Symposium Soziologie & Psychologie
Donnerstag, 08.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Ulm
S216
Förderung der häuslichen Pflege in Deutschland: Ausgangslage und Egebnisse aktueller Interventionsstudien

Moderation: M. Schäufele, Mannheim; K. Pfeiffer, Stuttgart

Im Zuge des demographischen Wandels steigen auch die Zahlen von Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf beständig an. Um die Versorgung im häuslichen Umfeld, die in Deutschland von nahezu allen Betroffenen gewünscht wird, für möglichst viele Menschen weiterhin zu gewährleisten, ist die Konzeption und Implementierung wirksamer Unterstützungsmaßnahmen unabdingbar.
Neben Rahmendaten zur Situation der von Menschen, die ein überproportional hohes Risiko für den Zusammenbruch des häuslichen Pflegearrangements haben – Menschen mit Demenz - werden im Symposium aktuelle und innovative Interventionsstudien in verschiedenen ambulanten Settings vorgestellt.
Im Auftaktbeitrag “Förderung des Verbleibs von Menschen mit Demenz zu Hause: Was kann helfen?“ (M. Schäufele) werden ausgehend von den Ergebnissen verschiedener Studien erfolgversprechende Ansatzpunkte für Interventionen beleuchtet. Die nachfolgenden Beiträge richten sich auf die Förderung der häuslichen Pflege durch Interventionen bei unterschiedlichen Zielgruppen. Im Rahmen einer sektorenübergreifenden mehrdimensionalen Intervention für Hüftfrakturpatienten mit kognitiven Einschränkungen fokussiert I. Hendlmeier auf die Beteiligung freiwillig Engagierter und präsentiert erste Ergebnisse zu „Freiwilligenengagement in Pflegehaushalten: Erfahrungshintergrund und Motivation der Engagierten“. K. Pfeiffer stellt in „Problemlösen in der Pflegeberatung (PLiP Studie): Erste Ergebnisse aus dem Translationsprojekt" die in Deutschland bislang einzige großangelegte Erprobung und Evaluation einer als wirksam getesteten Intervention zur Entlastung pflegender Angehöriger im Praxissetting Pflegeberatung vor. Mit ihrem Beitrag „Wirksamkeit einer psychotherapeutischen Intervention für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz in der ambulanten Versorgung“ zeigt L.Weise schließlich, dass eine telefonische kognitive- behaviorale Intervention durch eine/n Psychotherapeut/in bei pflegenden Angehörigen zu signifikanten Verbesserungen in verschiedenen psychologischen Dimensionen führen kann.

08:00
Förderung des Verbleibs von Menschen mit Demenz zu Hause: Was kann helfen?
S216-01 

M. Schäufele, I. Hendlmeier; Mannheim

Hintergrund: Menschen mit Demenz haben im Vergleich zu kognitiv unbeeinträchtigten Menschen mit Hilfe – und Pflegebedarf ein überproportional hohes Risiko in ein Pflegeheim einzutreten. Dem oft ungewollten Heimeintritt geht der Zusammenbruch des häuslichen Pflegarrangements voraus, der Hauptgrund dafür besteht der Regel in fehlenden bzw. überlasteten Pflegepersonen.
Ziele: Vor diesem Hintergrund soll der Beitrag erfolgversprechende Ansatzpunkte für Interventionen zur Förderung der häuslichen Pflege von Menschen mit Demenz in Deutschland im Kontext der hiesigen Versorgungslandschaft identifizieren. Der Schwerpunkt liegt auf der Situation pflegender Angehöriger, die die häusliche Pflege maßgeblich tragen.
Methode: Die Rahmendaten für die Analyse basieren zum großen Teil auf den Ergebnissen repräsentativer bzw. großangelegter Quer- und Längsschnittstudien, die in Deutschland durchgeführt wurden. Im Hinblick auf Interventionsstudien wurde eine Recherche in der internationalen Literatur durchgeführt.
Ergebnisse: Die Studien weisen übereinstimmend darauf hin, dass die Angehörigen von Menschen mit Demenz deutlich belasteter sind als die Pflegenden von nicht-kognitiv Beeinträchtigten mit Hilfe – und Pflegebedarf. Ferner stimmen die Befunde weitgehend darin überein, dass das Vorliegen nicht-kognitiver Symptome und das Ausmaß der Hilfe- und Beaufsichtigungsbedürftigkeit bei den Pflegebedürftigen zu den wichtigsten Einflußfaktoren des Belastungsgrads zählen.
Schlußfolgerungen: Als Ansatzpunkte wie der Verbleib von Menschen mit Demenz im häuslichen Umfeld wirkungsvoll gefördert werden kann, kristallisierten sich heraus: a) die Unterstützung pflegender Angehöriger, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit nicht –kognitiven Symptomen und anderen Herausforderungen in der Pflege und c) der Ausbau und die Vernetzung gemeindenaher Dienste.

