungen zur mobilen geriatrischen Rehabilitation (2007). Rahmenempfehlungen für mobile Rehabilitation außerhalb des geriatrischen Spektrums liegen derzeit nicht vor, obwohl auch hierfür - bei gegebenen Indikationen - ein Rechtsanspruch gegeben ist.
Mobile Geriatrische Rehabilitation (MoGeRe) wird durchgeführt, wenn die klassischen Indikationskriterien für eine Rehabilitationsmaßnahme gegeben sind (Rehabilitationsbedürftigkeit, Rehabilitationsfähigkeit, Formulierung von Rehabilitationszielen und eine positive Prognose für das Erreichen dieser Ziele). Dabei ist zu beachten, dass diese allgemeinen Indikationskriterien sowohl in der Geriatrie als auch besonders in der mobilen Geriatrie modifiziert anzuwenden sind. Für die MoGeRe kommen außerdem spezifische Indikationskriterien hinzu, die unbedingte Voraussetzung für diese spezielle Leistung sind.
In Fallbeispielen werden die besonderen Konstellationen erläutert und die Spezifika der mobilen Variante des Rehabilitationsprozesses dargestellt. Mit Zustimmung der Kostenträger erfolgen bereits heute Rehabilitationsmaßnahmen auch außerhalb des geriatrischen Indikationsspektrums. Im Beitrag werden anhand von Fallbeispielen Rehabilitationsverläufe dargestellt, die zeigen, dass auch diese Klientel von einer Rehabilitationsmaßnahme in der gewohnten Umgebung profitiert. In diesen Konstellationen werden Behandlungserfolge in den Bereichen Transfer, Selbsthilfe, Pflegeerleichterung und individueller Teilhabe erreicht. Die mobile Rehabilitation hat für geriatrische aber auch jüngere Rehabilitanden deshalb eine besonders hohe Akzeptanz, weil für diese Klientel bisher oftmals kein Versorgungsangebot bestand.

11:00
Mobile Geriatrische Rehabilitation - ein wesentliches Element im Netz der geriatrischen Versorgung
S326-02 

M. Warnach; Berlin

Mobile Geriatrische Rehabilitation (MoGeRe) ist indiziert bei geriatrischen Patienten mit einer besonderen Problemkonstellation, die in den traditionellen Formen der Rehabilitation nicht adäquat behandelt werden können, so z.B. dementiell erkrankte Patienten oder Patienten mit komplexen Schädigungen, bei denen die Rehabilitationsziele nur in der eigenen Häuslichkeit erreicht werden können. Nach den Auswertungen der bundesweiten Basisdokumentation der MoGeRe (Kompetenzcentrum Geriatrie HH) kommen 60% der Patienten der MoGeRe aus nichtgeriatrischen Krankenhausabteilungen, weitere 23% aus Abteilungen der Akutgeriatrie Akutkrankenhaus, 11% aus dem ambulanten Bereich. In 27% der Fälle wird die MoGeRe in Pflegeheimen durchgeführt, weitere 9% beginnen in Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit dem Ziel der Entlassung in die eigene Häuslichkeit.
In dem Vortrag sollen die Erfahrungen der bestehenden MoGeRe-Einrichtung mit den verschiedenen Kooperationspartnern im Gesundheitswesen vorgestellt werden: Für Akutkliniken bedeutet MoGeRe eine adäquate Weiterversorgung für bestimmte geriatrische Problempatienten, sei es direkt in der eigenen Häuslichkeit oder über den Umweg Kurzzeitpflege. MoGeRe stellt für diese Patienten einen wichtigen Baustein für die Nachsorge und unterstützt ein differenziertes Entlassungsmanagement der Krankenhäuser. Hausärzte und niedergelassene Fachärzte sehen in der MoGeRe die Möglichkeit, funktionellen Status, Selbstständigkeit und soziale Teilhabe geriatrischer Patienten deutlich zu verbessern, längerfristig eine stabile häusliche Versorgung zu ermöglichen und zugleich für diese Patienten problematische stationäre Aufenthalte zu vermeiden.
MoGeRe wird in zunehmendem Maße in stationären Pflegeeinrichtungen angefragt. Pflegeheime, die eine engere Kooperation mit MoGeRe eingehen, können dies als Qualitätsmerkmal ausweisen. Durch den Austausch mit den Therapeuten lernt die Pflege Rehabilitationsinhalte und Methoden der Rehabilitation kennen; Ansätze für ein besser gestaltetes Aktivierungs- und Teilhabekonzept in den Pflegeeinrichtungen werden ermöglicht. Zusammenfassend wird erläutert, dass MoGeRe ein wichtiges Bindeglied in der geriatrischen Versorgung einer definierten geriatrischen Patientengruppe darstellt.

