Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Freitag, 09.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Reutlingen
S324
Freie Vorträge - Handlungsraum Kommune

Moderation: K. Hämel, Bielefeld

10:45
Aufbau und Umsetzung von Generationenarbeit auf kommunaler Ebene
S324-01 

S. Lechtenfeld, E. Olbermann; Dortmund

Vor dem Hintergrund der Wandlungsprozesse im Verhältnis von „Jung“ und „Alt“ erfahren die Generationenbeziehungen außerhalb der Familie zunehmend Bedeutung und Beachtung. Solidarität, Unterstützung, Verpflichtungen und der Gemeinschaftssinn zwischen den außerfamiliären Generationen werden in Frage gestellt und diskutiert. Hinsichtlich einer aktiven Gestaltung von Generationenbeziehungen rücken die Kommunen als Orte des sozialen Zusammenlebens in den Fokus. In diesem Zusammenhang ergeben sich für die gemeinwesenorientierte Arbeit mit SeniorInnen und Jugendlichen neue Herausforderungen. Im Rahmen des Projektes „Wissenschaftliche Begleitung des intergenerationellen Senioren- und Jugendzentrums für Lemgo“ (02/2014 – 01/2017) wird ein generationenübergreifendes Konzept entwickelt. Ziel ist die organisatorische, konzeptionelle und arbeitspraktische Zusammenführung der Seniorenarbeit und Jugendarbeit auf der kommunalen Ebene. Folgende Fragestellungen werden u.a. bearbeitet: Welche Anforderungen stellen sich für die MitarbeiterInnen des intergenerativen Zentrums und unter welchen Voraussetzungen können sie diesen gerecht werden? Welche Herausforderungen ergeben sich für die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen? Wie kann die Förderung außerfamiliärer Generationenbeziehungen in die bestehenden Kernaufgaben der kommunalen außerschulischen Jugendarbeit und der kommunalen Seniorenarbeit integriert werden? Welche Handlungsempfehlungen und Qualitätskriterien können für die Konzeption und Umsetzung von kommunaler „Generationenarbeit“ aus den Projekterfahrungen abgeleitet werden?
Zur Untersuchung dieser Fragestellungen wird ein Methodenmix aus qualitativen (Einzel- und Gruppeninterviews, Workshops, teilnehmende Beobachtung) und quantitativen Forschungsmethoden (schriftliche Befragung) angewendet.
Im Rahmen des Beitrages werden hemmende und förderliche Rahmenbedingungen für die arbeitsorganisatorische und inhaltliche Umsetzung eines intergenerativen Zentrums vorgestellt und diskutiert.

11:05
Familiengesundheitsstrategie in Brasilien: Gemeindeorientierung in der Primärversorgung und Möglichkeiten für die Versorgung älterer Menschen
S324-03 

K. Hämel; Bielefeld

Hintergrund: Verglichen mit Deutschland ist Brasilien ein ‘Land der Jugend’ und tiefgreifender regionaler und sozialer Ungleichheiten. Zugleich schreitet der demografische und epidemiologische Wandel rapide voran. Ende der 1990er-Jahre wurde die Familiengesundheitsstrategie begründet. Sie soll ‘Gesundheit für alle’ in einem Land schaffen, in dem die öffentliche Gesundheit zuvor wenig entwickelt und selektiv, v.a. auf die Mutter-Kinder-Versorgung und einzelne Krankheiten ausgerichtet war. Heute werden allernorts Gesundheitszentren aufgebaut, für die eine gemeindeorientierte Arbeitsweise prägend ist. Der Beitrag analysiert diese Entwicklung und ihre Möglichkeiten für die Gruppe älterer Menschen.
Methode: Es wurden leitfadengestützen Interviews mit Wissenschaftler/inn/en und Praktiker/inn/en der Primärversorgung und Besuche in Gesundheitszentren in zwei Regionen Brasiliens durchgeführt, aufgezeichnet und ausgewertet.
Ergebnisse: In den Gesundheitszentren sind multiprofessionelle Teams für die Bevölkerung eines sozialräumlichen Gebiets zuständig; neben der Grundversorgung im Zentrum bieten sie Hausbesuche und Gesundheitsförderung in der Gemeinde an. Teil jedes Familiengesundheitsteams sind 5-6 Gemeindegesundheitsarbeiter, die alle Bürger/innen, für die das Team zuständig ist, monatlich in ihren Wohnungen aufsuchen, um Gesundheitsaufklärung und –bildung zu leisten, aber auch ein Monitoring gesundheitlicher Probleme vorzunehmen. Gemeindegesundheitsarbeiter sind Bürger/innen des Versorgungsgebiets. Sie sollen eine Brücke zwischen Bevölkerung und Gesundheitszentrum bilden. Weiteres Kernelement der Zentren ist ihre Verpflichtung zur ‘Sozialen Partizipation’: In Beiräten und Versammlungen sind die Ausrichtung der Zentren und die Gesundheitsbelange der Gemeinde mit Bürger/inne/n und Vertreter/inn/en sozialer Organisationen abzustimmen. Die Arbeit mit älteren Menschen ist durch Schwerpunktsetzung auf die Prävention und Versorgung von chronischen Krankheiten von großer Bedeutung, doch werden sie selten als Bevölkerungsgruppe adressiert.
Diskussion: Die Familiengesundheitsstrategie bietet zahlreiche Ansatzpunkte für die gesundheitliche und soziale Versorgung älterer Menschen.