08:20
Freiwilligenengagement in Pflegehaushalten: Erfahrungshintergrund und Motivation der Engagierten - erste Ergebnisse aus dem Projekt PROFinD 2
S216-02 

I. Hendlmeier, M. Groß, K. Pfeiffer, M. Schäufele; Mannheim, Stuttgart

Das Engagement von Freiwilligen wird als wichtiges Element für die Nachhaltigkeit von häuslichen Pflegesettings angesehen. Die finanzielle Förderung im Rahmen des SGB XI unterstützt den Ausbau des bürgerschaftlichen Engagements in diesem Bereich. Vor allem Betreuungsgruppen, Besuchsdienste und Entlastungsangebote setzen auf freiwillig Engagierte. Über den Erfahrungshintergrund und die Motivation von Helfern und Helferinnen im Welfare-Mix für ältere pflegebedürftige Menschen ist jedoch nur wenig bekannt.
Im Rahmen eines Projekts zur Durchführung eines häuslichen Trainingsprogramms bei Patienten nach Hüft-Becken-Fraktur und leichten kognitiven Beeinträchtigungen (PROFinD 2 - TP3) in zwei Zentren in Baden-Württemberg wurden die eingesetzten freiwilligen Helfer und Helferinnen u.a. mit dem Volunteer Functions Inventory (VFI, Clary et al. 1998, Oostlander et al. 2014) zur Motivation befragt.
Bis dato wurden 76 Personen geschult, von denen 64 Personen (84%) in den Vermittlungspool aufgenommen wurden. Vor allem Frauen im ausgehenden mittleren Erwachsenenalter (Durchschnittsalter 60,6 Jahre, 24-79 Jahre) fühlen sich von der Tätigkeit angesprochen. 95% der Freiwilligen waren bereits früher freiwillig engagiert, 80% berichteten von Vorerfahrungen zum Umgang mit kognitiv beeinträchtigten Menschen. Items der Werte- und Erfahrungsfunktion wurden als häufigste Motivation für das freiwillige Engagement bejaht, Items der Karrierefunktion und sozialen Anpassungsfunktion am seltensten.
Die gewonnenen Erkenntnisse zu Erfahrungshintergründen und Motivation sind für die Förderung des Freiwilligenengagements in Pflegehaushalten und weiteren gerontologischen Einsatzfeldern bei hochaltrigen Personen relevant.

08:40
Problemlösen in der Pflegeberatung (PLiP Studie): Erste Ergebnisse aus dem Translationsprojekt
S216-03 

