Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
15:30 - 17:00
Raum Reutlingen
S234
Ergebnisse des Modellprojekts zur Geriatrischen Rehabilitation bei Patienten mit demenzieller Erkrankung (GREDE)

Moderation: N. Lübke, Hamburg

Über die Hälfte aller Patienten in der geriatrischen Rehabilitation zeigt eine kognitive Schädigung. Die betroffenen Patienten bedürfen aufgrund der Begleitdiagnose kognitive Schädigung/Demenz ein spezifisches Rehabilitationskonzept, welches motorische, psycho-soziale, kommunikative und kognitive Aspekte umfasst. In dem Symposium stellen wir verschiedene Teilergebnisse aus Querschnittsanalysen und Interventionseffekten unseres Modellprojekts zur geriatrischen Rehabilitation bei demenziell Erkrankten Patienten vor.

15:30
Rehabilitation bei Demenz: Status und Veränderung kognitiver Leistungen und deren Zusammenhang mit funktionellen Rehabilitationsoutcomes
S234-01 

I. Dutzi, M. Schwenk, P. Ulrich, K. Hauer; Heidelberg, Stuttgart

Hintergrund: Akute Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte sind für demente Patienten mit einem erhöhten Risiko eines weiteren kognitiven und funktionellen Abbaus verbunden, weshalb die Anpassung von Rehabilitationsprogrammen an die Bedürfnisse dementer Patienten gefordert wird. Voraussetzung dafür sind verlässliche Informationen zum kognitiven Status der Rehabilitanden und eine stärkere Berücksichtigung kognitiver Leistungen als Rehabilitationsoutcomes.
Ziel der Studie war es, den kognitiven Status der Patienten bei Rehabilitationsbeginn und im Verlauf zu prüfen. Zum anderen wurden die Veränderungen kognitiver Leistungen und deren Zusammenhang mit funktionellen Outcomes bei Patienten mit Demenz untersucht.
Methode: Bei 561 Patienten einer geriatrischen Rehabilitationsklinik mit beginnender bis mittelgradiger Demenz (N=155) wurden die Bereiche Gedächtnis, Sprache, Praxie, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit im Verlauf getestet. Die Beurteilung der Veränderungen erfolgte auf Gruppen- und Individualebene.
Ergebnisse: 60% der Patienten zeigten im Screening kognitive Beeinträchtigungen. In den Begleitbriefen gab es lediglich bei 42% dieser Patienten dazu Hinweise. Es zeigte sich in allen kognitiven Bereichen eine signifikante Verbesserung der Testleistungen über die Rehabilitationszeit (p = 0.03-0.00). Auf individueller Ebene waren die Leistungen ebenfalls mehrheitlich stabil oder verbessert. Patienten mit kognitiver Verschlechterung erreichten weniger funktionelle Gewinne (Barthel, HABAM p≤0.01). Die Neu-Institutionalisierungsrate war in dieser Gruppe am höchsten (42% vs. 23%).
Diskussion: Die bei Aufnahme vorliegenden Informationen zum kognitiven Status waren insuffizient, um diese Patienten sicher zu identifizieren. Das Phänomen der Reversibilität kognitiver Dysfunktionen konnte auch bei Patienten mit Demenz gezeigt werden. Kognitiver Abbau ging mit negativen funktionellen Outcomes einher. Die Ergebnisse sprechen für eine stärkere Beachtung kognitiver Leistungen als relevanten Rehabilitationsoutcome und die Entwicklung spezifischer Therapieangebote zur Stabilisierung kognitiver Funktionen.

