Symposium Soziologie & Psychologie
Donnerstag, 08.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Heilbronn
S217
Freie Vorträge - Körperliche Aktivität

Moderation: V. Cihlar, Wiesbaden

08:00
Körperliche Aktivität und konkurrierende Tätigkeiten im höheren Erwachsenenalter
S217-01 

V. Cihlar, S. Lippke; Wiesbaden, Bremen

Fragestellung: Körperliche Aktivität hat sich vielfach als einflussreicher Parameter für gesundes Altern erwiesen. Jedoch übt nur eine Minderheit Älterer körperliche Aktivität im dafür empfohlenen Umfang aus. Die Gründe für die unzureichende Teilnahme herauszustellen kann dazu beitragen, Hindernisse abzubauen und über eine verstärkte Teilnahme gesundes Alter zu fördern. Der Beitrag konzentriert sich auf die Analyse der Zusammenhänge von konkurrierenden Tätigkeiten, als hindernde oder fördernde Faktoren, mit körperlicher Aktivität. Die konkurrierenden Tätigkeiten Kinderbetreuung, Pflegetätigkeit, bürgerschaftliches Engagement und Erwerbsarbeit werden als Prädiktoren für körperliches Aktivitätsverhalten untersucht.
Methodik: 4.891 Personen aus der querschnittlichen Untersuchung „Transitions and Old Age Potential (TOP)“ im Alter zwischen 55 und 70 Jahren wurden auf Basis der Empfehlungen für körperliche Aktivität des American College of Sports Medicine (ACSM) in drei Aktivitätsgruppen unterteilt: (1) Unzureichend Aktive ohne Motivation, sich ausreichend zu bewegen, (2) Unzureichend Aktive mit der Motivation, ihre Aktivität auf das empfohlene Maß zu steigern und (3) Ausreichend Aktive. Eine logistische Regressionsanalyse zeigt die Gruppenzugehörigkeit für konkurrierende Tätigkeiten unter Kontrolle ausgewählter Variablen.
Ergebnisse: Einen Familienangehörigen zu pflegen erhöht die Chance zur Personengruppe der unzureichend Aktiven mit Motivation zu gehören (+43%). Bürgerschaftliches Engagement erhöht sowohl die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe (+6%) als auch zu den bereits ausreichend Aktiven (+7%). Erwerbsarbeit verringert die Zugehörigkeit zur Gruppe der ausreichend Aktiven (-2%). Kinder zu betreuen weist keine Zusammenhänge auf.
Interpretation: Zeitintensive und stark extern bestimmte Aktivitäten (Pflege, Erwerbsarbeit) könnten ein ausreichendes Maß an körperlicher Aktivität verhindern oder zumindest die Umsetzung trotz bestehender Motivation erschweren. Bürgerschaftliches Engagement und körperliche Aktivität stellen sich als gekoppelte Tätigkeiten dar, bei denen Synergien bestehen und Kompetenzen von der einen auf die andere Tätigkeit übertragen werden können.

08:20
Können individuelle Altersbilder von älteren Erwachsenen im Rahmen eines Bewegungsprogramms verändert werden? Befunde aus einer Interventionsstudie
S217-02 

A.-K. Beyer, J. Wolff, S. Wurm; Nürnberg, Berlin

In den letzten Jahren mehrten sich Forschungsbefunde, dass positivere Altersbilder förderlich für Gesundheit, Wohlbefinden und eine höhere Lebenserwartung sind. Allerdings sind die Sichtweisen auf das eigene Älterwerden, insbesondere bei älteren Erwachsenen, eher negativ und verlustorientiert geprägt. Bisher ist nur wenig erforscht, wie diese individuellen Altersbilder gezielt verbessert werden können. Ob und wie Altersbilder in positivere, gewinnorientiertere Ansichten bei älteren Erwachsenen im Rahmen eines Bewegungsprogramms verändert werden können, untersucht die vorliegende randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie.
An einem Bewegungsprogramm über zwölf Wochen nahmen 89 im Privathaushalt lebende Erwachsene im Alter von 65-88 Jahren (M=76,5 Jahre) mit ersten funktionellen Einschränkungen teil. Die Zuordnung der Teilnehmenden zu dem Bewegungsprogramm mit Altersbilder-Interventionsmodul (n=51) bzw. ohne dieses Modul (n=38) erfolgte randomisiert. Individuelle Altersbilder der Teilnehmenden wurden vor Beginn, während und nach Abschluss des Bewegungsprogramms erhoben.
Die Ergebnisse basierend auf Latent Change Score Modellen zeigen, dass unter Kontrolle von Alter, Geschlecht, Bildung und Gesundheitszustand Teilnehmende mit Altersbilder-Interventionsmodul nach Abschluss des Programms ihr eigenes Älterwerden positiver und gewinnorientierter einschätzten als Teilnehmende in der Kontrollgruppe ohne Altersbilder-Interventionsmodul (p=.009). Die in der Intervention eingesetzten Strategien zur Veränderung von Altersbildern werden im Vortrag vorgestellt und mögliche Ansatzpunkte für Weiterentwicklungen diskutiert.

