Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Freitag, 09.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Heilbronn
S317
Freie Vorträge - Macht und Ohnmacht in der Pflege

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

08:00
Mehr Freiheit wagen - aktualisierte Praxisleitlinie zur Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen in der Altenpflege
S317-01 

R. Möhler, J. Abraham, R. Kupfer, M. Müller, S. Palmdorf, S. Seismann-Petersen, D. Wilfling, S. Köpke, G. Meyer; Halle (Saale), Lübeck

Fragestellung: Freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM) werden bei der Pflege älterer Menschen in vielen Ländern regelmäßig eingesetzt, trotz fehlender Belege für ihre Wirksamkeit und Sicherheit. Als eine wichtige Barriere für eine Pflege ohne FEM wird oft mangelndes Wissen sowie eine unkritische Einstellung von Pflegenden zu FEM genannt. Kürzlich wurde die Evidenz-basierte Praxisleitlinie zur Vermeidung von FEM in der beruflichen Altenpflege aktualisiert, um Pflegenden Empfehlungen für eine Versorgung ohne FEM auf Basis des aktuellen Wissensstands zu bieten.
Methodik: Als Basis für Empfehlungen einer interdisziplinären Leitlinienentwicklungsgruppe bestehend aus 15 Experten wurden systematische Literaturübersichten zu 22 im Voraus von Experten und Betroffenenvertretern ausgewählte Maßnahmen erstellt. Die Qualität der Evidenz wurde anhand der GRADE-Methode bewertet. In fünf Onlinekonferenzen wurden für alle 22 Maßnahmen Empfehlungen erstellt und konsentiert.
Ergebnisse: Insgesamt lag nur wenig Evidenz für die überprüften Maßnahmen vor. Die Qualität der Evidenz war überwiegend niedrig bis sehr niedrig, nur für zwei Interventionen lag eine moderate Evidenzqualität vor. Die Expertengruppe gab nur für Multikomponenten-Schulungsprogramme eine starke positive Empfehlung ab. Für vier Maßnahmen wurde eine abgeschwächte positive Empfehlung abgegeben und zwei Interventionen erhielten eine negative Empfehlung. Für 15 Maßnahmen wurde mangels aussagefähiger Evidenz keine Empfehlung abgegeben. Die Kernaussage der Leitlinie lautet daher, dass aufgrund der fehlenden Belege für die Wirksamkeit von FEM und den Hinweisen zu ihren negativen Konsequenzen die Anwendung von FEM weitestgehend zu vermeiden ist.
Diskussion und Ausblick: Der Nutzen von Alternativen zu FEM ist bislang nur unzureichend untersucht. Pflegende sollten FEM daher weitestgehend vermeiden und stattdessen individuell Risiko-spezifische Maßnahmen einsetzen. Der langfristige Nutzen einer Leilinien-basierten Intervention wird derzeit in einer multizentrischen Implementierungsstudie überprüft (NCT02341898). Mittels ausführlicher Prozessevaluation werden auch Informationen zu aktiven Komponenten und fördernden und hemmenden Faktoren der Implementierung erhoben.