11:15
Das gesetzliche Rehaziel Selbstbestimmte Teilhabe in der stationären Pflege - unterstützt durch Mobile Geriatrische Rehabilitation
S326-03 

J. C. Behrens, K. Grune, H. J. Janßen, J. W. Kraft, L. Köhler, O. Kuschen, N. Martin, F. Naumann, M. Pflug, G. Ralle-Sander, C. von Rothkirch, M. Schmidt-Ohlemann, R. Siegert, S. Thiel, M. Warnach, M. Weiglein; Halle (Saale), Woltersdorf, Bremen, Coburg, Bad Kreuznach, Berlin

Hintergrund: Selbstbestimmte Teilhabe ist in Deutschland das gesetzliche Rehaziel, dessen Verbindlichkeit durch die UN-Behindertenrechtskonvention noch gesteigert wurde. Gleichzeitig fürchten viele Menschen am "Heim" vor allem, dass sie mit dem Umzug in die stationäre Pflege an Selbstbestimmung verlieren, insbesondere, was ihre erstrebte soziale Teilhabe angeht. Weil jeder Mensch, der pflegebeürftig im Sinne der Pflegeversicherung ist, zugleich behindert wird i.S. des SGB IX, hat diese Person sowohl Anspruch auf einen Teilhabe- als auch auf einen Pflegeplan. Praktischerweise sollten Teilhabe- und Pflegeplanung integriert und nicht völlig unabhängig voneinander verfolgt werden.
Fragestellung: Kann die Mobile Geriatrische Rehabilitation ("MoRe"), auf die als Regelleistung auch BewohnerInnen stationärer Pflegeeinrichtungen bei entsprechendem Bedarf einen Anspruch haben, zu diesem gesetzlichen Ziel beitragen?
Methoden und Sample: In einer multizentrischen Studie in fünf Bundesländern werden - vom Bundesgesundheitsministerium bis 2018 gefördert - in einer Organisations-Verlaufsstudie die Entwicklung der Kooperation von MoRe- und Pflege-Einrichtungen zusammen mit ihren Rehabilitanden untersucht, flankiert durch eine klinisch epidemiologische Studie des MoRe-Bedarfs bei allen Einrichtungs-BewohnerInnen und einer vergleichenden Verlaufsstudie von MoRe-Bedürftigen mit und ohne MoRe.
Bisherige Ergebnisse der Organisations-Verlaufsstudie: 1) Nach anfänglichem Nebeneinander von MoRe und Pflege entwickeln die beiden Einrichtungen nach zahlreichen organisatorischen Maßnahmen gemeisame Handlungspläne und übernehmen wechselseitig ihre Perspektiven.
2. Beim Aufbau interner Evidence zu den individuellen selbstbestimmten Teilhabezielen ist MoRe auf die Bezugspflegenden regelmäßig angewiesen.
3. Auch Personen mit demenziellen Erkrankungen, die ihre Teilhabeziele sprachlich kaum verständlich ausdrücken können, können sie körpersprachlich verständlich machen.
4. Barthel- und FIM geben eher die Selbständigkeit wieder als den Stand der Selbstbestimmung in der für die Person wichtigen Teilhabe, also des gesetzlichen Reha-Ziels.
Fazit: Nur wenn MoRe und Pflege gut kooperieren, leisten sie einen Beitrag zur Selbstbestimmten Teilhabe auch im "Heim".

