Symposium Soziologie & Psychologie
Freitag, 09.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Reutlingen
S314
Integration körperlicher und sportlicher Aktivität in den Alltag: Neue ICT-basierte interdisziplinäre Interventionsansätze

Moderation: C. Becker, Stuttgart

Körperliche und sportliche Aktivität sind wichtige Bausteine für gesundes und unabhängiges Altern und zur Prävention eines altersassoziierten funktionellen Abbaus. Interventionen welche älteren Personen im Sinne einer Verhaltensänderung hin zu einem aktiven Lebensstil führen sind bislang nicht ausreichend entwickelt, evaluiert und implementiert. Im Symposium werden neue interdisziplinäre Ansätze aus nationalen und europäischen Projekten vorgestellt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz von ICT Technologie zur Quantifizierung von körperlichen Aktivitätsmustern und derer nutzergerechten Rückmeldung zur Steigerung der Motivation.

08:00
EU-Projekt PreventIT: Prävention eines funktionellen Abbaus über ICT-basierte Verhaltensänderung hin zu einem aktiven Lebensstil
S314-01 

C. Becker, M. Schwenk; Stuttgart, Heidelberg

Lebensstil, Krankheiten und biologische Faktoren tragen mit zunehmendem Alter zu einem funktionellen Abbau bei. In der Folge können z.B. Stürze, kognitive Einschränkung oder Gebrechlichkeit (Frailty) auftreten, mit negativen Konsequenzen für die Lebensqualität der Betroffenen. Im Rahmen des EU-Projekts wird ein ICT-basiertes mHealth System entwickelt welches 1) eine frühe Identifikation eines altersassoziierten funktionellen Abbaus ermöglicht und 2) eine Plattform für eine Verhaltensintervention hin zu einem aktiven Lebensstil darstellt. Das mHealth System besteht aus Smartphone und Smartwatch, einer cloud-basierten Anwendung, einem lebensstil-integrierten körperlichen Trainingsprogramm mit Zugang zu sozialen Medien zur Steigerung der Motivation. Die Verhaltensintervention wird personalisiert verabreicht auf Basis eines ICT-basierten Risikoscreenings mit Normwerten aus europäischen Längsschnittstudien. Nach abgeschlossener Entwicklungsphase wird das System 2017 im Rahmen eines multi-center RCTs mit einer konventionellen Intervention ohne ICT Einsatz verglichen. Neben der Durchführbarkeit und Nutzerakzeptanz wird der Einfluss der Intervention auf das körperliche Aktivitätsverhalten, motorische Leistungen, und psychosoziale Endpunkte gemessen.

08:15
Prävention eines funktionellen Abbaus bei jungen Älteren: Entwicklung des adapted Lifestyle-integrated Functional Exercise (aLiFE) Programms im Rahmen des EU-Projekts PreventIT
S314-02 

M. Schwenk, C. Oberle, M. Weber, C. Barz, C. Becker; Heidelberg, Stuttgart

Hintergrund: Im Rahmen des EU-Projekts PreventIT wurde ein Trainingsprogramm entwickelt, welches darauf abzielt, dem funktionellen Abbau bei jungen älteren Menschen (60-70 Jahre) entgegenzuwirken. Das Programm basiert auf dem „Lifestyle-integrated Functional Exercise“ (LiFE) Konzept von Clemson et al. (BMJ 2012;345:e4547), welches bislang nur für hochbetagte Menschen entwickelt war. Im Rahmen von PreventIT wurde das LiFE Konzept an die Zielgruppe der jungen Älteren angepasst und weiterentwickelt (aLiFE).
Methode: Die Entwicklung des aLiFE Programms erfolgte von Oktober 2015 bis April 2016 im Rahmen von Workshops mit internationalen Experten aus Bewegungswissenschaften, Gerontologie und Geriatrie, sowie Personen der betreffenden Zielgruppe.
Ergebnisse: Das aLiFE Programm zielt darauf ab, evidenzbasierte Balance- und Kraftübungen in Alltagsbewegungen der Teilnehmer zu integrieren. Das Programm wird individuell während Hausbesuchen anhand eines Manuals vermittelt. Im Sinne einer Verhaltensmodifikation soll das Training langfristig in die tägliche Routine der Teilnehmer verankert werden. Die Balancekomponente des aLiFE Programms umfasst sowohl einfache statische Übungen als auch anspruchsvolle Balanceaufgaben zu Verbesserung der dynamischen Balance und Agilität. Einen wichtigen Baustein stellt das Training von Mehrfachhandlungen (Dual-Tasks) dar. Die Kraftkomponente beinhaltet progressive Übungen zum Training der Hauptmuskelgruppen der unteren Extremität. Des Weiteren beinhaltet aLiFE einen strukturierten Ansatz zur Steigerung der körperlichen Aktivität. Hauptziel ist die Vermeidung von langen Sitzphasen und die Erhöhung der täglichen Schrittzahl.
Schlussfolgerung: Das aLiFE Programm stellt einen neuen strukturierten Ansatz zur Prävention von funktionellem Abbau bei jungen Älteren dar. Die Durchführbarkeit des Programms wird ab Mai 2016 im Rahmen einer europäischen multi-center Pilotstudie evaluiert.

