Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Donnerstag, 08.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Reutlingen
S214
”Soziale Teilhabe” und Alter. Empirische Daten zur differenten Bedeutung eines relevanten Begriffs

Moderation: H. Brandenburg, Vallendar

Mangelnde ‚Soziale Teilhabe’ ist ein häufig beklagtes Defizit im Umgang mit und bei Pflege und Versorgung von alten Menschen. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff versucht die Potenziale eines Menschen inklusive der Stärkung seiner Selbstständigkeit und Teilhabefähigkeit in den Blick zu nehmen (Wingenfeld, Büscher & Schaeffer, 2011). Auch das Gutachten des Sachverständigenrates (SVR) fordert die Sicherung von Autonomie und Teilhabe in der Langzeitversorgung (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2014).
Das Symposium diskutiert ‚Soziale Teilhabe’ unter einem multidimensionalen Verständnis. Zugrunde gelegt werden dabei sowohl ambulante, stationäre wie nachstationäre Settings: Steve Strupeit analysiert auf der Grundlage empirischer Daten die Bedeutung von Mobilität für die ‚Soziale Teilhabe’ und zeigt, dass es einen erweiterten Mobilitätsbegriff braucht, um dessen Bedeutung auf die ‚Soziale Teilhabe‘ korrekt darzustellen. Arne Buß beschreibt wesentliche Aspekte des Teilhabebegriffs aus einer nachstationären Perspektive. Hier steht die Förderung von Autonomie, nicht zuletzt im Kontext eines erweiterten Bewegungsraumes am Beispiel von Schlaganfall-Patienten mit und ohne Demenz im Mittelpunkt, während Annika Schmidt und Karin Wolf-Ostermann ‚Soziale Teilhabe’ vor dem Hintergrund von ambulant versorgten Menschen mit Demenz (n=560) thematisieren. Sie arbeiten in ihrem Beitrag Möglichkeiten sowie Grenzen im Feld heraus und zeigen positive Ergebnisse hinsichtlich gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit Demenz in der Bundesrepublik. Einen Perspektivwechsel hin zu den Professionellen in der stationären Altenhilfe vollziehen Renate Stemmer, Sabine Glanz und Nikolaus Meyer. Sie diskutieren abschließend Partizipation von in der stationären Altenhilfe Tätigen unter Bezug auf qualitative Forschungsdaten aus zwei Einrichtungen. Befragt wurden hier unterschiedliche Berufsgruppen wie Sozialdienst und pflegend Tätige. Die Ergebnisse bilden Ansatzpunkte für zukünftige Handlungsmöglichkeiten zur Stärkung von Partizipationsmöglichkeiten. Im Anschluss diskutiert Hermann Brandenburg die verschiedenen Beiträge und fragt nach der Relevanz der verschiedenen Forschungsergebnisse für die Versorgungspraxis.

08:00
Soziale Teilhabe mit dem Fokus Mobilität
S214-01 

S. Strupeit, P. Marijic, A. Buss; München

Problemstellung: Die soziale Teilhabe älterer Menschen ist maßgeblich davon abhängig, ob ein Mensch über die nötige Mobilität verfügt. Problematisch in diesem Zusammenhang stellt sich die konventionell gebräuchliche Definition des Mobilitätsbegriffs in den Gesundheitswissenschaften dar. Demnach wird Mobilität auf die körperliche Funktionalität beschränkt und die Vermeidung von Restriktionen steht im Vordergrund professionellen Handelns, wie etwa im Rahmen der Sturzprophylaxe. Mobilität als Ressource für die Teilhabe am sozialen Leben muss jedoch mehr umfassen als die bloße Funktionalität – insbesondere bei älteren Menschen. Es bedarf folglich eines erweiterten Verständnisses, einer erweiterten Definition von Mobilität.
Konzept: Erkenntnissen aus der Verkehrssoziologie zufolge vollzieht sich Mobilität als physikalische Raumüberwindung stets im Kontext von Bedingungsfaktoren, die sich auf der einen Seite ermöglichen und auf der anderen begrenzen. Der Bewegungsradius älterer Menschen ist z.B. durch Hilfsmittel, Verkehrsmittelanbindung, die Qualität sozialer Einbindung und subjektiv sinnhaft empfundene räumliche Ziele, Wünsche und Bedürfnisse bedingt. Grundsätzlich lassen sich drei Dimensionen von Mobilität unterscheiden, welche in einem interdependenten Verhältnis zueinander stehen: 1) Mobilität als Handeln, 2) die funktionelle Mobilität als Option und 3) die subjektive Dimension von Mobilität. Darauf aufbauend lässt sich folgende Definition von Mobilität formulieren: Mobilität wird definiert als ein multidimensionales Konstrukt, gekennzeichnet durch eine interdependente Beziehung zwischen physischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Komponenten. Die Mobilität eines Menschen drückt sich einerseits durch die funktionale Mobilität im Kontext der körperlichen und geistigen Disposition aus. Zugleich umfasst sie das Handeln im Rahmen der physischen, psychischen und sozialen Aktivität. Die individuelle Bedeutsamkeit von Mobilität äußert sich in den Selbstkonzepten, Strategien, Zielen, Bedürfnissen und Motiven eines Menschen.
Schlussfolgerung: Für die soziale Teilhabe älterer Menschen ist Mobilität eine entscheidende Voraussetzung. Um sie in diesem Sinne zielgerichtet fördern bzw. erhalten zu können, ist eine Erweiterung des Mobilitätsbegriffs unabdingbar.

