Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Mannheim
S215
Inanspruchnahme formeller Hilfen in häuslichen Versorgungsarrangements bei Demenz

Moderation: G. Meyer, Halle (Saale); A. Bieber, Anja

Hintergrund: Die meisten Menschen mit Demenz leben zu Hause und werden dort zumeist von Angehörigen versorgt. In einem Großteil dieser Versorgungsarrangements werden im Verlauf der Demenz formelle Hilfen in Anspruch genommen. Allerdings erfolgt dies häufig zu spät oder wenig bedarfs- und bedürfnisgerecht, sodass Angehörige oftmals hoch belastet, die Bedürfnisse der Person mit Demenz bedroht und die Stabilität der häuslichen Versorgung gefährdet ist.
Das Symposium beleuchtet relevante Aspekte der Inanspruchnahme formeller Hilfen: Der Beitrag von Astrid Stephan ‚Zugang zu professioneller Unterstützung für Menschen mit Demenz und ihre Familien. Ergebnisse einer Fokusgruppenstudie in 8 EU-Ländern‘ widmet sich der Analyse von Barrieren und fördernden Faktoren für die Nutzung formeller Hilfen. Anja Bieber präsentiert im Beitrag ‚Einflussnehmende Faktoren auf die Inanspruchnahme professioneller Hilfen bei Demenz: eine Literaturübersicht‘ die Ergebnisse einer systematischen Literaturstudie, für die das Andersen Behaviour Model of Health Service Use als theoretischer Rahmen genutzt wurde. Beide Beiträge sind Bestandteile des transnationalen JPND Projektes ActifCare.
Der Beitrag von Milena von Kutzleben ‘Bedeutung formeller Hilfen in den informellen Versorgungskonzepten Angehöriger in häuslichen Versorgungsarrangements bei Demenz‘ präsentiert die Ergebnisse von vier objektiv-hermeneutischen Fallrekonstruktionen zum informellen Versorgungshandeln bei Demenz.
Steffen Heinrich geht mit dem Beitrag ‚Inanspruchnahme formeller Hilfen und Belastung versorgender Angehöriger von Menschen mit Demenz in Demenznetzwerken: Ergebnisse aus der DemNet-D Studie‘ der Frage nach, inwieweit sich Zusammenhänge zwischen Inanspruchnahme formeller Hilfen und Belastung von Hauptversorgungspersonen nachweisen lassen.
Fazit: Zeitgerechtigkeit und Passgenauigkeit sind offensichtlich zentrale Determinanten für ein umfassendes Verstehen der Inanspruchnahme formeller Hilfen in häuslichen Versorgungsarrangements bei Demenz und sind maßgebend für die erfolgreiche Gestaltung von unterstützenden Angeboten und Interventionen. Gabriele Meyer wird als Diskutantin die Ergebnisse in den Korpus der externen Evidenz einordnen und die Praxisrelevanz reflektieren.

08:00
Zugang zu professioneller Unterstützung für Menschen mit Demenz und ihre Familien. Ergebnisse einer Fokusgruppenstudie in 8 EU-Ländern
S215-01 

A. Stephan, A. Bieber, G. Meyer; Halle (Saale)

Hintergrund: Die meisten Menschen mit Demenz werden zu Hause von ihren Familien betreut. Insbesondere die zeitgerechte Nutzung von Unterstützungsangeboten kann die Belastung der Angehörigen senken und dazu beitragen, das Leben zu Hause zu ermöglichen. Hilfen werden jedoch häufig erst spät genutzt. Einflussfaktoren auf die Nutzung wurden bisher überwiegend aus Angehörigensicht untersucht.
Fragestellung: Im Rahmen des transnationalen Projektes ActifCare wurde untersucht, welche Barrieren und fördernden Faktoren für die Nutzung professioneller Unterstützung von Menschen mit Demenz, Angehörigen und professionellen Begleitern wahrgenommen werden.
Methode: In acht EU-Ländern wurden Fokusgruppen durchgeführt (DE, IE, IT, NL, NO, PT, SE, UK) und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse aus den Ländern wurden anschließend übersetzt und zusammengefasst.
Ergebnisse: Es wurden 55 Fokusgruppen mit 266 Teilnehmern geführt: 14 Gruppen mit Menschen mit Demenz, 21 mit Angehörigen, 20 mit professionellen Begleitern. Die identifizierten Einflussfaktoren wurden übergeordneten Themen zugeordnet: Einflussfaktoren auf 1) individueller Ebene (z.B. persönliche Barrieren), 2) auf Systemebene (z.B. komplexe Regularien) sowie 3) übergeordnete Aspekte (i.e. Information, öffentliche Wahrnehmung). Die Haltung der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen, z.B. negative Erwartungen (Tagespflege als erster Schritt ins Pflegeheim) oder die Bedeutung von Pflege für die Familien (die Möglichkeit, etwas zurückzugeben) sind besonders bedeutsam. Menschen mit Demenz erkennen ihre Bedarfe oft nicht und lehnen daher Hilfen ab. Zudem nehmen sie professionelle Pflege eher als Bedrohung ihrer Selbständigkeit wahr. Es werden jedoch auch Motive für die Nutzung von Hilfen deutlich, wie Sicherheitsaspekte oder Erhalt der Berufstätigkeit der Angehörigen. Soziale Kompetenzen und Fachwissen seitens der professionellen Begleiter sind weitere fördernde Faktoren.
Schlussfolgerung: Psychosoziale Faktoren, Eigenschaften der professionellen Begleiter und Merkmale des Versorgungssystems beeinflussen die Nutzung professioneller Hilfen. Es gilt insbesondere zu untersuchen, wie professionelle Unterstützung zur Förderung der Selbständigkeit von Menschen mit Demenz beitragen kann.