08:30
Alltagsintegriertes, funktionelles Training zur Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit und Steigerung der körperlichen Aktivität im Alter - eine systematische Literaturrecherche
S314-03 

M. Weber, M. Schwenk; Heidelberg

Hintergrund: Studien zeigen, dass nur ein geringer Teil der älteren Bevölkerung regelmäßiges gezieltes Kraft- und Gleichgewichtstraining ausübt. Ein relativer neuer Ansatz ist es, funktionelles Training in die alltägliche Routine zu integrieren. Statt eines formalen strukturieren Trainings werden Übungen zur Verbesserung von Kraft- und Gleichgewicht z.B. bei täglichen Hausarbeiten durchgeführt. Damit soll ein überdauerndes, nachhaltiges Training erreicht werden. Ziel dieser Literaturrecherche ist es, die bestehenden Studien zum alltagsintegrierten, funktionellen Training im Hinblick auf Durchführbarkeit und Effektivität zu untersuchen.
Methode: Die Datenbanken PubMed, CINAHL, Cochrane Library, Web of Science, Psycinfo, Embase, und GeroLit wurden durchsucht. Einschlusskriterien für die Literatursuche waren 1) Studienpopulation ab 60 Jahre, 2) Interventionsstudien mit dem Fokus auf ein lebensstilintegriertes, funktionelles Training und 3) Ergebnisparameter: Durchführbarkeit, Akzeptanz, Effektivität, motorische und kognitive Leistungsfähigkeit, ADL, psychosoziale Aspekte. Die eingeschlossenen Studien wurden zur Prüfung der methodischen Qualität mittels PEDro-Skala analysiert.
Ergebnisse: Bislang wurden 11 Studien eingeschlossen. Diese weisen neben heterogenen Studiencharakteristika mit einer Stichprobengröße von 8 bis 473 Personen, einem mittleren Alter von 66,2 bis 84,7 Jahren auch unterschiedlichen Studienpopulationen (gesund, Personen mit erhöhtem Sturzrisiko, ambulante Pflege) auf. Sieben Studien fokussierten auf die Effektivität, vier Studien auf die Durchführbarkeit und Akzeptanz. Insgesamt zeigt sich eine hohe Durchführbarkeits- und Akzeptanzrate, gemessen an der dokumentieren Einhaltung des Trainings seitens der Teilnehmer/innen. Sechs Studien weisen darauf hin, dass alltagsintegrierte Ansätze effektiver zur Verbesserung von motorischen Leistungen sind im Vergleich zu strukturierten Trainingskonzepten.
Schlussfolgerung: Alltagsintegriertes, funktionelles Training stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Verbesserung der funktionellen Leistung älterer Menschen dar. Eine abschließende Beurteilung der derzeitigen Evidenzlage kann erst nach Einbezug aller identifizierten Studien erfolgen.

