Symposium Soziologie & Psychologie
Freitag, 09.09.2016
16:00 - 17:30
Raum Karlsruhe
S333
Menschenwürdiges Altern durch Technikunterstützung

Moderation: U. Fachinger, Vechta

Assistierende Technologien zielen darauf ab, eine möglichst umfassende Unterstützung in der alltäglichen Lebensführung zu gewährleisten, die Lebensqualität zu verbessern und die individuelle Autonomie auch in höherem Alter zu erhalten. Derartige Systeme sind zunehmend für den alltäglichen Gebrauch geeignet und gewinnen mehr und mehr an Bedeutung im Lebensalltag von Menschen, u. a. durch die Nutzung von Smart Phones oder die Hilfesysteme in PKWs. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ermöglichen eine online Unterstützung bezüglich gesundheitlicher Aspekte, erhöhen die Sicherheit zu Hause – angefangen von automatischen Abschaltsystemen bei elektrischen Geräten über Sturzpräventionssysteme bis hin zu Smart Home Anwendungen – oder tragen zur Aufrechterhaltung des eigenen sozialen Netzwerks bei.
Während IKT mittlerweile in relativ großem Umfang für „social networking“ genutzt wird, finden diese Technologien in vielen Dienstleistungsbereichen kaum Anwendung, obwohl sie die Effizienz, Effektivität und Qualität von haushalts- oder gesundheitsbezogenen Leistungen für ältere Menschen verbessern können. So ist es durch eine Vernetzung von privaten Haushalten, kommunalen Institutionen und Dienstleistern möglich, individuenbezogene Dienstleistungen zu entwickeln oder bestehende Dienstleistungen entsprechend den Bedarfen zu modifizieren. Dies trifft sowohl für die Versorgung in ländlich geprägten Regionen als auch für die quartiersbezogene Versorgung in Städten zu.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des Symposiums, neue Technologien und ihre Integration in schon bestehende Dienstleistungen zu diskutieren. Es werden Erkenntnisse aus den jeweiligen Modellvorhaben dargelegt und darauf aufbauend Strategien zu Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen in ländlichen Regionen und Stadtquartieren erörtert. Hierbei sind die Akzeptanz der beteiligten Akteure sowie die Bedarfe der jeweiligen Nutzer zu berücksich-tigen. Fragen, denen nachgegangen wird, sind u. a., wie eine nachhaltige Entwicklung erreicht werden kann, wie Finanzierungsstrukturen sein können oder wie unterstützende Systeme für ein aktives und gesundes Altern eingesetzt werden können.

16:00
Technikbedarfe älterer Menschen (ATASeN)
S333-01 

H. Pelizäus-Hoffmeister; München

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stellt sich immer drängender die Frage, wie ältere Menschen bei einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung im eigenen Haushalt unterstützt werden können. Dem Einsatz von Technik wird in diesem Zusammenhang erhebliches Potenzial zugeschrieben. In der Lebenswirklichkeit Älterer sind technische Unterstützungssysteme jedoch noch nicht in befriedigendem Maße angekommen. Dies wird in einschlägigen Debatten häufig damit begründet, dass Technikentwicklung für Ältere bislang stark technologiegetrieben verlaufe. Technisch Machbares stünde im Vordergrund und nicht die konkreten Probleme Älterer bei der Aufrechterhaltung ihres Alltags.
Die Erhebung der konkreten Bedarfe und Wünsche Älterer stellt aus der hier präsentierten Sicht ein zentrales Thema dar, das in der Forschung zu "Alter und Technik" bisher noch nicht den Stellenwert einnimmt, den es mit Blick auf aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen haben sollte. Vor diesem Hintergrund wird im Rahmen des Vortrags eine Forschungsstrategie vorgestellt, die darauf abzielt, die Bedarfe und Wünsche Älterer auf der Basis einer Analyse ihrer alltäglichen Lebensführung zu erheben. Die Ergebnisse können genutzt werden, um technische Assistenzsysteme für Ältere zu entwickeln, die tatsächlich dazu beitragen, deren selbstständige und selbstbestimmte häusliche Lebensführung zu unterstützen. In dem hier entwickelten Ansatz einer kontextintegrierenden, praxiszentrierten Bedarfsanalyse werden Elemente der Feldforschung und der partizipativen Forschung verknüpft, um auf diese Weise zu einem validen Bild der tatsächlichen Herausforderungen im Alltag Älterer zu gelangen.
Diese Methodik, die im Rahmen des vom BMBF geförderten Projektes ATASeN entwickelt wurde, lässt sich insbesondere dann sinnvoll einsetzen, wenn es darum geht, technische Systeme für Anwendungskontexte zu entwickeln, die sich durch ein hohes Maß an Routinehaftigkeit und entsprechend durch eine gewisse Widerständigkeit gegenüber den Zumutungen auszeichnen, die mit der Adaption von Innovationen verbunden sind.