15:50
Vorhersage von Stürze bei demenziell erkrankten stationären geriatrischen Patienten: welche motorischen und kognitive Variablen sind die besten Prädiktoren?
S234-02 

M. Schwenk, I. Dutzi, P. Ulrich, K. Hauer; Stuttgart, Heidelberg

Hintergrund: In der stationären geriatrischen Rehabiliation stellen demenziell erkrankte Patienten eine Hochrisikogruppe für Stürze dar. Ziel der vorliegenden Untersuchung war die Ermittlung von Prädiktoren für einen Sturz im Krankenhaus in der Zielgruppe.
Methode: Bei 102 geriatrischen Patienten mit gesicherter leichter bis mittelschwerer demenzieller Erkrankung wurde zu Beginn der dreiwöchigen stationären Rehabilitation ein umfassendes Assessment durchgeführt. Gemessen wurden deskriptive Variablen (Alter, Geschlecht, ADL, Depression), die STRATIFY Skala, kognitive Leistungen (CERAD) und motorische Leistungen in Form von konventionellen Tests (Tinetti-Test, Timed-Up-and-Go) und objektivem intrumentierten Assessment (GaitRite Ganganalyse, sensor-basiertes Balanceassessment). Stürze in der Rehabilitationsphase wurden vom Personal in der Krankenhausakte dokumentiert. Die diskriminative Validität der einzelnen Variablen wurde über t-tests analysiert. Über eine multivariate logistische Regression wurden unabhängige Prädiktoren für das Sturzrisiko ermittelt.
Ergebnisse: Überraschenderweise unterschieden sich Stürzer und nicht-Stürzer nicht in deskriptiven Variablen und konventionellen Tests. Dagegen diskriminierten verschieden Balanceparameter des instrumentierten Assessments signifikant zwischen beiden Gruppen (Schwankungsfläche des Körperschwerpunkts, medio-laterale Abweichung p=.001-.027). Desweiteren waren spezifische kognitive Variablen signifikant mit Stürzen assoziiert (visuo-konstruktive Fähigkeiten, verbale Flüssigkeit, p=.009-.049). Objektive Balanceparameter (medio-laterale Abweichung) hatten die höchste Vorhersagegenauigkeit (81.4%). Ein kombinierter Index aus objekiven Balanceparametern und kognitiven Variablen zeigte eine noch höhere Vorhersagegenauigkeit (85.1%).
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass spezifische motorisch und kognitive Variablen signifikant mit dem Sturzrisiko bei geriatrischen Patienten assoziiert sind. Objektive Balanceparameter und spezifische kognitive Variablen scheinen eine genauere Eischschätzung des Sturzrikios zu erlauben als bislang eingesetzte etablierte Tests.

16:10
Therapieangebote in der geriatrischen Rehabilitation sind mit dem kognitiven Status assoziiert
S234-03 

K. Hauer, I. Dutzi, P. Ulrich, M. Schwenk; Heidelberg, Stuttgart

Hintergrund: Patienten mit kognitiver Schädigung zeigen schlechtere Rehabilitationsergebnisse als kognitiv intakte Patienten. Direkte Effekte der kognitiven Schädigung auf den Rehabilitationserfolg oder selektive Priorisierung durch Therapeuten bei der Behandlung aufgrund des kognitiven Status stellen mögliche Einflussfaktoren dar. Ziel der Studie ist die Untersuchung des Zusammenhangs von kognitivem Status und anderen Einflussfaktoren auf Behandlungsangebote während der stationären geriatrischen Rehabilitation.
Methoden: Study design: Prospektive Beobachtungsstudie. Teilnehmer: Geriatrische Patienten (n=426; Alter: 83.1÷7,6 Jahre) die konsekutiv während stationärer Rehabilitation rekrutiert wurden.
Assessment: Qualitative and quantitative Dokumentation des Therapieangebots durch elektronische Datenerfassung (ORBIS-klinisches Datenerfassungs-System) währen einer 3-wöchigen Rehabilitationszeit. Datenanalyse nach Sub-Gruppen, definiert nach Ergebnissen des Mini Mental State Examination (MMSE): ohne kognitive Schädigung (30-27 Punkte), beginnende bis mittelgradige Schädigung (26-17 Punkte); fortgeschrittene Schädigung (<17 Punkte).
Ergebnisse: Patienten mit fortgeschrittener kognitiver Schädigung erhalten sowohl signifikant weniger Therapieangebote (p=0,001), als auch weniger Einzeltherapie und Gruppen-basierte Angebote (p=0,04-0,002) im Vergleich zu Patienten ohne kognitive Schädigung. Die Ergebnisse zeigen eine durchgehende Tendenz nach Schädigungsgrad (z.B. Anzahl von Einzeltherapien zu beiden Randgruppen nach kognitivem Status; p=0.01). Patienten mit mittelgradigen Schädigung weisen eine intermediäre Stellung zwischen kognitiv intakten und schwer kognitiv geschädigten Patienten auf. Die Covarianzanalyse identifiziert Alter und funktionellen Status als signifikante Co-variate unabhängig vom kognitiven Status.
Diskussion: Die Studienergebnisse zeigen einen signifikanten Effekt des kognitiven Status auf die Anzahl und Qualität des Therapieangebotes während geriatrischer Rehabilitation, teilweise assoziiert mit dem Lebensalter und dem funktionellen Status. Unterschiedliche Therapieangebote nach kognitivem Status stellen damit eine mögliche Ursache für die schlechtere Rehabilitationsergebnisse von Patienten mit kognitiver Schädigung dar.

