Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
15:30 - 17:00
Studio A
S238
Assistive Technologien im häuslichen Setting. Vom Pilotprojekt zur Anwendung

Moderation: J. Mohr, Tübingen

In Deutschland werden mehr als 2/3 der 2,3 Mio. Menschen mit Pflegebedarf zu Hause versorgt, 90% erhalten Unterstützung durch ihre nächsten Angehörigen. Der Betreuungsaufwand durch die Hauptpflegepersonen liegt im Durchschnitt bei 36,7 Stunden pro Woche. Allein zu Hause lebten 2012 etwa 4,5 Mio. über 70-Jährige. Assistive oder AAL (Ambient Assited Living)-Technologien haben das Ziel, mithilfe neuer Technologien, u.a. in den Bereichen Smart Home-Technik oder Informations- und Kommunikationstechnologien, ältere und pflegebedürftige Menschen im häuslichen Umfeld zu unterstützen. In den letzten Jahren wurden viele Projekte in diesem Bereich initiiert.
In diesem Symposium werden verschiedene Projekte vorgestellt und diskutiert, die sich diesem Thema widmen. Dabei wird der Bogen gespannt von Forschungsprojekten über eine Vergleichsstudie bis hin zu einem Angebot, das bereits auf dem Markt ist. In dem Projekt „TABLU - ein niedrigschwelliges technisches Assistenzsystem im Bereich der informellen Pflege“, vorgestellt von K. Stock, wurde eine Pflege-App für pflegende Angehörige entwickelt, getestet und evaluiert. Die Pflege-App bietet Videos und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit professionellen Pflegefachpersonen. „KRISTINA - A Knowledge-Based Information Agent with Social Competence and Human Interaction Capabilities“ (J. Mohr) beschäftigt sich mit dem Bereich Avatar-Entwicklung zur Kommunikation mit pflegebedürftigen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Im Projekt „Integration von AAL-Technik zur Notfallerkennung in die häusliche Umgebung“ (Dr. B. Steiner) wurden drei marktfähige Sicherheitssysteme zur automatischen Unfallerkennung im Prototypenstadium unter realen Bedingungen getestet. Und SOPHIA living network GmbH, als erster deutscher Full-Service-Provider im Rahmen von Ambient Assisted Living, bietet u.a. ein modulares Paket an, das Menschen bei nachlassender Alltagskompetenz in ihren eigenen vier Wänden unterstützt, vorgestellt von A. Zahneisen: „Wenn das Gedächtnis schwindet… Ein Angebot für Menschen mit mehr Hilfebedarf und deren Angehörige“.

15:30
TABLU - ein niedrigschwelliges technisches Assistenzsystem im Bereich der informellen Pflege
S238-01 

K. Stock, J. Mohr, C. Graboski, L. Haug, T. Heine, I. Kämmerle, J. Bensen, M. Vogel, G. Eschweiler, D. Buhr, U. Weimar; Tübingen, München

Hintergrund: In Deutschland werden mehr als 1,7 Mio. Pflegebedürftige zu Hause versorgt, über 90% durch ihre Angehörigen. Der Betreuungsaufwand durch die Hauptpflegeperson beträgt 36,7 Stunden/Woche. Probleme pflegender Angehöriger sind körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung. Die Akzeptanz online-basierter Technologien für Pflegehilfe ist oft gering, u. a. wegen Hürden bei der Bedienung und fehlendem technischen Wissen. Ziel des geförderten Verbundprojekts (BMBF, 02/2013-01/2016) ist die Entwicklung, Erprobung und Evaluation eines technischen Pflege-Assistenzsystems, das pflegende Angehörige mittels eines modularen Angebots im Pflegealltag unterstützt.
Intervention: Die Besonderheit des Projekts besteht in der Kombination folgender Unterstützungsangebote: 1. persönliche Pflegeschulung, 2. Pflegemediathek, 3. Pflege- Kontakt und 4. Pflege-Bildtelefon, Module 2-4 als TABLU-App. In der Schulung und in den Videos wird der Schwerpunkt auf das Thema Mobilisation gelegt. Die Module Pflege-Kontakt (stichwortgeleitetes Formular, bei Bedarf mit Foto) und Pflege-Bildtelefon (Video-Bildtelefonie) bieten die Möglichkeit, bei Fragen direkt mit einer Pflegefachperson in Kontakt zu treten.
Methodik: Zwei Prototypen wurden in nutzerzentriertem Ansatz mit User Research entwickelt, der erste mit der Pflegemediathek, der zweite zusätzlich mit den Kontaktmodulen. Das Nutzerinterface wurde unter realen Bedingungen getestet. Zielpunkte waren Relevanz der einzelnen Module und Nutzerfreundlichkeit. Zudem wurden die Pflegekompetenz und die Belastung pflegender Angehöriger evaluiert. Das Design entspricht einer prospektiven multizentrischen Längsschnittstudie mit prä-post Vergleich.
Ergebnis: Die Rekrutierung gestaltete sich als schwierig. Gründe waren: Technikeinsatz wird eher als Mehraufwand denn als Entlastung wahrgenommen, und Pflegesituationen verändern sich häufig in kurzen Zeiträumen. Insgesamt testeten 24 Personen den ersten Prototyp, 22 den zweiten. Das Interface wird als einfach zu bedienen bezeichnet. Die Pflegemediathek wurde am häufigsten genutzt. Insgesamt wurden jedoch wenig Anfragen über die Kontaktmodule gestellt. Rückmeldungen zeigen, dass die Pflege-App Sicherheit vermittelt, bei Fragen schnell Hilfe zu bekommen.

