Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Donnerstag, 08.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Heilbronn
S227
Freie Vorträge - Lebensort Pflegeheim

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

10:45
Leben im Raum. Eine empirisch-rekonstruktive Fallstudie in der Stationären Altenhilfe mit architektonischen Entwürfe des Alterswohnens
S227-01 

N. Meyer; Frankfurt a. M.

Die Kategorie Raum konstituiert sich für Löw „in der Wechselwirkung zwischen Handeln und Strukturen“ (2012, S. 191). Das bedeutet, dass die Konstitution von Raum sowohl durch die Gestaltung und Möblierung definiert wird, als auch durch das Agieren und Positionieren der Personen im Raum. Im Zusammenhang mit Einrichtungen der Stationären Altenhilfe und der Frage nach Räumlichkeit wird in den Sozialwissenschaften diskutiert, ob und in welchem Umfang diese Einrichtungen mit dem Konzept der „totalen Institution“ nach Goffman (1973) übereinstimmen (Koch-Straube 1997).
Das im Rahmen der Tagung vorzustellende Projekt untersucht die verschiedenen Zuschreibungen und Bedarfe der beteiligten Statusgruppen (BewohnerInnen, MitarbeiterInnen, sozialpädagogische MitarbeiterInnen und Angehörige) in Einrichtungen der Stationären Altenhilfe. So wurde bei den BewohnerInnen einer Einrichtung der stationären Altenhilfe mit Hilfe teilnehmender Beobachtung die Raumnutzung erhoben sowie im Anschluss zwei Gruppendiskussionen (Loos et al. 2001) geführt: eine mit den pflegend Tätigen sowie eine zweite Gruppendiskussion mit den sozialpädagogischen MitarbeiterInnen. Die Analyse erfolgte mit der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2008) sowie der anschließend Übertragung in einen neuartigen materiellen Raumentwurf durch die projektbeteiligten Architekten.
Aus der Rekonstruktion der vorliegenden empirischen Daten lassen sich unterschiedliche Schwerpunkte herausarbeiten: einerseits eine Differenzierung innerhalb solcher Räume entlang des Grads der Öffentlichkeit wie der Privatheit sowie andererseits den Rückgriff auf den Terminus Leben, um die Veränderungen des Wohnens angemessen zu kennzeichnen.

11:05
Das Dilemma von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Ansätze für ein erneuertes Qualitätsmodell in der stationären Altenpflege
S227-02 

B. Rudert; Essen

Mit Einführung der sozialen Pflegeversicherung in Deutschland Mitte der 1990er Jahre hat auch das Struktur-Prozess-Ergebnis-Modell von Avedis Donabedian als Instrument zur Bewertung der Qualität in der stationären Altenpflege Einzug gehalten. Eine wissenschaftlich fundierte Adaptation dieses Modells an die Bedingungen der bundesdeutschen Pflegelandschaft hat allerdings bis heute nicht stattgefunden. Gegenstand dieser Untersuchung ist die Frage, inwieweit das Struktur-Prozess-Ergebnis-Modell in seiner derzeitigen Ausprägung geeignet ist, die Bewertung der Qualität in der bundesdeutschen stationären Altenpflege adäquat abzubilden. Des Weiteren wird geklärt, wie ein für die stationäre Altenpflege geeignetes qualitätsrelevantes Modell ausgestaltet sein sollte.
Nach den Vorgaben der reflexiven Grounded Theory sind hierzu Experteninterviews kodiert und kategorisiert worden. Die hierbei sowie bei einer ausführlichen Sichtung der relevanten Fachliteratur gewonnen Erkenntnisse bilden die Basis für die beschriebenen Ergebnisse.
Wie in dieser Arbeit gezeigt wird, ist das Modell Donabedians wegen der fehlenden Einbindung der sozialen und psychosozialen Interaktionen zwischen den in der stationären Altenpflege agierenden Personen und Interessengruppen sowie des fehlenden Bezugs zu gesetzlichen und makrostrukturellen Rahmenbedingungen als Qualitätsmodell wenig geeignet. Auch weitere untersuchte Modellalternativen bieten keine hinreichenden Belege für eine unmittelbare Verwendbarkeit im Kontext der stationären Altenhilfe. Um diese Lücke zu bearbeiten, wurden Modellelemente identifiziert, die für die Modellierung eines erneuerten Qualitätsmodells relevant sind. Diese sind in einen Modellentwurf eingeflossen, der dazu geeignet ist den Ausgangspunkt für Re-Design, Evaluation und Einführung eines erneuerten qualitätsrelevanten Modells für die stationäre Altenpflege zu bilden.
So kann der in dieser Arbeit dargestellte Diskurs zur Ablösung des Struktur-Prozess-Ergebnis-Modells und zu einem damit verbundenen, notwendigen Paradigmenwechsel beitragen. Die Qualitätsdiskussion in der stationären Altenpflege wird hierdurch in eine neue und erweiterte Richtung gelenkt und kann als Inspiration für einen interdisziplinären Diskurs dienen.

