Symposium Soziologie & Psychologie
Donnerstag, 08.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Mannheim
S225
Zum Stand der deutschsprachigen Hochaltrigenforschung

Trotz des in der internationalen sozialwissenschaftlich-gerontologischen Forschung bereits seit mehreren Jahrzehnten erkennbaren Interesses an der Situation hochaltriger Menschen stehen für den deutschsprachigen Raum bislang nur wenige Befunde aus Studien zur Verfügung, die sich diesem Segment der älteren Allgemeinbevölkerung systematisch zuwenden. Für die gerontologische Forschung zentrale Panelstudien (z.B. Deutscher Alterssurvey) sind aufgrund ihrer Basisstichproben mit in der Regel jüngeren Teilnehmern designbedingt in ihren Aussagemöglichkeiten zur Situation Hochaltriger begrenzt. Das Symposium stellt aktuelle Studien und spezifische Befunde zur Lebenslage und Lebensqualität von Hochaltrigen vor und diskutiert, inwieweit diese den 2013 in einem Themenschwerpunkt der ZfGG konstatierten umfassenden Wissensbedarf (Motel-Klingebiel, A. & Ziegelmann, J. (2013). Hochaltrigkeit in der Gesellschaft des langen Lebens. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 46(1), 4-26.) bereits adressieren. Neben Erfahrungen in der Einbeziehung vulnerabler Personengruppen in die sozialwissenschaftliche Forschung werden Beiträge zur Beschreibung von Lebenslagen, zur Theoriebildung sowie zum gesellschaftlichen Diskurs über das hohe Lebensalter herausgestellt.

10:45
Die Österreichische Interdisziplinäre Hochaltrigenstudie - Ein Überblick
S225-01 

G. Ruppe; Wien/A

Es sind gerade die „Älteren unter den Alten“- also die „hochaltrige“ Bevölkerung - deren Anteil heute und in den kommenden Jahrzehnten signifikant zunimmt. So wird sich der Anteil von Menschen über dem 80. Lebensjahr in Europa bis 2030 fast verdoppelt und bis 2060 bereits verdreifacht haben (EC/Eurostat: Demography Report 2010) und damit nicht nur demographisch sondern auch sozial- und gesundheitspolitisch von enormer Bedeutung sein.
Vor diesem Hintergrund führt die Österreichische Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen (ÖPIA) seit 2013 die Österreichische Interdisziplinäre Hochaltrigenstudie durch. Ziel dieser umfassenden Studie ist es, in regelmäßigen Abständen wissenschaftlich fundierte quantitative wie qualitative Daten zur Gesundheits-, Lebens- und Betreuungssituation in dieser Bevölkerungsgruppe zu erfassen und dadurch Erkenntnisse und Entscheidungsgrundlagen für künftige sozial- und gesundheitspolitische Strategien zu gewinnen.
Die Österreichische Interdisziplinäre Hochaltrigenstudie schließt damit in Österreich eine im internationalen Vergleich schon lange bestehende Forschungs- und Wissenslücke.
Der Beitrag wird einen Überblick über die Hintergründe, Methodik und Inhalte der Studie geben und über wesentliche Ergebnisse aus der ersten Erhebungsphase in zwei Bundesländern berichten.

11:05
Veränderungen in subjektiven und objektiven Gesundheitsindikatoren über einen 5-Jahres-Zeitraum bei sehr alten Erwachsenen: Gibt es ein „Gesundheits-Paradox”?
S225-02 

M. Wettstein, O. Schilling, H.-W. Wahl; Heidelberg

Im sehr hohen Alter weisen Maße objektiver Gesundheit (wie Alltagskompetenz und sensorische sowie sensomotorische Fähigkeiten) üblicherweise deutliche Rückgänge auf. Weniger ist jedoch darüber bekannt, wie hochbetagte Erwachsene ihre Gesundheit und Funktionsfähigkeit subjektiv einschätzen und ob (bzw. in welchem Ausmaß) Veränderungen in der wahrgenommenen Gesundheit Veränderungen im objektiven Funktionsniveau widerspiegeln. In dieser Studie wurden Veränderungstrends in wahrgenommenen und objektiven Gesundheitsindikatoren bei sehr alten Erwachsenen (n = 124; Alter zu T1 zwischen 87 und 97 Jahren, M = 90.56 Jahre, SD = 2.92 Jahre) über 11 Messzeitpunkte und ca. 5 Jahre verglichen. Gesundheit wurde über Selbstberichte (subjektive Gesundheit, subjektive Bewegungsfähigkeit, subjektives Sehvermögen, Zahl wahrgenommener Symptome) sowie über objektive Maße und leistungsbasierte Tests (Alltagskompetenz, Sehschärfe, Sitz-Steh-Leistung, Handkraft) erfasst. Alle objektiven Maße zeigten einen deutlichen und statistisch bedeutsamen Rückgang über 5 Jahre, während die meisten subjektiven Indikatoren relativ stabil blieben. Für die meisten Variablen war zudem eine erhebliche interindividuelle Variabilität in den intraindividuellen Veränderungsmustern beobachtbar. Die Korrelationen zwischen den Veränderungen der verschiedenen Maße waren überwiegend schwach, und nur ein geringer Varianzanteil in den Verläufen der subjektiven Indikatoren konnte auf Grundlage der objektiven Gesundheitsmaße aufgeklärt werden. Unsere Befunde legen daher ein paradoxes Muster diskrepanter Veränderungstrends in subjektiven und objektiven Gesundheitsindikatoren nahe. Vor dem Hintergrund dieser Befunde ist eine differenziertere Sicht auf Gesundheit und Funktionsfähigkeit im sehr hohen Alter erforderlich.

