Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
10:45 - 12:15
Studio B
S229
Menschen mit Demenz – welche Rolle spielt die Prognose für klinische Entscheidungen?

Moderation: R. Roller-Wirnsberger, Graz/A; T. Zieschang, Heidelberg

Die Diagnose einer Demenz beeinflusst erheblich die Prognose sowohl bezüglich der Lebenserwartung, aber auch der funktionellen Leistungsfähigkeit und Selbständigkeit älterer Menschen. In der Geriatrie werden Entscheidungen bezüglich Diagnostik und Therapie maßgeblich beeinflusst von der Einschätzung der Prognose, der Funktionalität und Gebrechlichkeit (Schlagwort: go-go, slow-go, no-go). Diese Aspekte stehen im Spannungsfeld zu diagnosefokussierten, leitliniengerechten Vorgehensweisen. In diesem Symposium wird diskutiert werden, in wie weit die Prognose fundiert bestimmt werden kann und welche klinische Relevanz ein prognostischer Index haben kann. Welchen Einfluss hat die Prognose auf die Indikationsstellung für die ständig zunehmenden Möglichkeiten sowohl in pharmakologischen Therapie aber auch von interventionellen Eingriffen z.B. in der Kardiologie. Zuletzt wird reflektiert, welche Bedeutung die Einschätzung der Prognose auf die Gestaltung der letzten Lebensphase haben kann.

10:45
Demenz bei älteren, multimorbiden Patienten: Bedeutung der Prognose und des Multidimensionalen Prognostischen Indexes
S229-01 

M. C. Polidori Nelles, F. Panza, A. Pilotto; Köln

Behandlungsstrategien gegen Demenz werden empfohlen, für die häufig keine Evidenz bei älteren, multimorbiden Patienten besteht. Letztere sind aber diejenigen, die am häufigsten von Demenz betroffen sind und die deswegen unter starker Abhängigkeit bei der Durchführung der Alltagsaktivitäten leiden. Die Prognose, die sowohl generell als auch besonders im Falle des dementiellen Syndroms eine zentrale Rolle für klinische Entscheidungen spielt, wird zur Zeit anhand gezielter Instrumente, sogenannte prognostische Indexes, berechnet. In diesem Beitrag werden die Hauptmerkmale des Multidimensionalen Prognostischen Indexes sowie seine Nutzung und Vorteile präsentiert.

11:05
Gestaltung der letzten Lebensphase bei Menschen mit Demenz - Bedeutung der Prognose: Indikation zur TAVI bei symptomatischer Aortenklappenstenose
S229-02 

R. Bekeredjian; Heidelberg

Bei älteren Patienten mit hochgradiger Aortenklappenstenose steht der behandelnde Geriater vor einem therapeutischen Dilemma. Symptomatische Patienten haben neben einer eingeschränkten Lebensqualität auch eine deutlich eingeschränkte Prognose. Die perkutane Aortenklappenimplantation (TAVI) bietet denjenigen älteren Patienten, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und ihren Komorbiditäten nicht konventionell vom Chirurgen operiert werden können, eine therapeutische Alternative an. Bei erfolgreich behandelten Patienten verbessert sich nicht nur die Prognose sondern vor allem die Lebensqualität in Folge. Periprozedural können allerdings vaskuläre Zugangs- und Blutungskomplikationen sowie atrioventrikuläre Überleitungsstörungen auftreten, die zum Teil eine permanente Schrittmacherimplantation erforderlich machen. Ungelöst ist aber noch, ob ältere Patienten mit Gebrechlichkeit und/ oder kognitiven Störungen von einer TAVI profitieren. Ein multidimensionales geriatrisches Assessments kann für die Risikostratifizierung dieser älteren Patienten hilfreich sein.

