Interdisziplinäres Symposium
Freitag, 09.09.2016
16:00 - 17:30
Raum Ulm
S336
Alter - Daten - Politik: Funktionalität und Qualität der Generali-Altersstudie

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

Studien über das Alter(n) entstehen nicht nur an Hochschulen oder Forschungsinstituten, sie werden zunehmend auch von Unternehmen oder ihren Stiftungen durchgeführt oder in Auftrag gegeben (z.B. bei Meinungsforschungsinstituten). Allein der Entstehungszusammenhang einer Studie garantiert noch nicht deren wissenschaftliche Qualität oder Angemessenheit der Handlungsempfehlungen. Da jedoch auch die von Unternehmen oder Stiftungen finanzierten und vermarkteten Studien Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, stellt sich gleichermaßen die Frage nach ihrer Qualität und ihrer (politischen) Funktionalität.
Dies und damit eine Idee des AK Kritische Gerontologie der DGGG aufgreifend, setzt sich das Symposium exemplarisch und mehrperspektivisch mit der Generali-Altersstudie (2013) auseinander. Ihr Anspruch: „Es wird ein realistisches Bild der Alten entwickelt und es dient als empirische Basis für zukünftige bessere Integrations- und Teilhabepolitik in Bezug auf die Älteren“ (Imagefilm zur Studie). Der so zum Ausdruck gebrachte Dreischritt – die generierten Daten, das (re-)konstruierte Altersbild und die politische Einflussnahme – ist Gegenstand des Symposiums.
H. Künemund wird im Beitrag „Mehr oder weniger wissenschaftliche Befunde“ über Wissenschaftlichkeit in der empirischen (Alterns-)Forschung diskutieren, beispielhaft das methodische Vorgehen der Generali-Altersstudie analysieren und nach deren Eignung als Grundlage für politische Handlungsempfehlungen fragen.
K. Schroeter thematisiert im Beitrag „Das Aktive und das Abjektive – Von welchen Altersbildern lassen wir uns eigentlich leiten?“ die euphemischen Semantiken des aktiven, erfolgreichen und produktiven Alterns, die auch in der Generali-Altersstudie reproduziert werden, und fragt nach dem „anderen Alter“ und den Konsequenzen dieser Ambivalenz für die gesellschaftliche Gestaltbarkeit von Alter(n).
Abschließend richtet P. Engel im Beitrag „Kommunale Alternssozialpolitik im demografischen und kulturellen Wandel“ den Blick darauf, wessen Interessen die Agenda bestimmen.
Sowohl die Beiträge als auch die von J. Heusinger und S. Kümpers moderierte Diskussion dienen dazu, einen kritischen Blick auf den Zusammenhang von Alter(n), Daten und Politik zu lenken und auf die Position von Wissenschaft in diesem Gefüge.

16:00
Mehr oder weniger wissenschaftliche Befunde
S336-01 

H. Künemund; Vechta

Empirische Wissenschaft kann Grundlagen für politische Entscheidungen und Weichenstellungen bereitstellen, obwohl selbstverständlich kein letztgültiges Wissen existiert und insofern immer Vorsicht angeraten ist: Wir können zwar keine fehlerfreien Messungen oder allumfassende Beobachtungen und Theorien vorweisen, aber dennoch bessere und schlechtere Daten und Studien unterscheiden. Idealiter sollten als Grundlage im Fall statistischer Analysen belastbare Daten bereitstehen – Studien, deren Stichproben möglichst unverzerrt, deren Messinstrumente möglichst valide und reliabel sind, deren Unabhängigkeit von den Forschenden durch Replikation bzw. Re-Analyse sichergestellt ist, sowie Forschungsdesigns, die eine Kontrolle möglichst vieler „Störfaktoren“ erlauben, damit Zusammenhänge detailliert beschrieben und darauf bezogene Theorien und Hypothesen geprüft werden können. Einschränkungen und Abweichungen werden idealiter selbstreflexiv formuliert und darauf bezogene Aufgaben für die weitere Forschung benannt, spätestens aber im weiteren wissenschaftlichen Diskurs herausgearbeitet. Medizin, Psychologie und Soziologie mögen hier im Detail unterschiedliche Designs und Methoden präferieren, aber vermutlich lässt sich soweit schnell ein gewisser Konsens finden. Andere Disziplinen sind weniger stark auf eigene empirische Untersuchungen fokussiert und stützen ihre Analysen und Befunde eher auf prozessproduzierte Daten (z. B. weite Bereiche der Demographie und der Ökonomik), wobei Validität, Reliabilität und Objektivität der Messung als Problem praktisch kaum in den Blick kommen. Daneben gibt es auch Studien, die lediglich reklamieren, bei der Datenerhebung nach wissenschaftlichen Kriterien und Standards vorgegangen zu sein. Dies sollte innerhalb des genannten Wissenschaftsbereichs Gegenstand systematischer kritischer Analyse sein, jenseits davon ist dies aber eher unüblich. Und manchmal wird (aus ganz verschiedenen Gründen) auch eher unwissenschaftlichen Studien Wissenschaftlichkeit attestiert – auch dies sollte Gegenstand kritischer Analyse sein. Der Beitrag diskutiert in diesem Sinne beispielhaft das methodische Vorgehen der Generali-Altersstudie und fragt nach deren Zielen und deren Eignung als Grundlage für politische Handlungsempfehlungen.

