Symposium Geriatrie
Freitag, 09.09.2016
16:00 - 17:30
Bertha-Benz Saal
S332
Blasenfunktions­störungen bei geriatrischen Patienten

In verschiedenen Beiträgen werden die Besonderheiten der Blasenfunktionsstörungen bei geriatrischen Patienten beleuchtet. Dazu gehören die Zusammenhänge zwischen Stürzen und Harninkontinenz genauso, die Prävalanz und Behandlungsoptionen der Blasenentleerungsstörungen im Alter und "Strategien zur Förderung der Kontinenz im klniischen Alltag". Hier werden die verschiedenen Formen des Toilettentrainings nach der Leitlinie "Harninkontinenz" der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie diskutiert.

16:00
Blasenentleerungsstörungen- ein übersehenes Problem im Alter?
S332-01 

R. Kirschner-Hermanns; Bonn

Es muss nicht immer eine sogenannte ‚Überaktive Blase‘ sein, die dazu führt, dass Patienten im Alter immer häufiger zur Toilette gehen. Schätzungen besagen, dass 10-30% der Blasenfunktionsstörungen im Alter auf einer Detrusorschwäche mit erhöhten Restharnmengen einhergehen. Nicht selten wird das Problem übersehen oder es wird eine Katheterableitung als eine leichte und für den Patienten komfortable Lösung angesehen. Ein undifferenzierter Einsatz einer Dauerableitung ist weder durch Leitlinien gerechte Empfehlungen noch durch Studiendaten gerechtfertigt. Blasenentleerungsstörungen können durch eine infravesikale Obstruktion oder eine Detrusorschwäche, die wiederum neurogen oder myogen, durch Komorbiditäten oder nicht selten medikamentös bedingt sein. Die quantitative Erfassung des Restharns im Verhältnis zum Miktionsvolumen ist der Parameter mit dem die Miktionsqualität ermittelt werden kann. Auch wenn es keine standardisierten Werte gibt, gelten bei einem Miktionsvolumen von über 200 ml Restharnmengen von 100-150 ml als akzeptabel und werden nach Ausschluss einer behandelbaren infravesikalen Obstruktion zumeist konservativ behandelt. Bei größeren Restharnmengen ist bei ausgesuchten Betroffenen auch im Alter der aseptische Einmalkatheterismus als Selbst- oder Fremdkatheterismus zu empfehlen.
So konnten Pilloni et al in einer retrospektiven Untersuchung an 22 Betroffenen über 70 Jahren mit Restharnmengen über 50% ihrer Blasenkapazität zeigen, dass ein aseptischer Einmalkatherismus auch im Alter eine adäquate Versorgung sein kann. Von den 22 untersuchten Betroffenen beendeten nur 2 Patienten vorzeitig den Einmalkatheterismus. Die Harnwegsinfektrate sank und die Lebensqualität konnte gesteigert werden . Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Pearsons et al. an einer wesentlich größeren Gruppe von 309 Patienten im Alter von 17-95 Jahren. Die Erfolgsrate bei jüngeren Betroffenen unter 65 Jahren war mit 86% höher als bei Betroffenen über 65 Jahren (82%). Dabei lagen die Erfolgsraten bei Männern mit 88% höher als bei Frauen mit 76%. Die Autoren zeigten zudem, dass ohne Dauerableitung die Betroffenen mobiler waren und ihre Stimmung und ihre Selbstachtung stiegen.

16:20
Strategien zur Förderung der Kontinenz im klinischen Alltag - ein Überblick
S332-02 

K. Becher; Stralsund

Hintergrund: Unter dem Begriff Toilettentraining werden verschiedene Verhaltensinterventionen bei der konservativen Behandlung der Harninkontinenz zusammengefasst. Es können patientenabhängige (Blasentraining) von pflegeabhängigen Formen (festgelegte, individuelle Entleerungszeiten, angebotener Toilettengang) unterschieden werden. Alle Formen des Toilettentrainings haben den Vorteil, dass sie für die Patienten keine Nebenwirkungen verursachen und zudem keine aufwendigen Geräte erfordern. Ziele sind das Wiedererlangen der Kontinenz durch ein Training, das zu „normalen“ oder verbesserten Entleerungsmustern der Blase führt oder das Vermeiden inkontinenter Episoden durch rechtzeitige Entleerung der Blase zu vorgegebenen Zeiten.
Material und Methodik: Überprüfung der Effektivität von durchgeführten Verhaltensinterventionen zur Behandlung und Betreuung von geriatrischen Patienten mit Harninkontinenz, die in der eigenen Häuslichkeit oder in Heimen leben. Hierzu wurde die Literatur in deutscher oder englischer Sprache aus Medizinischen und pflegewissenschaftlichen Datenbanken aus den Jahren (1950 – November 2013) analysiert.
Ergebnisse: Die Domäne des Toilettentrainings bei geriatrischen Patienten ist die überaktive Blase und Mischinkontinenz. Bei der Belastungsinkontinenz stellt es ebenfalls eine Interventionsmöglichkeit dar. Kontraindikationen bestehen bei der Überlaufinkontinenz und der extraurethralen Inkontinenz (Empfehlungsklasse C, 100 %). Prinzipiell kann eine Verhaltensintervention bei jedem Schweregrad durchgeführt werden. Jedoch sinken die Erfolgsaussichten mit zunehmender Ausprägung der Inkontinenz (Empfehlungsklasse C, 100 %). Als Voraussetzungen muss der Betroffene für eine Verhaltensintervention eine auf die jeweilige Art des Toilettentrainings abgestimmte Kommunikationsfähigkeit, eine ausreichende kognitive Kompetenz und Therapieadhärenz aufweisen (Empfehlungsklasse C, 100 %). Voraussetzung an die Umgebung für eine Verhaltensintervention betreffen das Personal in einer Einrichtung und die räumliche, zeitliche und finanzielle Ausstattung. Es sind dies geschulte und motivierte Pflegende mit ausreichenden zeitlichen Ressourcen in geeigneten Räumlichkeiten (Empfehlungsklasse C, 100 %).