08:20
Alt - pflegebedürftig - ausgeliefert?!
S317-02 

B. Jenull, N. Frate; Klagenfurt/A

Gewalthandlungen sind, unabhängig vom sozialen Kontext und der Ausdrucksform, in jedem Alter ein traumatisches Ereignis. Gerade pflegeabhängige, multimorbide Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen stellen einen hoch vulnerablen Personenkreis für Gewalterfahrungen unterschiedlichster Ausprägungen dar. Durch die geringe Selbstwirksamkeit und mangelnde Möglichkeiten sich selbst zu schützen, sind sie besonders anfällig Opfer der Bagatellisierung und Ignoranz zu werden. Mit dem Ziel Informationen zu einem tabuisierten Problemfeld in der stationären Altenpflege zu erheben, wurden Leitfadeninterviews mit Altenpflegekräften (N = 38) durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Altenpflegekräfte einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt sind. Ein Zusammenwirken unterschiedlichster Faktoren, wie teilweise inhumane Arbeitsbedingungen, konflikthafte Beziehungen zu Heimbewohner/inne/n, gegenseitige Abhängigkeiten, mangelnde Unterstützung und dergleichen mehr können die Aggressions- und Gewaltbereitschaft erhöhen. Aus den Interviews geht hervor, dass die Verabreichung sedierender Medikamente, freiheitsentziehende Maßnahmen und eine frühe Nachtruhe zur Pflegeheimroutine gehören und gewissermaßen eine Arbeitserleichterung darstellen. Aggressives Handeln der Pflegekräfte zeigt sich in Einschränkungen individueller Wünsche und Vorlieben, in der Vernachlässigung der Intim- und Privatsphäre, wie auch einer demütigenden Kommunikation, stigmatisierenden und diskriminierenden Verhaltensweisen. Die Entstehung von Gewalthandlungen an alten Menschen ist ein komplexes Geschehen und kann nur multifaktoriell erklärt werden. Voraussetzung für die Entwicklung gezielter Präventions- und Interventionsmaßnahmen ist es, die Gewaltthematik aus dem Dunkelfeld zu holen und als gesellschaftliches Problem anzuerkennen, um unter Einbezug aller Beteiligten ein frühzeitiges Erkennen und Verhindern von Gewalt anzustreben.

08:40
Freiheitsbeschränkende Massnahmen in Pflegeheimen in der Schweiz - Bestimmung der Prävalenz und assoziierter organisationsbezogener Merkmale
S317-03 

E. Schorro, H. Hofmann, B. Haastert, G. Meyer; Freiburg/CH, St. Gallen/CH, Neuenrade, Halle (Saale)

Hintergrund Obwohl die Anwendung von mechanischen freiheitsbeschränkenden Massnahmen (FBM) in vielen Ländern gesetzlich streng geregelt ist, bleibt deren Prävalenz in Pflegeheimen beträchtlich. In der Literatur werden verschiedene Einflussfaktoren beschrieben, die Befunde sind jedoch inkonsistent. In der Schweiz gibt es bisher wenige Daten zur Häufigkeit von FBM und assoziierten Merkmalen.
Ziele Das Ziel der Studie war es, die Prävalenz und Arten von FBM in Pflegeheimen in zwei Schweizer Kantonen zu bestimmen und die Assoziationen mit organisationsbezogenen Merkmalen zu untersuchen.
Methode In einer multizentrischen Querschnittsstudie wurde die Prävalenz der FBM bestimmt. Bewohnerbezogene Merkmale wurden anhand von Routinedaten erhoben, organisationsbezogene Merkmale (z.B. Personalschlüssel, Bettenzahl und demenzspezifische Abteilung) mittels Fragebogen. Die Assoziationen wurden anhand einer logistischen multiplen Regressionsanalyse untersucht.
Ergebnisse Insgesamt wurden 20 Pflegeheime mit 1362 Bewohner/-innen in die Studie einbezogen. Die Prävalenz der FBM liegt bei 26,8% (95% Konfidenzintervall [KI] 19,8-33,8), beidseitige Bettgitter wurden am häufigsten verwendet (20,3%, 95% KI 13,5-27,1). Eine Pflegeperson betreut im Durchschnitt 1.7 (± 0.4) Bewohner/-innen, während des Nachtdienstes ist eine Pflegeperson für 30.9 (± 8.0) Bewohner/-innen verantwortlich. Keines der organisationsbezogenen Merkmale ist statistisch signifikant mit der Anwendung von FBM assoziiert.
Schlussfolgerungen Bei mehr als einem Viertel der Bewohner/-innen wurden FBM angewendet. Bei den organisationsbezogenen Merkmalen zeigten sich wie in anderen Studien auch keine signifikanten Assoziationen. Zur Reduktion und Prävention von FBM sind spezifische Interventionsprogramme erforderlich. Organisationsbezogene Merkmale müssen hier nicht prioritär adressiert werden, da sie scheinbar keinen Einfluss auf die Häufigkeit von FBM haben.

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