16:30
Das Aktive und das Abjektive - Von welchen Altersbildern lassen wir uns eigentlich leiten?
S336-02 

K. R. Schroeter; Olten/CH

Die Vorstellungen von einem aktiven und erfolgreichen Alter(n) gelten heute vielerorts, wenn nicht gar gemeinhin, als Blaupause für ein gelingendes Leben im Alter. Entsprechend tönen die Rufe nach Auf- und Ausbau von Ressourcen und Kompetenzen und entsprechend klingen auch die Leitbilder im Bund, in den Ländern und in den Kommunen. Doch die euphemischen Semantiken des aktiven, erfolgreichen und produktiven Alterns rücken unweigerlich die aus diesem Diskurs Ausgegrenzten in den negativ besetzten Außenbereich, ins Andere. Aktives und erfolgreiches Altern werden zur Normalität erklärt – das Scheitern wird in den »Bereich des Verwerflichen« gerückt, es bleibt vage und unbestimmt, wird nicht konkretisiert, sondern nebulös in den Bereich des Anderen, des Abjektiven und Verworfenen verwiesen.

Versteht man unter dem ›anderen Altern‹ ein Altern jenseits dessen, was ein »hegemonialer Diskurs« des erfolgreichen, aktiven und produktiven Alterns als Leitformel für ein gelingendes Leben im Alter vorzugeben scheint, rücken vice versa auch andere Formen des Alterns in den Fokus. Diese Formen weichen vom vertrauten Duktus des Aktiven und Erfolgreichen ab. Dabei wird das Andere aber nicht nur als anders-, fremd- und verschiedenartig dargestellt, sondern in einem hierarchischen Diskurs als kläglich-kümmerlich, als minderwertig und damit als bedrohlich konstruiert. Dieser Ausgrenzungsdiskurs verläuft im Wesentlichen durch die diskursive Zuschreibung von Fragilität (frailty). Doch der Begriff bleibt unscharf, er impliziert viel, spezifiziert aber wenig und verharrt im Bereich der Konfusion und Ambiguität, auch wenn er in der Geriatrie näher zu operationalisieren versucht wird.

Der Beitrag thematisiert die – historisch keineswegs neuen, aber theoretisch noch immer nicht zufriedenstellend aufgelösten – Ambivalenzen und wechselseitigen Anrufungen positiver und negativer Alters(leit)bilder und fragt nach deren Konsequenzen für die gesellschaftliche Gestaltbarkeit von Alter(n).

17:00
Kommunale Alternssozialpolitik im demografischen und kulturellen Wandel
S336-03 

P. Engel; Marburg

„Es gibt keine Gesellschaft. Es gibt nur Individuen und Familien“ (M. Thatcher)

Trotz menschheitsgeschichtlich konstanter Bedürfnisse bzw. Grundlagen guten Lebens und Alterns (bspw. auf praktischer Ebene beschrieben in den „Aktivitäten und existentiellen Erfahrungen des Lebens" kurz: AEDLs) zeigt die kommunale Alternssozialpolitik und Programmatik wellenförmig wechselnde Foki und Top-Themen unter fast gänzlicher Vernachlässigung der je „sonstigen“ Alternsherausforderungen.

Zunächst gilt dieser Perspektivwechsel für die in den Blick genommenen Älteren selbst, wo die einsamen kranken Hochaltrigen längst zugunsten der jungen fitten kompetenten und aktiven Älteren in den Hintergrund gerieten. Einher geht jedoch zugleich ein Wandel Sozialer Arbeit und Berufe vom Ringen um „Mütterlichkeit als Beruf“ über eine professionelle Hochphase in den 1970er und 80er Jahren bis zum aktuellen Werben für eine neue Deprofessionalisierung und Entberuflichung sozialen Arbeitens und Alterns durch das Ehrenamt.

Der Gesamttrend geht dabei von der Änderung der Verhältnisse zur Änderung des Verhaltens – vor allem der Älteren und ihres nahen Umfelds. Da inhärente Gründe für die Abwendung von Fragen sozialer Alternssituationen und Gerechtigkeit, guten Wohnens und Versorgtseins (für alle) fehlen, stellt sich die Frage nach Ursachen und Herkunft der aktuellen Themen- und Schwerpunktsetzungen. Spätestens seit dem Projekt „Neues Altern in der Stadt“, welches vor zehn Jahren zu einer vermeintlichen Revitalisierung kommunaler Verantwortung und Planung geführt hat, ist der Einfluss großer Stiftungen dabei unübersehbar. Ob die Deutungshoheit tatsächlich bei politischen Entscheidungsgremien und Kommunen liegt, diese ihrer Alternssozialpolitik eigene Analysen und Wirkungszusammenhänge zugrunde legen oder vielmehr angebliche Alternativlosigkeiten à la Damoklesschwert Demografie regieren, die mit gleichschaltender Wirkung interessengeleitet lanciert werden, wird zu untersuchen sein.

Diskutantin: S. Kümpers, Fulda

Symposium des AK Kritische Gerontologie DGGG

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