15:50
KRISTINA - A Knowledge-Based Information Agent with Social Competence and Human Interaction Capabilities
S238-02 

J. Mohr, V. Sarholz, B. Schäfer, S. Vrochidis, E. André, A. Stam, B. Vieru, W. Minker, E. Tudela, G. Eschweiler, L. Wanner; Tübingen, Thessaloniki/GR, Augsburg, Rotterdam/NL, Paris/F, Ulm, Barcelona/E

Hintergrund: Menschen mit türkischem Migrationshintergrund stehen im Zusammenhang mit Pflegebedürftigkeit vielen Herausforderungen gegenüber. Diese betreffen sowohl Sprache, kulturellen Hintergrund sowie ein Gesundeheitssystem mit unbekannten Regularien. Dadurch haben sie Probleme, Informationen zu beschaffen und sich mit den Gesundheitsbehörden auseinanderzusetzen und nehmen seltener Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch. Pflegenden fehlen oft Informationen zu pflegerischen, kulturellen und individuellen Besonderheiten. Auch ausländische 24h- Betreuungskräfte, oft ohne adäquate Berufsausbildung, stehen dem Problem der unzureichenden Kommunikation und der eigenen Isolation gegenüber. Technische Unterstützungssyteme können hierbei eine vermittelnde Rolle einnehmen.
Ziel und Vorgehensweise: Im Rahmen des EU-Projekts KRISTINA (A Knowledge-Based Information Agent with Social Competence and Human Interaction Capabilities, gefördert in Horizon 2020 ICT 22-2014, 03/2015-02/2018) soll ein wissensbasierter multilingualer technischer Agent mit sozialer Interaktionskompetenz in der Funktion eines intelligenten Pflegebegleiters entwickelt und erprobt werden. Dazu muss er die Bedürfnisse der NutzerInnen in Sprache, Mimik und Gestik verstehen und richtig interpretieren und auf Anfragen adäquat reagieren. Der Agent soll u.a. bei Pflegebedürftigen mit türkischem Migrationshintergrund über 60 Jahre, ihren Angehörigen, sowie polnischen 24h-BetreuerInnen getestet werde. Die Anwendungspartner zeigen sich verantwortlich für inhaltliche Ausgestaltung, sowie Erprobung und Evaluation der Prototypen. Dazu gehören die Auswahl relevanter Themen und Fragestellungen, sowie die Bereitstellung adäuqater Informationen und Informationsquellen. Zur Entwicklung finden Videoaufnahmen von Dialogen statt. Die Rolle des KRISTINA-Agenten wird dabei von PflegeexpertInnen übernommen.
Ausblick: KRISTINA eröffnet ein weites Anwendungsspektrum in unterschiedlichen Settings. Die Möglichkeit, in der Muttersprache zu kommunizieren, fördert die Verständlichkeit und Umsetzung von Informationen und somit auch ihre Umsetzung. KRISTINA kann helfen, sprachliche und kulturelle Barrieren abzubauen. Dabei soll KRISTINA eine unterstützende Rolle in der interkulturellen Pflege einnehmen.

16:10
Integration von AAL-Technik zur Notfallerkennung in die häusliche Umgebung
S238-03 