08:20
Soziale Teilhabe von ambulant versorgten Menschen mit Demenz - Potenzial nach oben?
S214-02 

A. Schmidt, K. Wolf-Ostermann; Bremen

Die Zahl älterer Menschen steigt weltweit drastisch. Damit einhergehend ist die Zunahme von Menschen mit Demenz (MmD) zu verzeichnen: Leben aktuell 1,5 Millionen MmD in Deutschland, wird sich die Anzahl bis ins Jahr 2050 voraussichtlich verdoppeln (Bickel, 2014). Global gesehen werden bis 2050 rund 115 Millionen MmD betroffen sein (Wimo & Prince, 2010). MmD, die, bedingt durch oftmals als störend empfundene Persönlichkeitsveränderungen, eine Verringerung ihrer sozialen Kontakte erleben, sind in ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtig, woraus die Ausgrenzung und Isolation des von Demenz Betroffenen in der Familie oder im Freundeskreis entstehen kann (Stmas, 2014). Derzeit existieren nur wenig valide Daten, die zu dieser Thematik Auskunft geben. Ziel der vorliegenden Studie ist es, die Situation von ambulant betreuten MmD in der BRD zu beleuchten.
Im Rahmen der multizentrischen, multiprofessionellen Längsschnittstudie DemNet-D (2012-2015), wurden deutschlandweit mithilfe standardisierter Interviews neben sozidemografischen und krankheitsspezifischen Daten auch soziale Teilhabe und die Integration in die Gesellschaft (SACA, UCLA) von MmD untersucht.
Es wurden n = 560 Menschen mit Demenz (durchschnittlich 79,7 Jahre alt, 58,3 % weiblich), die von regionalen Demenznetzwerken (DNW) betreut werden, sowie ihre versorgenden Angehörigen in die Studie eingeschlossen. Das von MmD empfundene Akzeptanzgefühl in der Gemeinschaft wird als moderat eingeschätzt wird und steigt über die Beobachtungszeit von einem Jahr leicht an. Das Gefühl von Alleinsein ist bei den untersuchten MmD in der eigenen Häuslichkeit weniger stark ausgeprägt.
Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass ambulant durch DNW betreute MmD trotz ihrer Erkrankung eine gute soziale Teilhabe und Integration in der Gesellschaft erleben. Durch die demografisch bedingte Zunahme der MmD in den kommenden Jahren wird der Bedarf an koordinierten und teilhabeorientierten Versorgungsstrukturen (SVR, 2015) zunehmen. Um jedoch angemessene, bedürfnisorientierte Konzepte zu entwickeln und zu implementieren, ist es von großer Bedeutung, dass zunächst die nationale Datenlage zur sozialen Teilhabe und Integration in die Gesellschaft in den verschiedensten Versorgungssettings von MmD abgebildet wird.

08:40
Partizipationsmöglichkeiten von MitarbeiterInnen in Einrichtungen der stationären Altenhilfe
S214-03 