11:25
Betreutes Wohnen am Bauernhof als „green care”: Ein Fallbeispiel aus der Praxis in Österreich
S324-04 

I. Schrenk; Wien/A

Der Bedarf an alternativen, leistbaren und vor allem humanen Betreuungsangeboten steigt. Alternative Wohn-und Pflegemöglichkeiten bestehen meist in Ballungszentren und sind dadurch für ältere Pflegebedürftige aus ländlichen Milieus eine große Umstellung. Diesen Bedarf an alternativen Betreuungsangeboten auch auf dem Lande gerecht werden zu können, greift das Projekt Green Care auf. Es handelt sich um einen Kooperationsansatz des betreuten Wohnens in traditionellen landwirtschaftlichen Objekten („Bauernhof“).
Green Care ist gestützt durch ExpertInnen der Sozialträger (Caritas, Lebenshilfe, pro mente) oder durch Institutionen wie dem AMS und dem Sozialministeriumservice und schafft neue Freizeitangebote, Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten.
Bäuerliche Unternehmern, die immer auf Zuerwerb angewiesen sind, können über greencare betriebserhaltende Einkommen erzielen. Notwendig ist hierfür die Fortbildung für die Beteiligten im Unternehmen. Dies wird bislang über die Landwirtschaftskammern und die ländlichen Fortbildungsinstitute und deren Bildungs- und Beratungsangebote abgewickelt. Dies bedeutet, dass hier zusätzliche Qualifikationen im pädagogischen/therapeutischen/sozialen Bereich, beispielsweise SozialarbeiterInnen, Psycho- und ErgotherapeutInnen, Diplomierte/r Gesundheits- und Krankenschwester/-pfleger, erworben werden können. Ob diese Ausbildung für neue Arbeitsplätze bei den landwirtschaftlichen Unternehmen („am Hof“) tragfähig und ausreichend sind, muss diskutiert werden. Ebenso muss hinterfragt werden, ob die unabweisbaren Vorteile der landnahen Pflege („ganzheitliches Konzept“; „nachhaltig“) den Ansprüchen der Pflegebedürftigkeit in den Wohneinheiten eines landwirtschaftlichen Betriebes gerecht werden („Passung“). Auch die Kosten und der Leistungsumfang sind offene Felder wissenschaftlicher Beurteilung. Im Referat wird auf die stationäre Pflegeeinrichtungen am Bauernhof „Adelwöhrerhof“ in der Steiermark (seit 2002 mit 14 Pflegeplätzen) als Fallbeispiel vorgestellt.