08:45
Körperliche Aktivität und Alterserleben: Eine Tagebuchstudie anhand kommerziell verfügbarer Activity-Tracker
S314-04 

M. Gabrian, L. Schmidt, C.-P. Jansen, M. Sieverding, H.-W. Wahl; Heidelberg

Es ist belegt, dass ein körperlich aktiver Lebensstil insbesondere auch im Alter förderlich für den Erhalt der Gesundheit, kognitiver Fähigkeiten und der Alltagskompetenz ist. Doch trotz vorhandener Intention körperlich aktiv zu sein, erreichen nur 20-25% der älteren Personen die Empfehlung der WHO von mindestens 150 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche. Durch frei werdende Ressourcen nach Eintritt in den Ruhestand sind ältere Personen jedoch in dieser veränderungs-sensitiven Phase möglicherweise besonders empfänglich für Interventionen zur Steigerung der körperlichen Aktivität. Dabei verlangt die Integration körperlicher Aktivität als Routinehandlung in den Alltag nach einer täglichen Verhaltenskontrolle durch selbstregulatorische Bemühungen. Daher baut dieses Projekt gezielt auf den Einsatz kommerziell verfügbarer Activity-Tracker mit dem Design einer Tagebuchstudie auf. Im Projekt wird untersucht, inwiefern insbesondere eine negative Sicht auf das eigene Älterwerden die Aufnahme und Aufrechterhaltung körperlicher Aktivität im Alltag erschwert. N = 38 Personen im Ruhestand (Alter: M = 66 Jahre, 63% weiblich) ohne kognitive Beeinträchtigungen und Mobilitätseinschränkungen wurden in einem intensiven mixed methods Design mit drei Messzeitpunkten und einer zweiwöchigen Tagebuchphase untersucht. Die körperliche Aktivität wurde parallel zum Selbstbericht mithilfe am Handgelenk getragener Activity-Tracker erfasst (Fitbit Charge HR; u. a. Messung der Schrittzahl und Bewegungsintensität) und in Beziehung zum subjektivem Alternserleben und zu sozial-kognitiven Variablen gesetzt. Außerdem werden Fragen zur altersgerechten Technikgestaltung (z.B. subjektiver Nutzen, Bewertung der Usability und Kontrollierbarkeit) adressiert. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass das subjektive Alternserleben bei der Planung und Umsetzung körperlicher Aktivitätsziele einen wichtigen Stellenwert einnimmt und dass umgekehrt das tägliche Ausmaß an körperlicher Aktivität intraindividuelle Schwankungen im subjektiven Alternserleben prägt. Auf den Erkenntnissen hinsichtlich intraindividueller Dynamiken baut eine Interventionsstudie zur Rolle des subjektiven Alternserlebens bei der Förderung körperlicher Aktivität auf.

09:00
Technikbasierte Ansätze für die Erfassung und die Intervention von körperlicher Aktivität
S314-05 

J. Klenk, C. Becker; Ulm, Stuttgart

Durch die zunehmende Verbreitung von Sensorik ergeben sich neue Möglichkeiten bei der Erfassung und Intervention von körperlicher Aktivität. Insbesondere für Präventionsmaßnahmen ist dies interessant. Die sogenannten Wearables wie Smartphones und Smartwatches bieten nicht nur eine breite Palette an Sensoren, sondern auch eine sehr gute Schnittstelle zur Interaktion mit den Personen. In diesem Beitrag werden verschiedene Technologien vorgestellt, um körperliche Aktivität objektiv über einen längeren Zeitraum zu messen und auszuwerten. Neben Maßen wie Schrittzahl oder Dauer der Inaktivität können auch tageszeitliche Variationen und krankheitsspezifische Bewegungsmuster dargestellt werden. Am Beispiel der Sturzinzidenz zudem wird gezeigt, wie die sensorbasierte Messung der Aktivität hilft, neue Aspekte von etablierten Zielgrößen in Interventionsstudien zu untersuchen. Die Möglichkeiten zum interaktiven Feedback werden in einem zweiten Teil vorgestellt. Neben der reinen Rückmeldung der geleisteten körperlichen Aktivität, kann beispielsweise eine individualisierte Intervention gesteuert werden. Die Vernetzung mit sozialen Medien ermöglicht zudem die Interaktion zwischen den Interventionsteilnehmern untereinander beziehungsweise mit einem Trainer.

Diskutanten: H.-W. Wahl, Heidelberg; C. Becker, Stuttgart

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