08:20
Einflussnehmende Faktoren auf die Inanspruchnahme professioneller Hilfen bei Demenz: eine Literaturübersicht
S215-02 

A. Bieber, A. Stephan, G. Meyer; Halle (Saale)

Hintergrund: Für die Pflege eines Menschen mit Demenz nutzen die meisten Angehörigen keine oder eher spät professionelle Hilfe. Das Andersen Behaviour Model of Health Service Use ist eine Theorie zu einflussnehmenden Faktoren auf die Inanspruchnahme. Prädiktoren der Inanspruchnahme sind predisposing factors (z.B. Alter), enabling factors (z.B. familiäre Ressourcen) und need factors (z.B. Symptome der Demenz). Vertiefte Kenntnisse dazu können das Verständnis des Inanspruchnahme Verhaltens fördern.
Fragestellung: Im Rahmen des transnationalen Forschungsprojekts Actifcare wird untersucht, welche Erkenntnisse zu häufig untersuchten Einflussfaktoren aus den teilnehmenden Ländern (DE, IE, IT, NL, NO, PT, SE, UK) vorliegen.
Methoden: Anhand prädefinierter Faktoren erfolgte im September 2014 eine systematische Literaturrecherche nach Studien der beteiligten acht Länder in den Datenbanken PubMed, CINAHL, PsychInfo und Social Science Citation Index. Die Wahl der Faktoren Alter, Geschlecht, familiäre Beziehung, Beschäftigung, Wohnregion, Einstellungen gegenüber Demenz und der Pflege von Menschen mit Demenz, kultureller Hintergrund, Ausbildung und finanzielle Aspekte basierte auf einer Recherche internationaler Studienergebnisse und dem Konsens der europäischen Arbeitsgruppe.
Ergebnisse: 37 Studien erfüllten die Einschlusskriterien: n=18 (DE), n=1 (IE), n=4 (IT), n=2 (NL), n=0 (NO), n=0 (PT), n=1 (SE), n=11 (UK). Die am häufigsten untersuchten Faktoren waren Alter, Geschlecht und finanzielle Aspekte, gefolgt von kulturellem Hintergrund, Ausbildung, Wohnregion und sozialen Beziehungen. Einstellungen gegenüber Demenz und der Pflege von Menschen mit Demenz scheinen ebenso einen Einfluss auf die Inanspruchnahme professioneller Hilfen zu haben. Fehlendes Wissen zur Demenz und zu Unterstützungsmöglichkeiten wurde mehrfach als Barriere für professionelle Pflege identifiziert.
Schlussfolgerung: In den beteiligten EU-Ländern gibt es wenige und teilweise inkonsistente Daten über den Einfluss der untersuchten Prädiktoren. Eine demenzspezifische Adaption des Andersen Behaviour Model of Health Service Use sollte berücksichtigen, wie soziale Beziehungen und Kontextfaktoren mitbestimmen, ob Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen professionelle Hilfen suchen und annehmen.

08:40
Bedeutung formeller Hilfen in den informellen Versorgungskonzepten Angehöriger in häuslichen Versorgungsarrangements bei Demenz
S215-03 