16:15
Technisch unterstützte Vernetzung älterer Menschen im Quartier
S333-02 

A. Spellerberg, L. Schelisch; Kaiserslautern

Ältere Menschen stehen bislang nur selten im Fokus des Internet- und Mediengebrauchs, weil sie im Durchschnitt zu den zurückhaltenden Bevölkerungsgruppen bei der Ausstattung mit Anschlüssen und der Intensität der Nutzung von IKT gehören. Das Forschungsprojekt „Wohnen mit Zukunft“ sowie das Folgeprojekt „Technisch-Soziales Assistenzsystem“ verfolgten zum einen das Ziel, das selbstständige Wohnen im Alter mit der Hilfe intelligenter Technologien zu erleichtern und zum anderen die soziale Integration der Bewohner/innen zu fördern. Hierzu wurde ein technisches Assistenzsystem entwickelt, das Unterstützung im Alltag leistet und verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten bietet. Die Teilnehmer/innen erhielten einen Touchscreen-PC, über den nicht nur die Haussteuerung erfolgt und u.a. haushaltsnahe lokale Dienste organisiert werden können, sondern der es auch ermöglicht, Kontakt zum Nachbarschaftsverein, Bekannten und Verwandten herzustellen und sich miteinander zu vernetzen.
Ziel des Beitrags ist, anhand der Erfahrungen mit dem Assistenzsystem die Möglichkeiten einer Vernetzung älterer Menschen im Quartier zu diskutieren. Wir gehen der Frage nach, inwieweit die neuen technischen Mittel ein Potenzial für die Mobilisierung und Organisierung von Nachbarschaften und eine stärkere Beteiligung älterer Menschen bei der Gestaltung ihres sozialräumlichen Umfeldes beinhalten. Die Ergebnisse bieten Anknüpfungspunkte für weitergehende Forschungen, denn die Wohnbedürfnisse älterer Menschen richten sich vergleichsweise stark auf die soziale Einbettung und ein attraktives Wohnumfeld, das sicher sein und Nähe zu gesundheitsbezogenen Einrichtungen sowie möglicherweise zu kulturellen und Freizeitangeboten bieten soll. Die Vernetzung der Wohnung mit dem Wohnumfeld spielt bei der Suche nach technischen Innovationen daher eine zentrale Rolle.
Unseren Ergebnissen entsprechend wird die Vernetzung mit Einrichtungen oder Dienstleistern aus dem Quartier jedoch nicht realisiert, kulturelle und Freizeiteinrichtungen, Gesundheitsdienste, soziale Treffpunkte und die Nahversorgung werden durch die Technik bislang nicht erreicht. Die technischen Systeme können jedoch für die Unterstützung von Nachbarschaften und für die Belebung von Quartieren für ältere Menschen eine wichtige Rolle einnehmen.

16:30
Das AAL-Netzwerk Saar - die Vernetzung einer Region. Grenzen überschreitend und ganzheitlich
S333-03 

W. Langguth; Saarbrücken

Das AAL-Netzwerk Saar wurde Ende 2013 mit der Idee gegründet, innovative Dienstleistungen und aktuelle, kommerziell verfügbare Technik zu einem, regional ausgeprägtem, universellen Versorgungsangebot zu verknüpften, mit dessen Unterstützung Menschen jeden Alters und in jeder Lebenslage möglichst lange ein autonomes Leben führen können. Aus der Initiative entwickelte sich bis heute ein landumfassendes Netzwerk von ca. 140 institutionellen und persönlichen Partnern, von denen sich derzeit ca. 65 Mitglieder in einem gemeinnützigen e. V. zusammengeschlossen haben. Seit Anfang 2014 hat das Netzwerk am Aufbau der deutsch-französischen Kooperation "Clusters Silver Economy", mitgewirkt, die in der umgebenden grenzüberschreitenden Region die gleichen Ziele verfolgt.
Mit seinen Partnern erreicht das Netzwerk repräsentativ nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und ist in der Lage, neue, ganzheitliche Versorgungsmodelle zu entwickeln. Die individuellen Fähigkeiten und Bedarfe des Einzelnen stehen dabei im Mittelpunkt. Die Versorgungsmodule müssen über die Grenzen von Wirtschaft, über Sozial- und Gesundheitsbereiche hinweg, eingebettet in bestehende oder zu stärkende soziale Strukturen zu individuellen Angeboten gebündelt werden. Komplexe Geschäftsmodelle, die, regional verankert und überregional getragen, sektorenüberschreitend unternehmerische und gesellschaftliche Interessen zusammenführen, sollen in Modellprojekten erprobt werden.
Dabei geht es nicht allein um AAL, sondern um neues, vielfältigen Wohnen, um demographischen Wandel, zunehmend um Digitalisierung, neues Arbeiten und um eine neue Wirtschaft, die sich gegenseitig zukünftig immer mehr bedingen.
Ein verantwortungsbewußten Einsatz von ICT-basierten Technologien in allen Lebensbereichen und - situationen von Menschen, erfordert einen, ethisch im höchsten Maß verantwortlicher Umgang mit allen persönlichen Daten eines jedes Einzelnen und neu, rechtsverbindlichen Ordnungsstrukturen.
Das AAL-Netzwerk Saar hat begonnen, mit einem ganzheitlichen Versorgungskonzept und mit ersten Projekten neue Wege im Demografischen und Digitalem Wandel zu entwickeln und umzusetzen. Eine öffentliche Diskussion zur Datenethik soll die Initiative begleiten.