16:30
Effekte eines standardisierten Heimtrainingsprogramms bei Patienten mit kognitiver Einschränkung nach der geriatrischen Rehabilitation
S234-04 

P. Ulrich, R. Beurskens, I. Dutzi, M. Schwenk, K. Hauer; Heidelberg, Stuttgart

Hintergrund: Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen sind in besonderem Maße von Einschränkungen in der motorischen Leistungsfähigkeit und einem Rückgang der körperlichen Aktivität betroffen. Dieser Umstand ist nach einem Krankenhausaufenthalt nochmal deutlich ausgeprägter. Daher ist es wichtig Trainingsprogramme zu entwickeln, um diesen Beeinträchtigungen entgegenzuwirken. Ziel dieser Studie war es, die Effekte eines zielgruppenspezifischen Heimtrainingsprogramms auf die motorische Leistungsfähigkeit und körperliche Aktivität von kognitiv eingeschränkten Personen im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt zu untersuchen.
Methoden: An dieser randomisiert kontrollierten Pilotstudie nahmen 34 Patienten (82.4 +- 6.1 Jahre) teil, die einer Heimtrainingsgruppe (IG) oder einer Kontrollgruppe (KG) zugeordnet wurden. IG absolvierte ein 6-wöchiges Kraft- und Gleichgewichtstraining, welches zuhause durchgeführt wurde, während KG ihre normalen Alltagsaktivitäten verfolgte. Vor und nach dem Training wurden die motorische Leistungsfähigkeit mittels „Short Physical Performance Battery“ (SPPB) und „Performance Oriented Motor Assessment“ (POMA), sowie die körperliche Aktivität („Assessment of Physical Activity For Older Persons“, APAFOP) als primäre Endpunkte erhoben.
Ergebnisse: Varianzanalysen zeigten signifikante Interaktionseffekte in allen drei untersuchten Endpunkten. Die motorische Leistungsfähigkeit (SPPB: p < 0.01; POMA: p < 0.01) der IG verbesserte sich nach dem Heimtrainingsprogramm signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe und auch die körperliche Aktivität erhöhte sich signifikant in der Trainingsgruppe (APAFOP: p < 0.05).
Schlussfolgerung: Das Heimtrainingsprogramm konnte ohne trainingsbedingte Verletzungen von Patienten mit kognitiven Einschränkungen nach der Rehabilitation durchgeführt werden, verbesserte deren motorische Leistungsfähigkeit (Kraft, Gleichgewicht und Gehfähigkeit) und steigerte die körperliche Aktivität. Somit konnte gezeigt werden, dass ein Heimtrainingsprogramm in dieser sensiblen Patientengruppe sicher durchgeführt werden kann und diese davon profitiert.

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