11:25
Sollte die Prognose die Wahl der Pharmakotherapie beeinflussen?
S229-03 

W. Haefeli; Heidelberg

Die meisten leitliniengerechten Therapien fokussieren auf die Behandlung der eigentlichen Krankheit und sind damit primär, sekundär oder tertiär präventiv. Dabei werden Begleitkrankheiten oft nicht gebührend berücksichtigt, insbesondere wenn sie nicht in offensichtlichem pathophysiologischem Zusammenhang stehen. Solche Komorbiditäten führen zu Polypharmazie, können Modulator einer sicheren und verträglichen Arzneimittel-Therapie sein und so das Nutzen-Risikoverhältnis einer Therapie beeinflussen. Außerdem können Begleitkrankheiten die Lebenserwartung verkürzen, wodurch nicht ausreichend Zeit bis zum Eintreten der Wirkung gewisser präventiver Arzneimittel bleibt. Gleichzeitig ändern sich auch die Präferenzen und Behandlungsziele der Patienten und mit zunehmender Nähe zum Lebensende erhalten Autonomie, Lebensqualität und Schmerzfreiheit mehr Gewicht, während die Lebensverlängerung in den Hintergrund tritt. Komorbidität und Komedikation können deshalb das Ansprechen auf Therapien, die homöopathischen Reserven, die verbleibende Lebenszeit, den Dosisbedarf, die Durchführbarkeit einer Therapie und auch die Erwartungen der Patienten an die Behandlung beeinflussen und sollten gebührend berücksichtigt werden. Mit sinkender Lebenserwartung werden auch Anpassungen der unterstützenden Betreuung erforderlich (z.B. Entscheidungen über antibiotische Therapien, künstliche Hydratation und künstliche Ernährung). Die Diagnose einer Demenz ist ein wichtiger Modulator pharmakotherapeutischer Maßnahmen; sie beeinflusst nicht nur die Prognose bezüglich kardiovaskulärer und allgemeiner Mortalität und den Einfluss weiterer Erkrankungen auf die verbleibende Lebenszeit, sondern erhöht auch das Risiko für Therapiekomplikationen (z.B. Vergiftungen), weshalb sich auch die Gewichtung von ärztlichen Therapieempfehlungen verändern muss. Schließlich birgt Demenz aber auch ein beträchtliches Risiko einer medikamentösen Unterversorgung (in gewissen Studien bis 70 % der Patienten) und von Fehldosierungen (~ ein Drittel), weshalb umfangreiche, wiederholte und strukturierte Prüfungen der Therapie (Unter-, Über-, Fehlversorgung) erforderlich sind, die an der Prognose ausgerichtet werden müssen.

11:45
Gestaltung der letzten Lebensphase bei Menschen mit Demenz - Bedeutung der Prognose
S229-04 

T. Zieschang; Heidelberg

Die Demenzen sind fortschreitende Erkrankungen, die zum Tode führen. Etwa 14% älterer Menschen sterben an einer Demenz. Sowohl die Palliativmedizin als auch die Hospizbewegung hat sich aus der Onkologie entwickelt. Der Verlauf der funktionellen Leistungsfähigkeit in den letzten Lebensmonaten unterscheidet sich bei Menschen mit Demenz jedoch erheblich von dem bei onkologischen Patienten. Bedingt durch die kognitiven Einschränkungen sind bei Menschen mit Demenz Entscheidungen bezüglich der Therapiefokussierung häufig nicht mit den Patienten selbst zu klären. Vielmehr müssen Entscheidungen meist anhand des mutmaßlichen Willens, der von den Angehörigen vertreten wird, getroffen werden. Die Kenntnis über die Prognose bei fortgeschrittener Demenz spielt für die Angehörigen eine erhebliche Rolle. Wenn diese die reduzierte Prognose nicht verinnerlicht haben, werden bei 73% der Betroffenen noch Interventionen durchgeführt, die als unsinnig und belastend erachtet werden müssen. Ist den Angehörigen die Prognose bewusst, geschieht dies zu einem wesentlich geringeren Prozentsatz.

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