16:45
Soziale Inklusion durch technikgestützte Kommunikationsangebote im Stadt-Land-Vergleich (Sonia)
S333-04 

T. Bratan, N. Heyen; Karlsruhe

Im Projekt „SONIA – Soziale Inklusion durch technikgestützte Kommunikationsangebote im Stadt-Land-Vergleich“ wurde in sowohl städtisch als auch ländlich geprägten Sozialräumen über drei Jahre untersucht, inwiefern und unter welchen Bedingungen sich die soziale Teilhabe von Seniorinnen und Senioren durch eine über Tablet-PCs bereitgestellte Kommunikationsplattform fördern lässt.
Es zeigt sich, dass die Einführung neuer IKT-Anwendungen ein Anlass für soziale Vernetzung sein kann, soziale Dynamiken auslöst und somit die soziale Teilhabe von Seniorinnen und Senioren verbessern kann.
Eine sinnvolle Kombination von Online- und Offline-Aktivitäten bzw. -angeboten kann sich gegenseitig unterstützen und fördern. Eine Tablet-Lerngruppe beispielsweise fördert die selbständige Tablet-Nutzung, die Tablet-Nutzung kann aber auch umgekehrt zu neuen sozialen Aktivitäten und Verabredungen im nicht-virtuellen Raum führen. Allerdings reicht die alleinige Bereitstellung von Informations- und Kommunikationstechnologien bzw. Techniken allgemein nicht aus, um die soziale Teilhabe zu fördern oder soziale Isolation zu verringern. Vielmehr müssen darüber hinaus die technischen Lösungen in das spezifische soziale Umfeld eingebettet sowie die entsprechenden individuellen Technik-Kompetenzen und sozialen Strukturen aufgebaut werden.
Der Einsatz von Tablets hat im SONIA-Projekt deshalb zu mehr sozialer Teilhabe geführt, weil darüber eine Kommunikationsplattform bereitgestellt wurde, die Seniorinnen und Senioren gelernt haben, mit Plattform und Tablets umzugehen, und sich dabei wechselseitig kennengelernt und sozial vernetzt haben.

17:00
QuartiersNETZ - Digitale Vernetzung als Basis sozialer Inklusion und eigenständiger Versorgung im Quartier
S333-05 

S. Sachweh; Dortmund

Ziel des Projektes QuartiersNETZ ist die Entwicklung von Quartiersnetzwerken im Ruhrgebiet mit und für ältere Menschen, um ihnen ein möglichst langes und eigenständiges Leben in jedem Alter im Quartier zu ermöglichen. Die Vernetzung zielt durch Information und Kommunikation auf soziale Inklusion ab, während ein breites und nachhaltig gestaltetes (Dienst)leistungsangebot die bedarfsgerecht und eigenständige Versorgung unterstützt. Die digitale Umsetzung solcher Netzwerkstrukturen gestaltet diese transparenter, kann die Entwicklung fördern und vom Ausschluss bedrohten Menschen einen alternativen Zugang zum Quartiersleben bieten. Eine enge Verzahnung der realen und digitalen Netzwerkentwicklung ist neben der intensiven Einbindung zentraler Akteure wie den Älteren, Dienstleistungsanbietern, kommunalen Organisationen oder bereits bestehender Verbünde eine wesentliche Grundlage auf dem Weg zu einer bedarfsgerechten Lösung. Somit muss der Entwicklungsprozess beteiligungsorientiert und inkrementell gestaltet sein, um eine quartiersspezifische Lösungen entstehen zu lassen und dabei ethische, rechtliche und soziale Aspekte zu berücksichtigen. Der Erfolg sowohl realer, wie auch zugrunde liegender digitaler, Quartiersnetzwerke ist in starken Maße abhängig von der Verbreitung, Nutzung, Aktualität sowie der Angebotsbreite der Informationen und Leistungen, die das Netzwerk bietet. Die erfolgreiche Implementierung und Weiterentwicklung von Quartiersnetzwerken erfordert einen hohen Grad der Beteiligung und des Engagements der Bürgerinnen und Bürger sowie weiterer Akteure im Quartier. Dies bedingt einen möglichst niederschwelligen und barrierearmen Zugang zum Netzwerk sowie den Abbau von Nutzungsbarrieren. Bezogen auf technische Komponenten sind Zugangs- und Nutzungnbarrieren häufig recht hoch, so ist die Reduktion dieser Barrieren von vornherein mitzudenken und mitzugestalten. Neben sozialen, technischen und wirtschaftlichen Einflussfaktoren, spielt vor allem eine angemessene, vertrauensvolle Technikberatung und eine Begleitung während der frühen Nutzungshasen eine große Rolle.
Ein in diesem Sinne ganzheitlich angelegter Entwicklungsprozess quartiersspezifischer und dienstleistungsorientierter Netzwerke wird am Beispiel des QuartiersNETZ vorgestellt.

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