K. Pfeiffer, D. Albrecht, J. Grünwald, M. Patak, C. Becker, M. Hautzinger; Stuttgart, Tübingen

In den letzten 30 Jahren wurden allein für pflegende Angehörige von demenziell Erkrankten über 200 Interventionen auf ihre Wirksamkeit überprüft. Mit diesen Forschungsanstrengungen konnte eine Gruppe von Interventionsansätzen identifiziert werden, die einen zumindest kleinen, aber klinisch und statistisch signifikanten positiven Effekt haben (Gitlin & Hodgson in press). Trotz dieser doch umfangreichen Datenlage ist die Implementierung entsprechender Ansätze in Praxissettings bislang jedoch noch kaum erfolgt. Mit der PLiP Studie, einem Translationsprojekt, wurde versucht, einen als effektiv getesteten Problemlöseansatz (Pfeiffer et al. 2014) mit Pflegeberater/-innen von Pflegekassen unter Alltagsbedingungen zu erproben und in einer Cluster-randomisierten Studie zu evaluieren. Das Problemlösen wurde mit besonders belasteten Angehörigen im Rahmen einer erweiterten Beratung nach §7a SGB XI durchgeführt. Hierfür wurden alle 51 teilnehmenden Pflegeberater/-innen aus drei Pflegekassen an drei Gruppenschulungstagen sowie einem 6-monatigen individuellen Coaching durch zwei Psychotherapeutinnen geschult. Zur Evaluation (Messzeitpunkte: Baseline – 3 Monate – 6 Monate) wurden 156 belastete pflegende Angehörige unabhängig von der Erkrankung des Pflegebedürftigen rekrutiert. Im Vortrag wird am Beispiel von PLiP auf wesentliche Aspekte der Translationsforschung in diesem Feld eingegangen (z.B. Anpassung der Beratungsintensität, Integration in bestehende Abläufe, Akzeptanz von Seiten der Berater/-innen) und exemplarisch an PLiP diskutiert. Des Weiteren werden erste Ergebnisse der Evaluation der Pflegeberater/-innen wie auch der pflegenden Angehörigen vorgestellt.

09:00
Wirksamkeit einer psychotherapeutischen Intervention für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz in der ambulanten Versorgung
S216-04 

L. Weise, R. Soellner, G. Wilz; Jena, Hildesheim

Hintergrund: In einer Metaanalyse von Pinquart und Sörensen (2003), in der Angehörige von Tumorpatienten, Schlaganfallpatienten, Demenzpatienten und Menschen mit multiplen Erkrankungen verglichen wurden, zeigte sich, dass pflegende Angehörige im Vergleich zu Nicht-Pflegenden größere Depressivität, größeren Stress, geringeres Wohlbefinden und eine geringere Selbstwirksamkeitserwartung aufwiesen. In einigen Studien wurde sogar eine höhere psychische Belastung bei Angehörigen im Vergleich zu den betroffenen Patienten berichtet. Die Pflege eines Demenzerkrankten ist hierbei im Vergleich zu allen anderen Pflegesituationen mit den stärksten Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden. Im Vortrag werden Ergebnisse der Evaluation eines kognitiv-behavioralen Interventionskonzepts (KVT), welches in den Beratungsstellen der Alzheimer Gesellschaft durchgeführt wurde, vorgestellt.
Methode: In der Studie „Tele.TAnDem.Transfer“ wurde ein randomisiert kontrolliertes Design (Kontrollgruppe/usual care versus Interventionsgruppe) mit drei Messzeitpunkten (Baseline, Post, 6-Monats-Follow-up) umgesetzt (N=322). Zudem wurden zwei verschiedene Settingbedingungen (telefonisch versus face-to-face) hinsichtlich der differentiellen Effektivität untersucht. Die Auswertungen erfolgten mittels Latent Change Analysen (Full Information Maximum Likelihood Estimation).
Ergebnisse: Die Angehörigen der telefonischen Interventionsgruppe zeigten nach Abschluss der psychotherapeutischen Unterstützung eine signifikante Verbesserung hinsichtlich ihres emotionalen Wohlbefindens, depressiver Symptome und der Stressbewältigung. Zudem zeigten sich signifikante Verbesserungen hinsichtlich körperlicher Beschwerden und der globalen, körperlichen und psychischen Lebensqualität.
Diskussion: Die KVT basierte Intervention kann folglich als wirksame Unterstützung für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz bewertet werden. Hinsichtlich der zwei verschiedenen Settingbedingungen zeigten sich keine Unterschiede in der Wirksamkeit.

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