11:25
Psychologische Prädiktoren des Wohlbefindens im sehr hohen Alter
S225-03 

D. Jopp, K. Boerner, C. Rott; Lausanne/CH, Boston/USA, Heidelberg

In den meisten industrialisierten Ländern steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an und sehr alten Menschen stellen die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe dar. Somit ist es mehr und mehr Menschen vergönnt, ein extrem hohes Alter zu erreichen. Allerdings gibt es relativ wenig Forschung zur Frage, ob es möglich ist, dieses Alter auch positiv zu erleben. Im Rahmen der Zweiten Heidelberger Hundertjährigen-Studie (HD100-II) wurde untersuchen, ob Hundertjährige mit ihrem Alter bzw. dem Alternsprozess zufrieden sind und welche Faktoren hierzu beitragen. Von den im Rahmen von HD100-II befragten Hundertjährigen machten 68 Personen Angaben zu ihrer Alterszufriedenheit. Die meisten dieser Personen gaben an, mit ihrem Alter zufrieden zu sein (69%), ein Drittel der Stichprobe war nur „ein wenig“ und 4% waren überhaupt nicht zufrieden. Korrelationsanalysen ergaben, dass demographische Faktoren (z.B. Bildung) und Wohnsituation (z.B. Leben in einer Institution) ohne Beziehung zur Alterszufriedenheit waren. Gesundheitliche Faktoren waren hingegen von Bedeutung: signifikante Beziehungen bestanden zu subjektiver Gesundheit und Hörfähigkeit, Inkontinenz sowie Schmerzhäufigkeit; die Anzahl von Erkrankungen war ohne Bedeutung. Soziale Aspekte waren ebenfalls von Relevanz: negative Korrelationen fanden sich für Einsamkeit sowie den Wunsch, seine Angehörigen häufiger zu sehen. Von den ausgewählten psychologischen Faktoren waren Optimismus, Lebenssinn und Lebenswillen stark positiv mit Alterszufriedenheit korreliert. Anschließend wurden Regressionsanalysen mit Prädiktoren eines Funktionsbereichs (z.B. Gesundheit) durchgeführt, um besonders vorhersagestarke Prädiktoren für eine kombinierte Analyse zu identifizieren. Dieses kombinierte Regressionsmodell dominierten zwei Prädiktoren: Optimismus und Schmerzhäufigkeit. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, dass objektive Faktoren, wie die Erkrankungsanzahl, ohne Bedeutung für die Zufriedenheit mit dem Alter sind, allerdings spielen subjektive Bewertungen und psychologische Stärken, wie ein optimistischer Ausblick auf das Leben, eine wichtige Rolle. Schmerzen waren ebenfalls sehr wichtig. Ein gezieltes diagnostisches Vorgehen sowie ein besseres Krankheitsmanagement könnten zur Verbesserung der Alterszufriedenheit beitragen.

11:45
Lebensqualität und Wohlbefinden hochaltriger Menschen in NRW (NRW80+)
S225-04 

R. Kaspar, S. Zank; Köln

Hintergrund: In Nordrhein-Westfalen sind gegenwärtig knapp eine Million Menschen 80 Jahre alt oder älter. Mit der vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung beauftragten Studie NRW80+ sollen erstmals repräsentative Aussagen zu Lebensbedingungen, Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden hochaltriger Menschen im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands getroffen werden. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild des Lebens der Hochaltrigen zu generieren. Auf dieser Grundlage werden alltagsnahe Konzepte entwickelt um die Lebenswelten in unterschiedlichen städtischen oder ländlichen Regionen so zu gestalten, dass eine als sinnvoll empfundene Lebensführung und ein hohes Wohlbefinden bis ins hohe Alter unterstützt werden.
Methode: Der Repräsentativbefragung von bis zu 2.000 Personen über 80 Jahren geht eine umfassende Machbarkeitsstudie voraus. Es werden Lösungsansätze für die sich in dieser heterogenen Bevölkerungsgruppe stellenden surveymethodologischen Herausforderungen (u.a. Erreichbarkeit, Nonresponse) erarbeitet. Daneben werden Möglichkeiten für eine adäquate Abbildung von relevanten Aspekten der Lebensqualität und des Wohlbefindens hochaltriger Menschen identifiziert und pilotiert.
Ergebnis: Auf theoretischer Ebene wird als Ergebnis der interdisziplinären Diskussion des Konzeptes von Lebensqualität im sehr hohen Alter ein Rahmenmodell vorgeschlagen, das individuelle und gesellschaftlich geteilte Wertestrukturen als Ressource bzw. Vulnerabilität für Lebensqualität begreift, und die gelingende Lebensführung selbst in den Fokus rückt. Über die Betrachtung von Ressourcenlagen und Wohlbefindens-Outcomes hinaus wird damit auch ein Anschluss an Konzepte von funktionaler Lebensqualität und lebenslangen Entwicklungsaufgaben erleichtert. Erste Ergebnisse aus den Machbarkeitsstudien zum Feldzugang lassen erwarten, dass mit der aktuellen Novellierung des Meldegesetzes der Aufwand für die Einbeziehung insbesondere hochaltriger Menschen, die in Pflegeeinrichtungen versorgt werden, nochmals gestiegen ist. Erste Befunde zur Sichtung und Pilotierung von Instrumenten für die standardisierte Erfassung von Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden weisen auf einen hohen Bedarf an Flexibilisierung der Erhebungsmodalitäten und –inhalte hin.

Diskutant: C. Rietz. Köln

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