Symposium Soziologie & Psychologie
Donnerstag, 08.09.2016
15:30 - 17:00
Raum Heilbronn
S237
Freie Vorträge - Unterstützung, Engagement und Markt
15:30
Welchen Einfluss hat die Pflege eines Haushaltsmitglieds auf die übrigen Alltagsaktivitäten Pflegender und die Zufriedenheit mit der Zeitverwendung?
S237-01 

H. Engstler; Berlin

In vielen Studien zur Situation pflegender Angehöriger fehlt ein Vergleich zu nicht-pflegenden Personen. Dadurch bleibt häufig unklar, wie sehr sich der Alltag Pflegender von Anderen unterscheidet und welche Besonderheiten durch die Pflegetätigkeit bedingt sind und nicht durch andere lebensphasenspezifische Merkmale. Daher wird in dem Beitrag untersucht, welche Unterschiede in der täglichen Zeitverwendung zwischen informell Pflegenden und Nicht-Pflegenden mit ähnlichen sozio-demographischen Merkmalen bestehen. Besonders interessiert, ob Pflegende weniger Freizeit und weniger soziale Kontakte haben, wieviel Unterstützung sie von Dritten erhalten und ob Pflegende mit ihrer Zeitverwendung weniger zufrieden sind als Nicht-Pflegende.
Empirische Grundlage sind die Daten der Zeitverwendungserhebung 2013 des Statistischen Bundesamts, in der die Teilnehmenden angegeben haben, ob sie ein Haushaltsmitglied, das Leistungen aus der Pflegeversicherung erhält, betreuen und unterstützen. Den 260 Pflegenden wurde aus den über achttausend anderen Personen eine – mittels propensity score matching gebildete – Vergleichsgruppe von 260 Nicht-Pflegenden mit weitgehend identischen Merkmalen gegenüber gestellt, um andere Effekte auf die Zeitverwendung zu kontrollieren. Die Pflegenden wurden zudem entsprechend ihres wöchentlich erbrachten Zeitaufwands für die Pflege in viel und wenig Pflegende unterteilt. Abhängige Größen sind die aus den Tagebuchdaten und dem Personenfragebogen ermittelten Angaben zum täglichen Zeitaufwand für verschiedene Aktivitäten, der erhaltenen Unterstützung und der subjektiven Bewertung der Zeitverwendung.
Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem die umfänglich Pflegenden (mehr als 10 Stunden pro Woche) auch mehr Haushaltsführungspflichten übernehmen (trotz erhöhten Unterstützungserhalts dabei) und weniger Zeit für sich selbst und für soziale Kontakte außerhalb des Haushalts haben. Eine umfängliche Pflegetätigkeit beeinträchtigt auch die Zufriedenheit mit der eigenen Zeitverwendung. Hingegen weisen zeitlich geringer involvierte Pflegende ähnliche Zeitverwendungs- und Zufriedenheitsmuster auf wie die Vergleichsgruppe der Nicht-Pflegenden. Notwendig erscheint daher vor allem die Entlastung der umfänglich Alleinpflegenden bzw. der Hauptpflegepersonen.

15:50
Engagement und Engagementpotenziale im hohen Erwachsenenalter: Konzeptionelle Überlegungen und empirische Analysen mit dem Freiwilligensurvey
S237-02 

F. Micheel; Wiesbaden

Fragestellung Die Bereitschaft zur Aufnahme bzw. Intensivierung eines bürgerschaftlichen Engagements im hohen Erwachsenenalter wurde in der Forschung bislang selten berücksichtigt. In der Diskussion um die Erschließung von gesellschaftlichen Potenzialen im demographischen Alterungsprozess hat dies jedoch große Relevanz. Welche theoretischen und praxisbezogenen Konsequenzen sind zu erwarten, wenn diese Verhaltensdispositionen in ein differenziertes Bild über das bürgerschaftliche Engagement integriert werden? Welche erklärenden Faktoren lassen sich dazu aufführen? Bleibt das Verhältnis zwischen tatsächlichem und potenziellem Engagement im Zeitverlauf stabil?
Daten und Methoden Die statistischen Analysen basieren auf den ersten drei Wellen des Freiwilligensurveys (1999, 2004 und 2009). Die relevanten Samples beinhalten Personen im Alter von 50 Jahren oder älter. Die abhängige Variable ist eine engagementbezogene Typologie mit vier Ausprägungen: Engagierte mit bzw. ohne Bereitschaft zu einer Ausweitung des Engagements sowie Nichtengagierte mit bzw. ohne Bereitschaft zur Aufnahme eines Engagements. Als erklärende Faktoren werden persönliche Merkmale (Werte und Religiosität) sowie ressourcen- (Bildung, Einkommen), kontextbezogene (soziale Integration und soziale Rollen) und demographische (Alter, Geschlecht, Landesteil) Variablen hinzugezogen und zum jeweiligen Messzeitpunkt in ein multinomiales Regressionsmodell überführt.
Ergebnisse und Diskussion Die empirischen Befunde unterstützen die begriffliche Differenzierung des bürgerschaftlichen Engagements. Bspw. weisen tatsächlich Engagierte und Nichtaktive mit Engagementbereitschaft hinsichtlich ihrer persönlichen Werte und Ressourcen größere Ähnlichkeiten auf als letztgenannte Gruppe im Vergleich zu den Nichtaktiven, die keine Bereitschaft für ein Engagement angeben. Im Zeitverlauf ist das Interesse an einer Ausübung bzw. Ausweitung des bestehenden Engagements sichtbar gestiegen. Die Befunde legen nahe, die Debatte über die Gestaltung des demographischen Wandels um die Bereitschaft für ein Engagement bzw. für eine Ausweitung des bestehenden Engagements im hohen Erwachsenenalter als relevante Potenzialdimension zu erweitern.