11:45
Altern im ländlichen Raum und Stand der Quartiersentwicklung in Nordrhein-Westfalen - eine Bestandsaufnahme
S324-05 

A. Kuhlmann, M. Kühnel; Dortmund

Die fortschreitende Alterung der Bevölkerung betrifft alle Regionen, Städte und Gemeinden in Deutschland gleichermaßen. Die kommunale Ebene ist der Ort, an dem sich die Verände-rungen der Altersstruktur und die zunehmende Heterogenität der älteren Bevölkerung konkret auswirken. Als eine Antwort haben sich vielerorts, insbesondere im sozialen Nahraum der Städte, kleinräumige Ansätze der Quartiersentwicklung herausgebildet. Auch für ländliche Regionen und dörfliche Strukturen zeichnen sich verschiedene gemeinwesenorientierte und sozialraumbezogene Handlungsstrategien ab. Eine systematische Aufbereitung bisheriger Erfahrungen dazu steht für Nordrhein-Westfalen bislang jedoch noch aus.
Für die Bestandsaufnahme „Altern im ländlichen Raum und Stand der Quartiersentwicklung in Nordrhein-Westfalen“, die für das Land Nordrhein-Westfalen erstellt wird, werden folgende Fragestellungen zugrunde gelegt:
• Wie stellt sich Alter(n) und eine darauf bezogene alter(n)sgerechte Quartiersentwicklung im ländlichen Raum in NRW dar?
• Welche Bedarfe und Potenziale einer alter(n)sgerechten Quartiersentwicklung im ländli-chen Raum in NRW können identifiziert werden in Bezug auf a) Versorgung und Teilhabe, b) besondere Rolle der Kommunen im ländlichen Raum und c) dem dort zugrunde liegen-den Quartiersverständnis?
• Welche Indikatoren können auf dieser Grundlage für die Analyse von Praxisbeispielen abgeleitet werden?
Für die Beantwortung der forschungsleitenden Fragestellungen wird zunächst eine Rekonstruktion des Forschungsstandes mit Hilfe einer systematischen Literatur- und Internet-recherche durchgeführt. Auf der Grundlage der sich aus der Literatur- und Materialanalyse ergebenden systematischen Übersichtsarbeit zum gegenwärtigen Forschungsstand werden dann Bedarfe und Potenziale der alter(n)sgerechten Quartiersentwicklung im ländlichen Raum in NRW abgeleitet und darauf bezogene Indikatoren für die anschließende Analyse von Praxisbeispielen entwickelt.

12:15
Selbstbestimmt Wohnen und Teilhaben mit Pflegebedarf - Handlungsebene Quartier/Fokus: sozial Benachteiligte
S324-02 

B. Wolter; Berlin

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Sozial benachteiligte ältere Menschen mit Hilfe- oder Pflegebedarf sind besonders von Einschränkungen bei der selbstbestimmten Gestaltung ihres Alltags bedroht (Falk et al. 2011; Heusinger et al. 2013). Oft wohnen sie in Quartieren, die von Infrastrukturmängeln und baulichen Barrieren gekennzeichnet sind. Mit Beginn von Unterstützungs- oder Pflegebedürftigkeit verstärken sich Probleme der Alltagsbewältigung zusätzlich. Häufig entsprechen die Wohnbedingungen nicht den veränderten Anforderungen. Trotzdem besteht überwiegend der Wunsch, in der vertrauten Wohnumgebung alt werden zu können. Dafür bedarf es Anpassungs- und Unterstützungsmaßnahmen, die finanzielle und personelle Ressourcen erfordern. Entscheidend sind die tatsächlichen Bedingungen vor Ort, wo häufig die Komplexität und Heterogenität der Zielgruppenbedarfe unberücksichtigt bleiben (Wolter 2013). Umso wichtiger ist es, insbesondere sozial benachteiligte ältere Menschen in prekären Situationen in den Entwicklungsprozess im Quartier mit einzubeziehen (Kümpers & Heusinger 2012). In der Studie „Selbstbestimmt Wohnen und Teilhaben im Quartier (SWuTiQ)“ wurde untersucht, wie türkische und deutsche, sozial benachteiligte Unterstützungs- und Pflegebedürftige an der Gestaltung ihrer Wohn- und Teilhabebedingungen beteiligt werden können. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse der im März 2016 abgeschlossenen Untersuchung und leitet Empfehlungen für die künftige Entwicklung integrativer Quartiere ab.

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