M. von Kutzleben; Witten

Hintergrund: In den meisten häuslichen Versorgungsarrangements fungieren Angehörige als Hauptversorgungsperson(en). Sie sind damit auch meist diejenigen, die die formellen Hilfen organisieren und koordinieren und entscheiden, ob, wann und in welcher Form sie bestimmte Hilfen in das Arrangement einbinden.
Fragestellung: Ziel und Erkenntnisinteresse war die Rekonstruktion des informellen Versorgungshandelns in häuslichen Versorgungsarrangements bei Demenz. Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Nutzung informeller Hilfen sowie deren Stellenwert für die Befragten.
Methode: Leitfadengestützte Interviews mit hohem narrativen Anteil mit Hauptversorgungspersonen einer zu Hause versorgten Person mit Demenz zu zwei Erhebungszeitpunkten innerhalb von ca. 1,5 Jahren. Vier kontrastierende Fälle wurden in extensiven objektiv-hermeneutischen Fallanalysen analysiert.
Ergebnisse: Angehörige richten ihr Handeln an informellen Versorgungskonzepten aus, innerhalb derer die Inanspruchnahme formeller Hilfen eine zentrale Komponente darstellt. Außerdem erwies sich das Selbstverständnis der Angehörigen als entscheidend für die Art und Weise, wie sie das Versorgungssystem nutzen und die Haltung, die sie gegenüber dem formellen Versorgungsystem einnehmen. Dies reicht von der Wahrnehmung des formellen Systems als Bedrohung, weshalb der Zugriff in diesen Arrangements möglichst gering gehalten wird, bis hin zu einer souveränen Nutzung des Versorgungssystems bei der Angehörige selbstverständlich Kontrolle abgeben. Ebenso heterogen stellen sich die Bedürfnisse und die Erwartungen der Angehörigen an formelle Hilfen dar. Diese reichen von Entlastung, Arbeitsteilung und Zusammenarbeit, Ab- und Rückversicherung des eigenen Handelns und Übernahme von Versorgungsentscheidungen, bis zu dem Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Versorgungsleistung.
Schlussfolgerung: Die Entscheidung, formelle Hilfen in Anspruch bzw. nicht in Anspruch zu nehmen ist nicht per se auf ungedeckte Bedarfslagen bzw. Überlastung zurückzuführen. Vielmehr sind die Motive vielschichtig, ebenso heterogen sind die zugrundeliegenden Erwartungen an formelle Hilfen. Für eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Unterstützung ist die Berücksichtigung des individuellen Versorgungskonzepts deshalb zentral.

09:00
Inanspruchnahme formeller Hilfen und Belastung versorgender Angehöriger von Menschen mit Demenz in Demenznetzwerken: Ergebnisse aus der DemNet-D Studie
S215-04 

S. Heinrich; Witten

Hintergrund: Demenznetzwerke haben das Ziel, Menschen mit Demenz und deren Angehörige in ihrer Versorgungssituation zu unterstützen. Im Rahmen des Projektes DemNet-D war es u. a. Ziel, die Belastungssituation von versorgenden Angehörigen und die Inanspruchnahme formeller Hilfen in Demenznetzwerken in Deutschland zu untersuchen.
Fragestellung: In der gemeinsamen Betrachtung möchte der Beitrag die Frage beantworten, ob sich Zusammenhänge zwischen dem Belastungserleben versorgender Angehöriger und der Inanspruchnahme formeller Hilfen bei Nutzern von Demenznetzwerken beobachten lassen.
Methode: Als Teil der multizentrischen, multiprofessionellen und multivariaten Follow-Up Studie DemNet-D wurden in 13 deutschen Demenznetzwerken quantitative Befragungen durchgeführt. Dabei wurden u. a. die häusliche Versorgungssituation mit dem ‚Instrument zur Erfassung von Ver-sorgungsarrangements für Menschen mit Demenz‘ (D-IVA) sowie die Belastung der versorgenden Angehörigen mittels des ‚Berliner Inventar zur Angehörigen Belastung-Demenz‘ (BIZA-D) erhoben.
Ergebnisse: Im Rahmen der Studie konnten 550 Hauptversorgungspersonen befragt werden, von denen 536 Personen informelle Versorgungspersonen waren. Der Altersdurchschnitt lag bei 63,9 Jahren (SD ± 12,9), 74,3% der Befragten waren weiblich. Insgesamt zeigten sich im Vergleich zu anderen Studien eher moderate bis geringere Belastungswerte. Weibliche Hauptversorgungspersonen zeigten leicht höhere Belastungswerte als Männer, konnten aber auch vermehrt positive Aspekte aus der Versorgungssituation für sich ziehen. Die objektive Belastung war in Bezug auf die Unterstützung bei erweiterten Betreuungsaufgaben (z. B. Einkaufen, Behördengänge) am höchsten ausgeprägt. Ambulante Pflegedienste und Tagesgruppen gehörten zu den am häufigsten genutzten formellen Unterstützungsangeboten.
Schlussfolgerung: Die Daten zeigen erste Muster im Belastungserleben von Hauptversorgungspersonen von Menschen mit Demenz in Demenznetzwerken. Weitere Analysen sollen nun mögliche Zusammenhänge der empfundenen Belastung mit Inanspruchnahme von Leistungen beschreibbar machen um hieraus ggf. passgenauere Unterstützungsangebote bereitstellen zu können.

Diskutantin: G. Meyer, Halle (Saale)

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