11:25
Pflegerische Medikamentenversorgung in stationären Einrichtungen: Gründe für Auffälligkeiten in unabhängigen Qualitätsprüfungen
S227-03 

M. Meinck, F. Ernst, K. Pippel, J. Gehrke, E. Coners; Hamburg

Einleitung: Qualitätsprüfungen in stationären Pflegeeinrichtungen nach §§ 114 SGB XI umfassen auch die pflegerische Medikamentenversorgung (PMV). Auffälligkeiten werden hierbei von den Prüferinnen der Medizinischen Dienste freitextlich dargelegt.
Fragestellung: Ziel war die systematische Kategorisierung der Auffälligkeitsgründe in der PMV, um Ansatzpunkte für ihre Verbesserung bei Bewohnern stationärer Pflegeeinrichtungen zu entwickeln.
Methodik/Stichprobe: Auffälligkeiten wurden anhand der Prüfberichte des MDK Nord des Jahres 2014 kategorisiert. Grundlage waren 671 Regelprüfungen stationärer Pflegeeinrichtungen in Hamburg und Schleswig-Holstein in denen die PMV bei 5.742 zufällig ausgewählten BewohnerInnen überprüft wurde. Bei 966 BewohnerInnen (Altersmittelwert: 82,4 Jahre, PEA-Anteil: 68%) waren Auffälligkeiten in der PMV dokumentiert.
Ergebnisse: Bei BewohnerInnen mit Auffälligkeiten in der Medikamentendokumentation waren am häufigsten nicht nachvollziehbare Medikamentengaben (78%), gefolgt von fehlenden Angaben zu Dosierungen und Anwendungsvorschriften (je 11%) Grund für die Feststellung von Auffälligkeiten. In der Dokumentation der Bedarfsmedikation wurden am häufigsten unzureichende Indikationsangaben (71%), fehlende Tageshöchstdosierungen (18%) und fehlende Einzeldosierungen (13%) festgestellt. Im Bereich des Medikamentenumgangs waren bei den BewohnerInnen falsch gestellte Medikamente (64%), fehlende bzw. falsche Anbruchs-/Verbrauchsdaten (38%) und nicht direkt aus dem Blister erfolgende Medikamentengaben (8%) die häufigsten Auffälligkeitsgründe. Bei den noch weiter klassifizierten Stellfehlern zeigten sich am häufigsten Fehldosierungen, gefolgt von überschrittenen Verfallsdaten und nicht vorrätigem Medikamenten.
Diskussion: Auffälligkeiten in der PMV können mittels der MDK-Prüfberichte einrichtungsübergreifend valide und reliabel quantifiziert werden. Auch wenn der Umfang von Auffälligkeiten in den MDK-Prüfungen über die Jahre rückläufig ist (MDS 2014), wird weiterer Handlungsbedarf deutlich. Die Auswertungen identifizieren Bereiche der PMV, in denen weitere Qualitätsverbesserungen in der PMV anzustreben sind. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse können als Grundlage für die konkrete Ausgestaltung von Initiativen zur Verbesserung der PMV dienen.

11:45
Kurzzeitpflege - welches Rehabilitationspotenzial hat dieses Versorgungsangebot?
S227-04 

D. Bäuerle Rodrigues; Köln

Kurzzeitpflege nach SGB XI wird oft im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt genutzt. Das Angebot kann ein Bindeglied zwischen stationärer und ambulanter Versorgung sein. Die aktuelle Reform der Pflegeversicherung und des SGB V erweitert den potenziellen Nutzerkreis für die Kurzzeitpflege. Die Möglichkeiten der Finanzierung des Angebots werden für die Nutzer neu gestaltet. Hat das Angebot der Kurzeitpflege ein Potenzial zur Rehabilitation bei Pflegebedürftigkeit beizutragen?
Insgesamt gibt es wenig empirische Forschungsergebnisse zum Angebot der Kurzzeitpflege nach SGB XI. In der aktuell durchgeführten Studie zum Angebot Kurzzeitpflege werden die Nutzerdaten von Pflegebedürftigen analysiert. Betrachtet werden für den Zeitraum 2014 und 2015 die Pflegebedürftigen, die Kurzzeitpflege bei einem Anbieter von stationärer und teilstationärer Pflege in NRW in Anspruch genommen haben. Insgesamt stehen bei diesem Anbieter 97 Plätze für Kurzzeitpflege zur Verfügung. Im Untersuchungszeitraum nutzen 1114 Personen die Kurzzeitpflege. Die Mehrzahl hat Pflegestufe 1. Die durchschnittliche Aufenthaltszeit beträgt 24 Tage. Der gesetzliche Anspruch beträgt derzeit nach SGB XI § 42 acht Wochen je Kalenderjahr.
Die Kurzzeitpflege scheint v.a. für Pflegebedürftige mit einer erheblichen Pflegebedürftigkeit nach SGB XI § 14 ein attraktives Angebot zu sein. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen erschweren v.a. schwerstpflegebedürftigen Nutzern einen längeren Aufenthalt in der Kurzzeitpflege. Aktivierende Pflege und entsprechende Umsetzung von rehabilitativen Leistungen werden durch verschiedene Rahmenbedingungen erschwert. Die Leistungsansprüche der Nutzer sowie Refinanzierungsbedingungen der Kurzzeitpflege sind verbesserungsbedürftig, um eine ausreichende Rehabilitation zu leisten.

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