Symposium Soziologie & Psychologie
Donnerstag, 08.09.2016
10:45 - 12:15
Raum Ulm
S226
Freie Vorträge - Gesunde Lebensführung im Alter

Moderation: P. Enste, Gelsenkirchen

10:45
Gesundheitliche Eigenverantwortung im Alter
S226-01 

P. Enste; Gelsenkirchen

In gesundheitspolitischen Debatten genießt der Gebrauch des Wortes „Eigenverantwortung“ eine sehr hohe Popularität. Es fällt allerdings auf, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Maßnahmen mit gesundheitlicher Eigenverantwortung in Verbindung gebracht wird: Eigenbeteiligung an Gesundheitskosten, verantwortungsvolles gesundheitsrelevantes Verhalten oder Sanktionierung bei Risikoverhalten seien an dieser Stelle beispielhaft genannt. Ausgehend von den Grundannahmen der Lebensspannen-Entwicklungspsychologie ist gesundheitsrelevantes Verhalten auch noch im höheren Lebensalter erlernbar und wirksam. Dem Verantwortungsgefühl wird dabei eine zentrale Rolle zugerechnet. Ziel der vorgestellten Studie ist es, zum einen zu untersuchen inwieweit sich ältere Menschen für die eigene Gesundheit verantwortlich fühlen und durch welche Variablen dieses Bewusstsein beeinflusst wird und zum anderen zu identifizieren, welchen weiteren Akteuren und Institutionen Verantwortung für die Gesundheit zugeschrieben wird. Zur Beantwortung wurde eine quantitative Befragung (N=365) mit Personen, die 60 Jahre und älter sind, durchgeführt. Es zeigt sich, dass alle Personen sich selbst in hohem Maße verantwortlich für die eigenen Gesundheit sehen. Es ergeben sich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Anders verhält es sich mit den Variablen Alter, Einkommen und Bildung, die deutlich mit der Variable Eigenverantwortung korrelieren. Um ähnliche Verantwortungszuteilungsmuster zu identifizieren, wurden mit einer Clusteranalyse drei Typen identifiziert: Typ 1 kann als der Verantwortungs-Allrounder bezeichnet werden. Neben sich selbst sieht er den Hausarzt, die Krankenkasse und die Angehörigen in Mitverantwortung für seine Gesundheit. Typ 2 lässt sich wie folgt beschreiben: Neben der Eigenverantwortung wird den Institutionen des Gesundheitssystems (Hausarzt und Krankenkasse) auch ein gewisses Maß an Verantwortung zugewiesen. Typ 3 sieht in erster Linie sich selbst für die eigene Gesundheit verantwortlich. Ein Vergleich der Typen zeigt signifikante Unterschiede bei Geschlecht, Alter, Bildung, objektiver und subjektiver Gesundheit (EUROHIS QoL) und Selbstwirksamkeit (SD-10).

11:05
Erfassung von Stress im Alter - Ergebnisse einer quantitativen Befragung und einer Echtzeitmessung im Labor
S226-02 

M. Haesner, A. Steinert, R. Bleeck, E. Steinhagen-Thiessen; Berlin

Die Prävalenz von Krankheiten, die das Herz-Kreislauf-System betreffen nimmt stetig zu. Ursachen für die Erkrankungen sind neben ungesunder Ernährung und unzureichender körperlicher Aktivität häufig Stress im Alltag (WHO 2002). Auch wenn davon ausgegangen wird, dass das Leben mit dem Ruhestand stressfreier wird, haben Studien bereits gezeigt, dass insbesondere Senioren durch Weiterführen des Berufes, ehrenamtliches Engagement oder Enkelkinderbetreuung häufig an Stresssymptomen leiden (Almeida 2011, Baum 1999). Über die genauen Auslöser von Stress, die Auswirkungen auf das gesundheitliche und soziale Leben und über Copingstrategien der Zielgruppe ist jedoch bisher wenig bekannt (Williams 2009). Studien zeigen das Puls, Blutdruck, Leitfähigkeit der Haut, und Blickbewegungen Stressverhalten messbar machen können (Centre for Studies on Human Stress 2007), jedoch fehlt es für Echtzeitmessungen an validierten Algorithmen. In einer quantitative Befragung wurden über 100 älteren Menschen (> 65 Jahre) zu Stressoren des Alltags und Copingstrategien befragt (selbst entwickelter Fragebogen mit Fragen zur Selbstwirksamkeit und des PSS 10 und SCI). Eine Subgruppe von 30 Probanden wurde in einer Labortestung fordernden Situationen ausgesetzt (u.a. Stroop-Test, TAP-M, sowie alltagsnahe Aufgaben zu Multitasking und der Bedienung schwer verständlicher Technologien) und ihr Stresslevel mit einem Sensorarmband und einem Eye-Tracker gemessen.
Die Ergebnisse zeigen einen höchst individuellen Umgang mit alltagsnahen Stressoren durch Senioren. Im Beitrag werden verschiedene soziodemografische und psychologische Einflussfaktoren auf die Stresswahrnehmung präsentiert und diskutiert. Die technische Auswertung der Echtzeitdaten zeigt, dass es nicht notwendig ist, alle stressrelevanten Parameter in eine Echtzeit-Messung zu integrieren. Schon die Kombination weniger Daten ermöglicht eine zuverlässige Messung. Diese wird dadurch weniger invasiv und die Nutzerakzeptanz wird erhöht.

