Symposium Soziologie & Psychologie
Freitag, 09.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Ulm
S316
Freie Vorträge - Pflege und Demenz
08:00
Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz - Konsentierung einer Definition als Basis für weitere theoretische und empirische Forschungsarbeit
S316-01 

K. Köhler, M. von Kutzleben, J. Dreyer, B. Holle, M. Roes; Witten

Hintergrund Die häusliche Versorgung von Menschen mit Demenz wird überwiegend durch deren Angehörige geleistet. Dabei ist die Herstellung und Aufrechterhaltung der Stabilität des Versorgungsarrangements sowohl ein handlungsleitendes Motiv der betroffenen Familie, als auch Ziel professioneller Unterstützung. Ein konsentiertes Verständnis dazu, was unter Stabilität in diesem Zusammenhang konkret zu verstehen ist, fehlt allerdings. Ziel Entwicklung und Konsentierung einer Definition von Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz.
Methode Basierend auf theoretischen und empirischen Vorarbeiten wurde eine Arbeitsdefinition formuliert. In einem mehrstufigen Prozess wurde diese in einer Expertenfokusgruppe (n=8) diskutiert, nach inhaltsanalytischer Auswertung überarbeitet und im Rahmen eines wissenschaftlichen Kolloquiums (n=18) konsentiert.
Ergebnisse Die Definition beinhaltet die im Konsensprozess als zentral identifizierten Dimensionen von Stabilität. Stabilität wird demnach durch das Versorgungshandeln der beteiligten Akteure (formelle/informelle Helfer, Person mit Demenz) hergestellt, wenn es ihnen gelingt, die Versorgung kontinuierlich bedarfs- und bedürfnisgerecht zu adaptieren. Im Fokus steht der Prozesscharakter: Die handelnden Akteure bewältigen Krisen, etablieren Routinen und bewegen sich dabei auf einem Kontinuum zwischen Stabilität und Instabilität. Ein eventueller Übergang in eine institutionalisierte Wohnform kann aus einer grundsätzlich stabilen Situation heraus erfolgen oder Resultat einer nicht zu bewältigenden Krise sein.
Ausblick Die vorliegende Definition stellt eine Basis für weiterführende Forschung dar. Derzeit wird sie von den Autor/innen als theoretischer Rahmen für eine systematische Literatursynthese genutzt; eine englischsprachige Version wird gemeinsam mit internationalen Expert/innen entwickelt. Ein theoriegeleitetes Verständnis des komplexen Phänomens Stabilität bietet Ansatzpunkte für die Definition von Outcomes sowie die Konzeption von Interventionen und stellt eine Orientierungshilfe für Versorgungspraxis und Beratung dar. Die Autor/innen begrüßen einen fortlaufenden kritischen Austausch zur weiteren Konzeptualisierung des definierten Stabilitätsbegriffs.

08:20
KodE - Kommunikation mit demenziell Erkrankten
S316-02 

S. Pohlmann; München

In der Folge eines fortschreitenden Funktions- und Fertigkeitsverlusts durch eine Demenzerkrankung treten vermehrt Benennungs- und Sprachverständnisstörungen auf. Gleichwohl bestehen weiterhin Möglichkeiten des Austauschs und Teilens von Erleben und Verhalten. Die damit verbundenen Chancen bleiben aber gerade bei älteren Menschen mit Demenz oftmals ungenutzt, und diejenigen, die mit den Betroffenen zusammen leben und arbeiten, fühlen sich vielfach hilflos bei der Bewältigung der damit einhergehenden Kommunikationsprobleme. Sprachliche Hürden tragen vor diesem Hintergrund zu Versorgungsmängeln und einer erhöhten Vulnerabilität bei. Insofern braucht es praxistaugliche Ansätze, die eine demenzspezifische Perspektive berücksichtigen, Ressourcen aktivieren und Fachkräfte wie auch Angehörige wissenschaftsbasiert anleiten, gelingend zu kommunizieren. Das interdisziplinär angelegte Pilotprojekt soll die Kommunikation mit demenziell Erkrankten systematisch verbessern und den Beteiligten einen kongruenten Austausch dort ermöglichen, wo es an Worten und Handlungsoptionen fehlt. Das Forschungsprojekt prüft beispielhaft den Einsatz einer flexiblen und weitgehend nonverbalen Sprache. Dazu erfolgt eine empirische Untersuchung passgenauer Kommunikationsalternativen zur Vermeidung problematischer sozialer Interaktionen. Geprüft wird, inwieweit sich so ein besseres Verständnis zwischen den Beteiligten erzielen lässt, Belastungsspitzen gesenkt und die soziale Teilhabe der Erkrankten aufrecht erhalten werden können. Systematisch unterstützt wird das Projekt durch verschiedene Bündnispartner aus Wissenschaft und Praxis. Entsprechend finden Erkenntnisse aus den Gesundheits-, Sozial- und Bildungswissenschaften Eingang in die Studie. In dem Beitrag werden prototypische Kommunikationshürden bei der Versorgung demenziell Erkrankter geclustert und die Auswirkungen kreativer Kommunikationshilfen beispielhaft für einen symmetrischen sozialen Austausch vorgestellt. Im Fokus stehen neben der Beziehungsebene auch die Lebensqualität der Demenzerkrankten und die Arbeits- bzw. die Lebenssituation der Angehörigen und Fachkräfte. Die empirischen Daten werden kritisch diskutiert und im Hinblick auf Transferoptionen hin analysiert.