08:40
Effekte eines standardisierten motorischen Lernprogramms auf den Sitzen-Stehen-Transfer bei Menschen mit Demenz
S217-03 

C. Werner, N. Lemke, S. Wiloth, F. Kronbach, K. Hauer; Heidelberg, Mannheim

Hintergrund: Studien zeigen, dass motorisches Lernen bei Demenz prinzipiell möglich ist. Die bisher trainierten motorischen Fertigkeiten und deren Testmethoden umfassten jedoch meist feinmotorische (z.B. Rotary-Pursuit-Test) oder grobmotorische Bewegungsabläufe mit geringer Alltagsrelevanz (z.B. Walzertanz, Ballwurf). Motorisches Lernen einer hochrelevanten motorischen Schlüsselqualifikation wurde bei Menschen mit Demenz bislang noch nicht untersucht.
Zielstellung: Ziel dieser Studie war es zu überprüfen, ob Patienten mit beginnender bis mittelgradiger Demenz in der Lage sind durch ein demenzspezifisches, motorisches Lernprogramm eine kompensatorische Bewegungsstrategie für den Sitzen-Stehen-Transfer (STS) zu erlernen.
Methodik: Geriatrische Patienten (n=94; Alter:82,7±5,9 Jahre) mit beginnender bis mittelgradiger Demenz (Mini-Mental State Examination: 21,8±3,0) nahmen an einer 10-wöchigen randomisiert, kontrollierten Studie teil. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe (IG, n=48) absolvierten ein demenzspezifisches, motorisches Lernprogramm zu kompensatorischen Bewegungsmanövern beim STS. Die Kontrollgruppe (KG, n=46) führte ein unspezifisches Krafttraining mit niedriger Intensität der oberen Extremitäten durch. Die Bewertung der trainierten STS Bewegungsstrategie erfolgte anhand eines neu entwickelten, beobachtungsbasierten Assessmentinstruments (ACSID) für Menschen mit Demenz, welches motorisch-kognitive Aspekte (Bewegungsabruf und -initiierung [ACSID-RI], effektive Bewegungsumsetzung [ACSID-EP]) bei der Durchführung kompensatorischer STS Bewegungsmanöver erfasst.
Ergebnisse: Die IG zeigte nach der Teilnahme am demenzspezifischen, motorischen Lernprogramm gegenüber der KG einen signifikant höheren ACSID-Gesamtscore (Gruppe x Zeit: p<.001; eta²=.197). Signifikante Interaktionseffekte ergaben sich auch für den Abruf und die Initiierung (ACSID-RI) (Gruppe x Zeit: p<.001; eta²=.182) sowie die effektive Umsetzung der trainierten STS Bewegungsmanöver (ACSID-EP) (Gruppe x Zeit: p=.003; eta²=.106).
Schlussfolgerung: Patienten mit beginnender bis mittelgradiger Demenz sind in der Lage durch ein demenzspezifisches, motorisches Lernprogramm neue Bewegungsstrategie für eine alltagsrelevante, motorische Schlüsselqualifikation zu erlernen.

09:00
Effektivität kombinierter häuslicher und gruppenbasierter Trainingsinterventionen (Ausdauer, Kraft, aktives Kognitionstraining) auf die kognitive und motorische Leistungsfähigkeit bei älteren Erwachsenen mit leichten kognitiven Störungen
S217-04 

N. Schott, A. Kappes, K. Zentgraf, K. Zentgraf; Stuttgart, Münster

Einleitung: Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass systematische, wiederholte körperliche Aktivität eine Rolle bei der Verlangsamung der Entwicklung demenzieller Erkrankungen zukommen kann. Es gibt jedoch nur wenige und zum Teil widersprüchliche Befunde zur Effektivität verschiedener Trainingsformen auf den Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit bei älteren Erwachsenen mit leichten kognitiven Störungen (MCI). In einer randomisierten und kontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit verschiedener Trainingsformen im häuslichen Setting kombiniert mit einem Gruppentraining bei Personen (Alter: > 60 Jahre) über einen Zeitraum von 26 Wochen untersucht.
Methoden: In diese Studie im Prä-/Postdesign wurden 95 Personen (75.0 ± 5.98 Jahre) ohne aktuelle sportliche Vorerfahrung (MOCA-Score zwischen 20 und 26) in vier Gruppen eingeteilt: 1) Ausdauer, 2) Kraft; 3) aktives Kognitionstraining, und 4) Kontrolle. Die Versuchspersonen durchliefen ein 26-wöchiges supervidiertes „home-based-Training“ in Kombination mit einem Gruppentraining in einem lokalen Fitnessstudio (je 1x/Woche für jeweils ca. 60 Minuten). Erhoben wurden die motorische und kognitive Leistungsfähigkeit (u.a. Fullerton Advanced Balance Scale; CARAD-Batterie) sowie die Lebensqualität (SF36).
Ergebnisse: Die Einhaltung des Studienprotokolls war durch die persönliche Begleitung sehr gut; die Dropout-Rate lag bei ca. 28%. Alle Trainingsteilnehmer zeigten leichte, aber nicht signifikante Verbesserungen im MOCA-Score. Signifikante Verbesserungen über die Zeit ergaben sich für die Fullerton Advanced Balance Scale, den Timed-Up-and-Go-Test und den CERAD-Score und signifikante Interaktionen Zeit x Gruppe für die Armcurls (zugunsten der Kraftgruppe) sowie für das Letter-Number-Sequencing und den Block-Tapping-Test (mit höheren Zugewinnen für die Ausdauer- und aktive Kognitionsgruppe).
Diskussion Die kombinierte Form aus häuslichem und Gruppentraining mit dem hohen Umfang an persönlicher Kontaktzeit schlägt sich nicht nur in hoher Akzeptanz nieder, aber vor allem in zum großen Teil auch signifikanten Verbesserungen der motorischen und kognitiven Leistungsfähigkeit (insbesondere in Gleichgewicht, Mobilität, Kraft der oberen Extremitäten, Gedächtnisleistungen).

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