11:25
Zusammenhang zwischen körperlicher Funktionsfähigkeit und gesundheitsbezogener Lebensqualität von Personen im Alter von 65 bis 79 Jahren. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1)
S226-03 

J. Fuchs, U. Maske, C. Scheidt-Nave; Berlin

Mit zunehmendem Alter nehmen Einschränkungen der körperlichen Funktionsfähigkeit (kF) zu und damit einhergehend die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQoL) ab. Der Beitrag zeigt für die Allgemeinbevölkerung im Alter von 65-79 Jahren den Zusammenhang von kF und HRQoL.
In DEGS1 wurde eine repräsentative Stichprobe der in Deutschland lebenden Erwachsenen im Alter von 18-79 Jahren zu gesundheitsrelevanten Themen befragt und untersucht. Bei Teilnehmenden im Alter von 65 bis 79 Jahren wurden Tests zur Erfassung der kF durchgeführt. Angelehnt an die Short Physical Performance Battery von Guralnik wurde auf Basis des Timed-up and Go-Tests, des Chair-Rise-Tests und Balance-Tests ein Index zur kF errechnet (Range 1-12). Personen mit Werten <= 8 gelten als funktionell beeinträchtigt. Die HRQoL wurde mit dem SF-36V2 erfasst und anhand der transformierten Skalenwerte der standardisierten körperlichen und psychischen Summenscala ausgewertet (0=niedrigste HRQoL, 100=höchste HRQoL).
In die Auswertung wurden Personen mit vollständigen Angaben zu den Funktionstests und dem SF-36 eingeschlossen (N=1608, 65-79 Jahre). Auswertungen wurden gewichtet mit SPSS 20 für komplexe Stichproben vorgenommen.
In der kF beeinträchtigt sind gesamt 15,2% der 65-79-Jährigen (Konfidenzintervall 95%-KI 13,0-17,7; Frauen 16,9%, 95%-KI 13,9-20,5, Männer 13,2%, 95%-KI 10,3-16,7); die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter. Der mittlere Skalenwert der körperlichen Summenskala beträgt 45,7 (95%-KI 45,0-46,3), der der psychischen Summenskala 51,4 (95%-KI 50,8-52,0); Frauen weisen signifikant niedrigere Werte auf. Männer und Frauen mit Einschränkungen der kF schätzen ihre HRQoL auf der körperlichen Summenskala schlechter ein (Skalenwerte 32,6, 95%-KI 30,8-34,5 vs. 46,8, 95%-KI 46,2-47,5), nicht aber auf der psychischen (49,1, 95%-KI 46,2-51,9 vs. 51,7 95%-KI 51,1-52,2).
Personen mit eingeschränkter kF sind offenbar in der Lage, ihre psychische Lebensqualität trotz körperlichen Einschränkungen zu bewahren. Die Ergebnisse könnten einen Ansatzpunkt für den Umgang mit körperlich beeinträchtigten Personen bilden, indem die vorhandene Lebensqualität im psychischen Bereich hervorgehoben wird und zur Verbesserung der körperlichen Lebensqualität Interventionsmaßnamen angeboten werden.

11:45
Ein gesunder „stabiler” Lebensstil - der Weg zum gelingenden kognitiven Altern?! Eine Untersuchung an Nonnen, Mönchen und Masterathleten
S226-04 

N. Schott, K. Krull; Stuttgart

Einleitung: Etliche Studien liefern Hinweise darauf, dass ein gesunder, aktiver Lebensstil mit einem geringeren hirnphysiologischen Abbau und mit geringeren kognitiven Einbußen einhergeht. Insbesondere körperlich-sportliche Aktivität, stimulierendes kognitives Training, ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung und soziale Teilhabe werden im Zusammenhang mit gelingendem kognitivem, aber auch motorischem Altern propagiert. Diese Studien können jedoch immer nur eine Momentaufnahme aktuellen Gesundheitsverhaltens darstellen, über die Lebensspanne ist eine hohe Variabilität solch eines Verhaltens zu beobachten. Die relative Homogenität im Lebensstil von Nonnen, Mönchen und Masterathleten reduziert jedoch die Wahrscheinlichkeit von lebensstilrelevanten Störfaktoren auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Ziel dieser Studie war es, Unterschiede in den exekutiven Funktionen zwischen gesunden Nonnen, Mönchen, Masterathleten und inaktiven älteren Erwachsenen zu untersuchen.
Methoden: An der Studie nahmen insgesamt 60 Erwachsene im Alter von 68 bis 91 Jahren teil: (1) Nonnen/Mönche (n=20, 77.5±5.56; 5 M), (2) Masterathleten (n=20, 76.5±5.33; 12 M), und (3) Sedentary (n=20; 76.4±5.96, 6 M). Die inhibitorische Kontrolle wurde mit einer Flanker-Aufgabe und das Arbeitsgedächtnis mit einer n-back-Aufgabe überprüft. Darüber hinaus wurden die körperlich-sportliche Aktivität (German-PAQ-50+) sowie die Fitness (30s-Aufstehtest, 30s-Armcurltest) erhoben.
Ergebnisse: ANOVAs bestätigten die erwarteten signifikanten Unterschiede bzgl. körperlicher Aktivität, Fitness und kognitiver Leistungsfähigkeit zwischen den drei Untersuchungsgruppen (p<.01): Inaktive ältere Erwachsene schneiden insbesondere in Lösungsraten und Reaktionszeiten bei der Flanker- und n-Back-Aufgabe um ca. 20% schlechter im Vergleich zu Nonnen, Mönchen und Masterathleten ab.
Diskussion: Die hohe Stabilität gesundheitsrelevanten Verhaltens bei Nonnen, Mönchen und Masterathleten scheint möglicherweise einige der altersbedingten Verluste in der motorischen und kognitiven Leistungsfähigkeit zumindest verlangsamen zu können. Längsschnittstudien können in Zukunft dazu beitragen, den kausalen Zusammenhang von Lebensstilstabilität und Dimensionen des gelingenden Alterns in solch spezifischen Kohorten besser zu verstehen.

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