08:40
Verursacht Grübeln bei älteren Depressiven Einbußen der kognitiven Möglichkeiten?
S316-03 

F. Metzger, D. Rosenbaum, A.-C. Ehlis, K. Hagen, A. J. Fallgatter; Tübingen

Dieser Vortrag fällt aus

Hintergrund: Depressive Symptome und kognitive Funktionseinbußen sind im Laufe des Alterns häufig und zeigen eine gegenseitige Beeinflussung. Besonders auffällig ist die Altersdepression, da sie mit kognitiven Einbußen und eine schlechteren Behandelbarkeit einhergehen und als Risikofaktor für eine neurodegenerative Erkrankung gilt. Die vorliegende Studie untersucht das neuronale Netzwerk der kognitiven Kontrolle bei Altersdepression bei einer kognitiven Aufgabe und in Ruhe mit Hilfe der funktionellen Nahinfrarot-Spektroskopie (fNIRS).
Methode: fNIRS ist aufgrund der Unbedenklichkeit, der angenehmen Position und Umgebungsbedingung ohne große Gefahren von Bewegungsartefakten ideales Verfahren zur Untersuchung von Hirnaktivierung, gerade bei älteren und psychisch erkrankten Menschen. Durch Messung der hämodynamischen Antwort lässt sich auf die kortikale Aktivität rückschließen. 49 depressive und 51 nicht depressive ältere Menschen wurden während der Durchführung des Trail-Making-Tests und in Ruhe mit fNIRS gemessen und anschließend Konnektivitäts- und Netzwerkanalysen durchgeführt.
Ergebnisse: Die beiden Gruppen zeigten signifikante Unterschiede sowohl in der Ruhebedingung als auch während der Aufgabe. Depressive Patienten zeigten sich während der Durchführung der Aufgabe in ihrem Netzwerk links frontopolar vermindert aktiviert, jedoch unter Ruhebedingungen in der linken frontoparietalen Region stärker aktiv.
Schlussfolgerung: Depressive Ältere zeigen eine andere Netzwerkorganisation in verschiedenen kognitiven Zuständen als gesunde Ältere. Die stärkere Aktivierung in Ruhe könnte ein Indikator für gesteigerte auf sich selbst bezogene Prozesse wie Grübeln sein, die zu einer Verminderung der Aktivierung in der Aufgabenbedingung führt.

09:00
Miteinander im Spannungsfeld Pflege - Fragen zur Vereinbarkeit familiärer Pflege und Erwerbsarbeit an der Alpen-Adria-Universität
S316-04 

N. Frate, B. Jenull; Klagenfurt/A

Die demographische Entwicklung zeigt, dass die Zahl pflegebedürftiger Menschen in den nächsten Jahren rasch anwachsen wird. Eine höhere Lebenserwartung geht mit altersspezifischen Funktionsverlusten einher und die jüngeren Generationen stehen vor der Herausforderung, sich für oder gegen die Pflegeübernahme eines Angehörigen zu entscheiden. Die Betreuung pflegebedürftiger Menschen erfolgt großteils im familiären Umfeld und geht oftmals mit einer Vielzahl an Belastungsfaktoren einher. Bei gleichzeitiger Berufstätigkeit und Kinderbetreuungspflichten müssen Anpassungsleistungen getroffen werden, welche sich auf die Gesundheit der Pflegepersonen, aber auch auf die Arbeitsleistung negativ auswirken können.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, sich der Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern und Lösungsansätze zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbsarbeit im universitären Kontext zu erarbeiten. Anhand einer Online-Befragung (N = 919) und Betroffeneninterviews (N = 10) wurden innerhalb einer ersten Erhebungswelle (2013) Mitarbeiter/inn/en der Alpen-Adria-Universität zu Problemfeldern und Unterstützungswünschen im Zusammenhang von Pflege und Erwerbsarbeit befragt. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Erarbeitung von innerbetrieblichen Unterstützungsmaßnahmen, welche durch Expert/inn/eninterviews (N = 7) untermauert wurden. Eine zweite Erhebungswelle (Online-Befragung 2015) diente dazu, die Ergebnisse der Ersterhebung zu vergleichen und eine Evaluierung erster, umgesetzter Maßnahmen durchzuführen.
Die Ergebnisse belegen, dass pflegende Mitarbeiter/inn/en der AAU einer Vielzahl psychischer und physischer Belastungen ausgesetzt sind. Die Tabuisierung der Thematik, wie auch Ängste vor Leistungsentwertung und Arbeitsplatzverlust resultieren in Änderungen des Arbeitsstils. Durch Unterstützungsmaßnahmen, welche über flexiblere Arbeitsort- und Arbeitszeitgestaltung, Sensibilisierung der Führungskräfte bis hin zur individuellen Beratung und Information reichen, können Betriebe dazu beitragen, betroffenen Mitarbeiter/inne/n die Organisation von Pflege und Erwerbsarbeit zu erleichtern und eine Vereinbarkeit dieser Herausforderung zu ermöglichen.

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