16:10
Mögliche Bedingungen einer innovativen IKT-Technologie für eine erfolgreiche Marküberführung aus der Perspektive potenzieller Nutzer*innen
S237-03 

J. Weigt, B. Weber-Fiori, M. H.-J. Winter; Weingarten

Eine erfolgreiche Nutzerintegration während der Entwicklungsphase von IKT-Technologien erhöht die Akzeptanz und stellt einen wichtigen Schritt zur erfolgreichen Marktüberführung dar. Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts PCEICL (Person Centered Environment for Information Communication and Learning) wurde ein System zur Unterstützung hinsichtlich Kommunikation, Informationssuche und Lernen für ältere Menschen entwickelt. Noch vor der technischen Entwicklung wurde eine Fokusgruppendiskussion mit 12 Senioren*innen (9 w., 3 m., 67-79 J.) durchgeführt. Die Teilnehmer*innen entwickelten u.a. Ideen hinsichtlich der Funktionen und Einsatzes von PCEICL. Nach der Technikentwicklungsphase wurden neun Probanden*innen (7 w., 2 m., 65-79 J.) im Anschluss der realen Erprobung einzeln interviewt. Die Senioren*innen stellten aus der Perspektive ihrer eigenen Lebenswelt Bedarfe heraus, die die vorgestellten Funktionsbereiche (Kommunikations- und Informationshilfen) ergänzen. Während der Fokusgruppendiskussion betonten die Teilnehmer*innen besonders Bedarfe, die eine unkomplizierte Anforderung sowohl technischer Dienstleistungen als auch Dienstleistungen die u.a. Handwerksarbeiten und Einkaufshilfen betreffen. Mobilität (z.B.Fahrdienste, Fahrplanänderungen) und die häusliche Sicherheit (z.B.Überfall-, Einbruchsituation, gesundheitliche Einschränkungen) wurden gleichermaßen für bedeutsam erklärt. Die Ergebnisse aus den Einzelinterviews verstärken besonders die Notwendigkeit von Dienstleistern für die technische Systemunterstützung, dessen Tätigkeitsbereich von der Installation bis hin zur Wartung und Hilfestellung bei der Anwendung von PCEICL reicht. Der Auf- und Ausbau regionaler Netzwerkstrukturen scheint unumgänglich, um ein innovatives technisches IKT-Produkt für Menschen im Alter zur Unterstützung von sozialer Teilhabe zu etablieren. Dienstleister, die direkt mit dem System im Zusammenhang stehen werden notwendig. Sie müssten sich als sekundäre Nutzer zu Adressaten für individuelle Dienstleistungen umstrukturieren. Gleichzeitig eröffnet sich eine Chance für neue regionale Anbieter. Es kann empfohlen werden über die Nutzerintegration hinaus potenzielle Dienstleister im Forschungsvorhaben einzubinden, um letztlich die Hürde zur Marktüberführung zu überwinden.

16:30
Käufliches Alter(n) - Subjektives Alterserleben in der Marketingkommunikation
S237-04 

C. Nakao; Vechta

Dieser Beitrag stellt den Ablauf und die Ergebnisse einer Analyse gemäß der dokumentarischen Methode vor, die der Frage nach Konstruktionen subjektiven Alterserlebens in der Marketingkommunikation am Beispiel von Werbeanzeigen nachgeht. Alter(n) ist nicht nur eine biologische Tatsache, sondern unterliegt auch veränderlichen gesellschaftlichen Zuschreibungen. Dies gilt auch für das Erleben des eigenen Älterwerdens, das subjektive Alterserleben. Zu den Einflussgrößen solcher Zuschreibungen gehört unter anderem das wirtschaftliche Geschehen. Das Alter(n) bleibt von wirtschaftlichen Faktoren einer Gesellschaft nicht unberührt und umgekehrt das wirtschaftliche Geschehen nicht vom Alter(n) einer Gesellschaft. Werbung ist dabei nicht der einzige, aber ein ganz offensichtlicher Berührungspunkt: Marketing orientiert sich an der Lebenssituation von Zielgruppen und deren Bedürfnissen und Wünschen. Geht es dabei um alternde Zielgruppen und Produkte mit Bezug dazu, ist es naheliegend, dass es in der Werbung Bezugnahmen zum Erleben des Älterwerdens gibt.
Um am konkreten Beispiel zu ermitteln wie das Alterserleben dargestellt wird, wurde ein Sample von Werbeanzeigen analysiert und typisiert. Das Sample bestand aus Werbeanzeigen der Kosmetikbranche aus Zeitschriften, die sich gezielt an Frauen im höheren Lebensalter richten. Bei der Analyse wurde nach den auf das Alterserleben bezogene Nutzenversprechen in den Text- und Bildbotschaften gefragt, diese wurden dann kategorisiert und zu Typen gruppiert. Die Typen von Konstruktionen – Alter(n)sverweigerer, Alter(n)svorbild und Jungbrunnen – wurden anschließend anhand von drei Bezugspunkten des Alterserlebens, nämlich chronologisches Alterserleben, Alterserleben und Körper sowie Alterserleben und Umwelt, charakterisiert. Die Verwendung dieser Bezugspunkte ermöglichte es, die Typen als multidimensionale Konstrukte zu beschreiben.
Dadurch konnte gezeigt werden, wie sich werbliche Konstruktionen vom Alterserleben in über das chronologische Lebensalter hinausgehenden Alter(n)sdimensionen unterscheiden.
(Der Vortrag ist eine Zusammenfassung eines Dissertationsprojektes am Institut für Gerontologie der Universität Vechta, betreut von Frau Prof. Dr. Gertrud M. Backes (Käufliches Alter(n), VS Verlag, 2016).)

Zurück