16:40
Stürze und Harninkontinenz: Ergebnisse einer systematischen Literaturrecherche
S332-03 

A. Wiedemann; Witten

Einleitung: während der klassische Begriff des Syndroms diverse Phänomene einer Erkrankung meint, umfasst der geriatrische Syndrombegriff multiple Krankheitsprozesse und deren Therapie, die sich in einem Phänomen – hier der Harninkontinenz abbilden. Hier ist die Dimension des Zusammenhanges zwischen Stürzen und Sturzgefährdung nicht vollständig klar, weil Stürze und ihre Folgen bzw. eine Harninkontinenz in verschiedenen Fachgebieten ohne wesentliche Querbezüge behandelt werden.
Methode: systematische Literaturrecherche in medline
Ergebnisse: Neben einer Polypharmazie, art. Hypertonie, Schwindel, Diabetes, COPD, Osteoporose, Depression, Schlaganfall, Demenz, Alter, weiblichem Geschlecht und sozialem Status stellt eine Harninkontinenz und hier besonders die Überaktive Blase oder eine Nykturie einen Risikofaktor für Stürze, multiple Stürze und solche mit Verletzungsfolgen dar. Dabei liegt ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der Harninkontinenz und dem Sturzrisiko vor. Es zeigt sich, dass auch bei Stürzen mit schweren Verletzungsfolgen wie Hüftfrakturen ein systematisches Inkontinenzassessment nicht immer stattfindet. Wenn dieses eine bestehende Harninkontinenz als Risikofaktor ergibt, wird nicht regelmäßig eine weitere Diagnostik oder Therapie eingeleitet. Auf der Seite der medikamentösen Therapie stellt besonders die Einnahme von mehreren anticholinerg wirkenden Substanzen aus der Reihe der Antidepressiva, morphinartiger Analgetika oder Blasenspasmolytika einen Risikofaktor für Stürze dar. Besonders ZNS-gängige Antimuskarinika wie Tolterodin oder Oxybutynin waren mit einem erhöhten Risiko einer Krankenhausaufnahme infolge eines Sturzes und des Todes nach Sturz assoziiert.
Schlussfolgerung: Die vorliegende Literaturrecherche zeigt, dass Stürze und Harninkontinenz eine geradezu dramatische Assoziation vorweisen. Dies findet (noch) nicht in allen medizinischen Disziplinen Berücksichtigung.

17:00
10 Jahre Kontinenz-Team am Robert-Bosch-Krankenhaus: interdisziplinäres Management der Multikausalität - Interventionen zum Wohle der Patienten
S332-04 

S. Ege, C. Maier; Stuttgart

Die Komplexität der multikausalen Ätiologie der Harninkontinenz beim alten Menschen ist eine echte Herausforderung und kann nur gelingen, wenn systematisch die verschiedenen Faktoren mittels eines globalen Harninkontinenzassessments ermittelt und ihre Bedeutung für die Harninkontinenz eines individuellen Patienten eingeschätzt werden, mit dem Ziel sie zu eliminieren oder optimieren. Dieser Herausforderung haben wir uns in der Klinik für geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus gestellt und unter Einbeziehung des validierten ICIQ (International Continence Questionnaire), einem Symptomfragebogen, ein umfassendes Harninkontinenzassessements etabliert. In den Jahre 2013 - 2015 wurde bei 728 geriatrischen Patienten diese Strategie durchgeführt und entsprechend der auslösenden Ursachen individuell adaptierte Interventionen abgeleitet. Die Erfahrungen sollen dargelegt werden.

Symposium der AG Inkontinenz

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