B. Steiner, V. Pfister; Reutlingen

Stürze in der häuslichen Wohnung sind die häufigste Unfallursache und Grund für die Einweisung ins Krankenhaus. Ca. 30% der über 65-jährigen und 50% der über 80-jährigen Personen stürzen mind. einmal pro Jahr. Die Folgen solcher Unglücke wirken sich umso stärker aus, wenn die gestürzte Person allein lebt und nicht mehr in der Lage ist, selbstständig aufzustehen und Hilfe zu holen. Aus diesem Grund wurden seit den 90er Jahren Hausnotrufsysteme eingesetzt, um älteren oder körperlich beeinträchtigten Menschen Sicherheit in den eigenen vier Wänden zu bieten und somit die Selbstständigkeit zu fördern. Die Systeme sind dafür ausgelegt, sich vor allem bei Stürzen oder Notfällen per Knopfdruck bemerkbar zu machen. Ist ein Mensch nach dem Sturz allerdings bewusstlos, bleibt ihm keine Möglichkeit, den Notruf auszulösen.
Im Rahmen des vom Sozialministerium BW geförderten Projekts „Integration von AAL-Technik zur Notfallerkennung in die häusliche Umgebung“ wurde die praktische Erprobung von AAL Forschungsergebnissen zur automatischen Erkennung von Notfällen in einer realen Einsatzumgebung durchgeführt. Ziel dabei war es, Erkenntnisse über den Einsatz zu gewinnen und die Systeme in den Markt zu überführen. Hierbei wurden drei marktfähige Sicherheitssysteme im Prototypenstadium (Safe@home - automatische Sturzerkennung mittels 3D-Sensoren, Hausnotruf 2.0 - indirekte Notfallerkennung mit ambienten Sensoren und intelligente Textilien zum Monitoring der Vitalparameter) zur automatischen Notfallerkennung unter realen Bedingungen getestet und evaluiert. Die Sicherheitssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie vollautomatisch Notsituationen erkennen und eine entsprechende Alarmierung durchführen. Dies ist besonders im Einsatz bei Patienten mit leichter und mittelschwerer Demenz wichtig, da diese Patienten unter Umständen nicht in der Lage sind, selbst aktiv Hilfe zu holen. Weiterhin können die Systeme in jeder Art von Wohnumgebung eingesetzt werden, wodurch sie für breite Bevölkerungsgruppen nutzbar sind. Sie unterscheiden sich in Art der Anwendung, des Einbaus, der Kosten und der entsprechenden Dienstleistung, die dahinter steht und decken in Erweiterung des klassischen Hausnotrufs unterschiedliche Bedarfe betroffener Personen ab.

16:30
Wenn das Gedächtnis schwindet. Ein Angebot für Menschen mit mehr Hilfebedarf und deren Angehörige
S238-04 

A. Zahneisen; Bamberg

Hintergrund: 2013 waren 2,6 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, mehr als 2/3 wurden zu Hause versorgt. 35% der Pflegebedürftigen wiesen eine erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz auf. Die Situation in der häuslichen ambulanten Pflege ist so zu gestalten, dass eine Betreuung adäquat möglich ist. Technik kann hierbei unterstützen. Das SOPHITAL®-Paket ‚Nachlassende Alltagskompetenz‘ zielt darauf ab, Menschen mit Gedächtnisschwierigkeiten und ihre Angehörigen so zu unterstützen, dass es ihnen ermöglicht wird, im häuslichen Umfeld zu verbleiben. SOPHIA (Soziale Personenbetreuung - Hilfen im Alltag) verbindet dafür soziale Betreuung mit intelligenter Technologie. SOPHITAL® entstand aus einem BMBF-Förderprojekt und entwickelte sich zum ersten deutschen Full-Service-Provider im Rahmen von Ambient Assisted Living.
Angebot: Das Paket ‚Nachlassende Alltagskompetenz‘ beinhaltet folgende Module: (1) Der Hilferuf per Email/SMS beinhaltet einen Wandtaster und eine Softwarekomponente in der Hausvernetzungs-Zentrale, die eine Meldung an eine E-Mail-Adresse oder eine SMS versendet. (2) Der Fernzugriff ermöglicht es, Informationen aus der Wohnung, z.B. Bewegung, von extern abzurufen und Komponenten von außerhalb anzusteuern, z.B. Regulation des Heizkörpers. (3) Das Paket Gefahrenmeldung enthält einen Funk-Rauchmelder, der alle Rauchmelder im System alarmiert, eine LED-Notbeleuchtung wird eingeschaltet. Zusätzlich können folgende Komponenten integriert werden: Automatische Herdabschaltung, Tür- und Fensterkontrolle, Wassermelder, Tablettenkarussell und Nachtlicht mit Bewegungssensor. Das Paket „Nachlassende Alltagskompetenz“ durch die Pflegekasse finanziert werden. Insgesamt können für diese Maßnahmen ab Pflegestufe 0 4000 € geltend gemacht werden (§45a SGBXI).
Fazit: Das Konzept von SOPHIA umfasst Service-Leistungen, die das Leben älterer Menschen komfortabler und sicherer machen und auch Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz einen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit ermöglichen. Technikunterstütztes Wohnen bietet modulare, mitalternde Systeme aus den Bereichen Gesundheit, Wohnunterstützung, Sicherheit, Information und Kommunikation. Das Betreuungskonzept ist bundesweit Vorreiter und Modell für ein sicheres Leben zu Hause.

Diskutant: G. Eschweiler, Tübingen

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