Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Karlsruhe
S233
Gerontopsychiatrie - aktuelle Beiträge zu Psycho- und Pharmakotherapie

Moderation: C. Thomas, Stuttgart; W. Hewer, Göppingen

Gerontopsychiatrische Behandlung ist multimodal und multiprofessionell ausgerichtet. Dabei ist eine individuell abgestimmte Kombination nichtmedikamentöser, speziell psychotherapeutischer, und pharmakologischer Maßnahmen unverzichtbar. In diesem Kontext stehen therapeutische Fragen bei den häufigsten gerontopsychiatrischen Störungsbildern im Fokus des Symposiums. Soweit der Stand wissenschaftlicher Erkenntnis dies zulässt, werden evidenzbasiert Empfehlungen für die altersmedizinische Praxis formuliert. G. Eschweiler stellt die Kernelemente einer multimodalen Therapie der Altersdepression vor: Antidepressiva werden von Älteren weniger gut vertragen, sind aber gut wirksam. Beste Evidenz können die altersmodifizierte kognitive Verhaltenstherapie und das Problem-Löse-Training vorweisen. Daneben sind aktivierende Maßnahmen einschließlich sozialer Aktivitäten, Lichttherapie und körperliches Training hilfreich und verfügbar.
Die Bedeutung psychosozialer Interventionen bezogen auf Demenzkranke und ihre Angehörigen wird zunehmend erkannt und hat entsprechend in der neuen S3-Leitlinie Demenzen“ ihren Niederschlag gefunden. S. Forstmeier stellt ein Multi-Komponenten-Psychotherapieprogramm auf der Basis der kognitiven Verhaltenstherapie vor und präsentiert die Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Studie.
Trotz leicht rückläufiger Zahlen nehmen nach wie vor viele alte Menschen Benzodiazepine und – zunehmend – auch Z-Substanzen ein. Vor diesem Hintergrund werden von D. Wolter mögliche Absetzstrategien besprochen. Diese sollten mit Augenmaß umgesetzt werden, da ansonsten kontraproduktive Auswirkungen zu befürchten sind. Der Vortrag diskutiert Vorbereitung, Zwischenschritte und Teilziele, die dem großen Ziel des vollständigen Absetzens vorgelagert sein können.
Patienten mit Demenz und/oder Delir erhalten sehr häufig Psychopharmaka. Die Praxis der Anwendung psychotroper Substanzen muss aufgrund zahlreicher Studien bei einem signifikanten Anteil der Behandelten hinsichtlich Indikationsstellung und unter Verträglichkeitsgesichtspunkten kritisch hinterfragt werden. W. Hewer und Ch. Thomas stellen in diesem Kontext relevante Empfehlungen aktueller Leitlinien (D, NL, UK, US) vor.

10:45
Multimodale Therapie der Altersdepression - Update 2016
S223-01 

G. Eschweiler; Tübingen

Depressive Störungen im Alter sind häufig mit einer Prävalenz von mehr als 10% in Deutschland. Es treten sowohl depressive Episoden bei der rezidivierenden depressiven Störung (ICD 10 F33) auf als auch Ersterkrankungen nach dem 60. Lebensjahr, die ein erhöhtes Risiko beinhalten eine Demenz zu entwickeln. Mehr als 30% der Menschen mit Alzheimer-Krankheit zeigen initial ein depressives Syndrom, so dass eine spät beginnende Depression auch ein Frühsymptom einer beginnenden Demenz sein kann. Hier ist eine Bildgebung angezeigt. Psychische Symptome werden oft von körperlichen Beschwerden wie Schwindel, Zungenbrennen, Globusgefühl oder auch Obstipation dominiert und von Klagen über Gedächtnisstörungen begleitet. Das Suizidrisiko ist bei älteren Männern im Vergleich zu allen anderen Bevölkerungsgruppen am Höchsten. Neue Daten zur Effektivät antidepressiver Therapien werden in der aktualisierten S3 Leitlinie zur Depression der DGPPN von 2015 berücksichtigt. Kernelement einer multimodalen Therapie der Altersdepression ist meist die Pharmakotherapie mit einem Serontoninwiederaufnahmeinhibitor. Die Antidepressiva werden jedoch trotz guter Wirksamkeit von Älteren weniger gut vertragen und benötigen Kontrollen der QTc Zeit im EKG und des Serumnatriums. Beste Evidenz können die altersmodifizierte kognitive Verhaltenstherapie und das Problem-Löse-Training vorweisen. Diese Psychotherpaien werden aber in der Versorgung zu wenig angeboten. Das Problem-Löse-Training kann auch gut von anderen medizinischen Berufsgruppen eingesetzt werden. Die Überwindung von Einsamkeit und der Umgang mit körperlichen Einschränkungen sind zentrale Themen. Daneben sind aktivierende Maßnahmen einschließlich sozialer Aktivitäten, Lichttherapie und körperliches Training möglichst in kleinen Gruppen hilfreich und besser verfügbar.