11:30
Gesundheitsökonomie und Mobile Geriatrische Rehabilitation (MoGeRe)
S326-04 

H. J. Janßen; Bremen

Fragestellung Auch für die Mobile Geriatrische Rehabilitation (MoGeRe) hat der Versicherungsträger sicherzustellen, dass die Grundsätze (SGB IV § 69 Abs. 1) der „Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit“ realisiert sind. Die MoGeRe ist ein neues Leistungsangebot, so dass bislang kaum gesundheitsökonomische Analysen zu dieser rehabiltativen Versorgung vorliegen.
Methodik Bislang vorliegende Überlegungen zur Reha-Ökonomie (vgl. bspw. Krauth et al 2005) sollen genutzt werden, um der Fragestellung angemessener gesundheitsökonomischer Evaluation einer MoGeRe näher zu kommen. Es ist zu erörtern, wie (gesundheitsökonomisch) die rehabilitative Versorgung eines geriatrischen Patienten zu messen ist? Welche Kriterien sind anwendbar, welche Perspektiven der Bewertung sind zu beachten? Wie ist die Interdependenz zur Bedarfs- und Versorgungslage? Methodisch können Kosten-Kosten-Analysen und Kosten-Wirksamkeits-Analysen erörtert werden.
Ergebnisse: Das mobile Versorgungsangebot mit einer vergleichsweise „schlanken“ Infrastruktur ist sicherlich eine „sparsame“ Variante der Rehabilitation. Dennoch wird die MoGeRe vergleichsweise zu den anderen Rehabilitationsformen nicht kostengünstiger sein, da sie ein „anspruchsvolles“ Klientel versorgt und insgesamt eine komplexe Intervention ist. Die mobile Rehabilitation ist individuell und arbeitet im Schwerpunkt mit aktiven Therapieelementen und ist auf das Umfeld des Rehabilitanden angewiesen. Eigenpotentiale werden aktiviert. Eine (vergleichende) Analyse der Kosten von Versorgungsoptionen kann vorgenommen werden. Ebenso sind die (Reha-)Wirkfaktoren „Teilhabe“ und „Mobilität“ im Kontext der Versorgungsoptionen gesundheitsökonomisch zu erörtern.
Fazit/ Diskussion: Die MoGeRe ist ein neues wie erweitertes Leistungsangebot. Perspektiven und Analysen aus der Gesundheitsökonomie sollen hier diskutiert werden.

11:45
Und wie geht es weiter ?
S326-05 

R. Siegert; Bremen

Die Beiträge dieses Symposiums beleuchten die innovativen Aspekte im Kontext der mobilen Rehabilitation. Und wie geht es weiter? Tendenzen und Strategien werden dargestellt und diskutiert.
Innovation ist Ausdruck für ein noch nicht flächendeckend etabliertes Versorgungsangebot mit Zukunftspotential. Geriatrische Versorgungsverbünde entstehen und erfordern auch die mobile Versorgungsform, wenn nicht Versorgungslücken bestehen bleiben sollen. Wie wird sich in Zukunft die Rehabilitation für Menschen mit Rehabilitationsbedarf gestalten, die in einer Pflegeeinrichtung wohnen? Mobile Rehabilitation wird bereits nachgefragt und von den Kostenträgern finanziert für Indikationen außerhalb des geriatrischen Spektrums. Rahmenbedingungen sind hier zu erwarten.Und letztlich muss sich auch dieses Rehabilitationsangebot am Markt behaupten und sich den Prinzipien der Gesundheitsökonomie stellen.

Diskutanten: R. Siegert, Bremen; F. Naumann, Woltersdorf

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