N. Meyer, S. Glanz, R. Stemmer; Frankfurt a. M., Mainz

Einleitung, Ausgangslage: Zu den Mängeln bei der Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf gehören die eingeschränkte Berücksichtigung von ‚Soziale Teilhabe‘ und ‚Autonomie‘. Dabei ist von einem engen Zusammenhang dieser Defizite mit der Organisationskultur einer Einrichtung sowie den Partizipations- und Mitsprachemöglichkeiten der dort Tätigen auszugehen. Diese Wechselbeziehung steht im Mittelpunkt des BMBF-geförderten Projektes OLE (Organisationales Lernen in Einrichtungen der stationären Altenhilfe). Das Handeln der Mitarbeitenden (MA) ist eingebunden und Ausdruck einer spezifischen Organisationskultur.
Ziel: Analyse der Organisationskultur von Einrichtungen der stationären Altenpflege im Hinblick auf organisational verankerte Partizipationsmöglichkeiten von MA.
Art der Datensammlung: Die Datenerhebung erfolgt mittels Experteninterviews (EI) und Gruppendiskussionen in zwei Einrichtungen der stationären Altenhilfe mit je 3 Wohnbereichen und ca. 150 MA. Es werden folgende EI geführt: 2 EI mit Einrichtungsleitungen (1 EI Interview je Ein-richtung); 6 EI mit MA der Wohnbereiche (1 EI je Wohnbereich), 2 EI mit dem Sozialdienst (je Einrich-tung 1 EI). Auf der Grundlage der Interviewauswertung werden Stimuli für insgesamt 10 Gruppendis-kussionen (GD) entwickelt: 1 GD mit der Leitungsebene je Einrichtung; 6 GD mit MA der Wohnberei-che (1 GD je Wohnbereich); 2 GD mit dem Sozialdienst (1 GD je Einrichtung).
Datenauswertung: Als theoretischer Hintergrund für ein Analyseraster dient das Konzept der ‚Sozialen Welt‘. Als Methode der Datenauswertung wird die qualitative Inhaltsanalyse genutzt. Im Rahmen des Symposiums werden erste Ergebnisse vorgestellt.
Diskussion: Organisationskultur kann hinsichtlich 3 Ebenen differenziert werden (Schein, 2003):. Sichtbare Organisationsstrukturen und –prozesse; öffentlich propagierte Werte, Ziele und Strategien sowie grundlegende unausgesprochene Annahmen. Die qualitative Vorgehensweise erlaubt es, die ‚weichen‘, gleichwohl handlungsleitenden Faktoren zu erfassen.
Schlussfolgerungen: Auf der Grundlage der ausgewerteten Daten können Ansatzpunkte für zukünftige Entwicklung im Hinblick auf eine Stärkung von Partizipation der Mitarbeitenden in Einrichtungen der stationären Altenhilfe konzipiert werden.

09:00
Lebensraummobilität bei älteren Menschen nach Schlaganfall
S214-04 

A. Buss, J. Gräske, K. Wolf-Ostermann; München, Bremen

Fragestellung: Die Einschätzung der Lebensraummobilität kann zu einem erweiterten Verständnis von Mobilität bei älteren Menschen beitragen. Ziel dieser Studie war es die Lebensraummobilität bei Menschen nach Schlaganfall sowie Zusammenhänge mit dem kognitiven Status, Pflegeabhängigkeit, Alltagsaktivitäten, dem Sturzrisiko und soziodemografischen Faktoren festzustellen.
Methodik: Es wurde eine deskriptive Querschnittstudie, im Rahmen des Projektes Indikationsspezifische regional koordinierte nachstationäre Langzeitversorgung von Menschen mit Schlaganfall und Menschen mit Demenz nach Schlaganfall in Berlin-Pankow (INDIKA), durchgeführt. Die StudienteilnehmerInnen waren in einem Berliner Stadtteil lebende ältere Schlaganfallbetroffene mit und ohne Demenz. Die Datenerhebung erfolgte zwischen 2014 und 2015 anhand des Life-Space Assessment (LSA), des Barthel Index (BI), des Mini-Mental State Test (MMST), der Pflegeabhängigkeitsskala (PAS) und des St. Thomas‘ Risk Assessment Tool (STRATIFY). Zusätzlich wurden Alter, Geschlecht, Wohngebiet und Wohnsituation erhoben.
Ergebnisse: Es nahmen 48 Personen an der Studie teil. Die TeilnehmerInnen waren rund 73 Jahre alt und die Geschlechter etwa gleich verteilt. Etwa 59% der TelnehmerInnen lebten mit einem rüstigen Partner bzw. Familienmitgliedern dauerhaft in einem Haushalt, während rund ein Drittel allein lebte. Die TeilnehmerInnen waren kognitiv nicht beeinträchtigt (MMSE 24.13, SD 5.61), zeigten eine relativ geringe Pflegeabhängigkeit (PAS 62.86, SD 13.88) sowie gute Alltagsfähigkeiten (BI 79.40, SD 27.01) und waren in der Mehrheit nicht sturzgefährdet. Im Mittel wurde ein LSA-Score von 46,68 (SD 21,00) und folglich eine eingeschränkte Lebensraummobilität gemessen. Zwischen der Lebensraummobilität und den untersuchten Variablen konnten keine Zusammenhänge festgestellt werden.
Schlussfolgerung: Die Lebensraummobilität in der untersuchten Gruppe war vergleichsweise gering. Es besteht ein Bedarf an weiteren Studien zur Untersuchung der Lebensraummobilität und beeinflussenden Faktoren mit entsprechend großen Stichproben an diversen älteren Gruppen. Insbesondere mangelt es an Längsschnittuntersuchungen zum Thema.

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