11:05
Kognitive Verhaltenstherapie bei Patienten mit Alzheimer Demenz und ihren Angehörigen
S223-02 

S. Forstmeier, A. Maercker, E. Savaskan, T. Roth; Siegen, Zürich/CH

Ungefähr 90% aller Personen mit einer beginnenden Alzheimer Demenz (AD) erleben neuropsychiatrische Symptome wie Depression, Apathie, Angst und Reizbarkeit. Obwohl einige Studien die Wirksamkeit spezifischer psychotherapeutischer Ansätze für leichte AD unterstützen, gibt es bisher nur wenige Versuche, ein Multi-Komponenten-Programm zu evaluieren. Die CBTAC (Cognitive-Behavioral Treatment for Mild Alzheimer's Patients and their Caregivers)-Studie ist eine randomisierte, kontrollierte Studie, die die Wirkung eines Psychotherapieprogramms auf die Gesundheit von Patienten mit beginnender AD und ihre Angehörigen evaluiert. Es besteht aus 25 Sitzungen in acht Modulen: Diagnose und Zielsetzung; Psychoedukation; Aufbau angenehmer Aktivitäten; kognitive Umstrukturierung; Lebensrückblick; Verhaltensmanagement; Interventionen für den Angehörigen; und Paarberatung. 50 Teilnehmer und deren Angehörige wurden entweder in die KVT-basierte Intervention (KVT) oder die Kontrollgruppe, die Standardtherapie (treatment as usual, TAU) erhält, randomisiert. Vor und nach der Behandlungsphase wurden die Teilnehmer untersucht. Follow-ups fanden sechs und zwölf Monate nach Ende der Therapie statt. Primärer Endpunkt ist Depression bei der Person mit AD. Sekundäre Endpunkte sind andere neuropsychiatrische Symptome, Lebensqualität und Bewältigungsstrategien. In dieser Präsentation werden die Veränderungen in der Person mit AD vom Prä- zum Posttest dargestellt. KVT reduziert Depression signifikant mehr als TAU (Interaktion: F = 5.5, p < .05), mit einer mittelgroßen bis großen Effektstärke (d = 0.77). Es gibt auch einen marginal-signifikanten Vorteil für KVT hinsichtlich Apathie (F = 2.6, p <.10; d = 0.45) und Beziehungsqualität zum Angehörigen (F = 3.1, p <.10; d = 0.40). Keine Vorteile hinsichtlich anderer neuropsychiatrischer Symptome und funktionaler Fähigkeiten wurden gefunden. Die Ergebnisse sind ermutigend und regen an, eine adäquat gepowerte Multi-Center-Studie durchzuführen.

11:25
Benzodiazepine absetzen: wann und wenn ja, wie?
S223-03 

D. K. Wolter; Aabenraa/DK

Hintergrund: Trotz eines gewissen Verordnungsrückganges nehmen nach wie vor viele alte Menschen Benzodiazepine und – zunehmend – Z-Substanzen ein. Aus geriatrischer Sicht handelt es sich nach wie vor um ein besorgniserregendes Problem: ”Benzodiazepine weisen bei geriatrischen Patienten ein besonders hohes, häufig unterschätztes Risikopotenzial auf.” (1)
Methodik: Übersicht über die aktuelle relevante Literatur zur Pharmakoepidemiologie, zum Suchtpotenzial und zum Vorgehen bei BZD-Abhängigkeit. Ergebnisse: Die schleichende Intoxikation durch langwirksame BZD stellt ein Problem dar. Das Absetzen von BZD ist auch im Alter möglich, bedarf aber guter Vorbereitung und Weitsicht. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass die chronische Einnahme durch fehlgeschlagene Absetzversuche nur noch weiter verfestigt wird.
Schlussfolgerungen: Der Vortrag erläutert, was bei der Vorbereitung berücksichtigt werden muss, und welche Zwischenschritte und Teilziele dem großen Ziel des vollständigen Absetzens vorgelagert sein können. Eine Checkliste zum Vorgehen wird vorgestellt. (2, 3)

Referenzen:
1. Hofmann W: Benzodiazepine in der Geriatrie. Z Gerontol Geriat 2013 · 46:769–776. DOI 10.1007/s00391-013-0551-3
2. Wolter DK: Entzugssyndrome und Entzugsdelir. In: Hewer W, Drach LM, Thomas C (Hrsg.): Delir beim alten Menschen. Stuttgart: Kohlhammer, im Druck
3. Wolter DK: Suchtpotenzial und andere Risiken von Benzodiazepinen und Z-Drugs im Alter. Sucht, im Druck

11:45
Was gibt es Neues zur Psychopharmakotherapie bei Demenz und Delir - Empfehlungen aktueller Leitlinien
S223-04 

W. Hewer, C. Thomas; Göppingen, Stuttgart

Patienten mit Demenz und/oder Delir werden sehr häufig mit Psychopharmaka behandelt, wobei Antidepressiva, Antipsychotika und Benzodiazepine und ihre Analoga die wichtigste Rolle spielen. Die Praxis der Anwendung psychotroper Substanzen muss aufgrund zahlreicher Studien bei einem signifikanten Anteil der Behandelten hinsichtlich Indikationsstellung und unter Verträglichkeitsgesichtspunkten kritisch hinterfragt werden. Vor diesem Hintergrund werden relevante Empfehlungen aktueller Leitlinien und Konsenspapiere aus verschiedenen Ländern (D, NL, UK, US) vorgestellt unter besonderer Berücksichtigung der 2016 publizierten Revision der S3-Leitlinie „Demenzen“.
In den Publikationen, die die Sichtweise verschiedener Fachdisziplinen (Geriatrie, Psychiatrie, Neurologie, Anästhesie, Chirurgie, Palliativmedizin) widerspiegeln, finden sich signifikante Unterschiede bezüglich der Voraussetzungen für den Einsatz von Psychopharmaka. Einigkeit besteht darin, dass die Anwendung von Psychopharmaka nur unter Beachtung klar definierter Indikationen erfolgen darf, wobei diese je nach Publikation enger oder breiter gefasst sind. Dabei ist die Psychopharmakotherapie immer Teil eines multimodalen und multiprofessionellen Gesamtkonzepts, das auf die somatische Situation des Patienten abzielende und pflegerische Maßnahmen, ergänzt durch ein breites Spektrum nichtmedikamentöser Interventionen (u. a. körperliche Aktivierung, Ergo-/Musiktherapie, Angehörigenarbeit), umfasst. Die Anwendung von Psychopharmaka bei Patienten mit organischen psychischen Störungen muss zwingend deren erhöhter Vulnerabilität in Bezug auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen Rechnung tragen. Abschließend wird erörtert, wie die Diskrepanzen zwischen evidenzbasierten Empfehlungen und der Praxis der Anwendung in stationären Einrichtungen und in der ambulanten Versorgung reduziert werden könnten.

Symposium der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie

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