Symposium Geriatrie
Donnerstag, 08.09.2016
08:00 - 09:30
König-Karl-Halle
S211
Aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Gerontopharmakologie

Moderation: M. Wehling, Mannheim; M. Denkinger, Ulm

Die Arzneimitteltherapie älterer Patienten ist aufgrund ihrer Multimorbidität und daraus resultierenden Behandlungen mit häufig sehr zahlreichen Arzneimitteln ein großes Problem. Zur besseren Strukturierung und Optimierung der Arzneimitteltherapie werden seit Längerem verschiedene Instrumente diskutiert, die vor allem dem unter Zeitdruck arbeitenden Arzt, z.B. dem Hausarzt, eine schnelle Orientierung und Verordnungshilfe bieten sollen. Hierbei sind insbesondere die expliziten Ansätze in Negativlisten wie Beers und Priscus zu erwähnen, aber auch implizite Ansätze zur Optimierung der Arzneimitteltherapie im Alter, die also die genaue Kenntnis des Patienten voraussetzen, wie die Startkriterien oder die FORTA-Liste. In beiden Bereichen sind in den letzten Monaten und Jahren große Fortschritte erzielt worden, die in diesem Symposium abgebildet werden sollen. Weiter ist eine relativ unterbewertete aber sehr wichtige Komponente in der Verordnung von Arzneimitteln bei älteren Patienten auch die Präferenz des Patienten. Ihre Berücksichtigung muss in den Therapieoptimierungsplan unbedingt eingebunden werden. Die große Informationsfülle, die zu Arzneimitteln vorliegt, ist in der Regel ohne Arzneimittelinformationssysteme gerade bei den älteren Patienten mit ihren multiplen Indikationen kaum zu bewältigen. Daher spielen Arzneimittelinformationssysteme gerade in der Alterspharmakologie eine große Rolle. Diese Aspekte sollen in dem Symposium „Aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Gerontopharmakologie“ beleuchtet werden.

08:00
Endpunkteffekte impliziter Ansätze zur Optimierung der Arzneitherapie im Alter
S211-01 

M. Wehling; Mannheim

Die oft von Multimorbidität geplagten älteren Patienten sind die Hauptkonsumenten von Arzneimitteln. Trotzdem ist die Evidenzlage für die Arzneitherapie in dieser Altersgruppe unzureichend, da ältere Menschen von vielen klinischen Studien ausgeschlossen werden. Neben expliziten Ansätzen zur Optimierung der Arzneitherapie im Alter wie z.B. der amerikanischen Beers-Liste existieren noch implizite Ansätze wie MAI (Medication Appropriateness Index) oder die FORTA (Fit fOR The Aged)-Liste. In einer vor kurzem durchgeführten randomisierten bizentrischen kontrollierten Studie (N=409) hat der Einsatz von FORTA zu einer signifikanten Verbesserung der Pharmakotherapie beigetragen. Der FORTA-Score (die Summe aus Über-, Unter- und Fehltherapien) hat sich durch die Anwendung von FORTA signifikant verbessert (p<0,0001). Die FORTA-Intervention hat außerdem ADL („activities of daily living“), das Vorkommen von ADRs („adverse drug reactions“), das Auftreten von Nierenversagen und den Blutdruck signifikant und positiv beeinflusst.

08:20
Arzneimittelinformationssysteme in der Arzneimitteltherapieoptimierung bei älteren Patienten
S211-02 

W. Haefeli; Heidelberg

Kontinuierlich wachsende Krankheitslast (Multimorbidität) und dadurch Therapiebedürfnisse (Polypharmazie) sowie sich im Laufe des Lebens verändernde Patienten-Präferenzen (Linderung, Autonomie und Lebensqualität vs. Überleben) erfordern eine kontinuierliche Neubewertung der Therapien von betagten Menschen. Kritische Fehldosierungen (Wechselwirkungen, Eliminationsstörungen, Doppelverordnungen) müssen gesucht und korrigiert, Therapien mit unbefriedigendem Nutzen-Risiko-Verhältnis (Overuse), fehlende Therapien (Underuse) und nachteilige Verordnungskaskaden müssen entdeckt und behoben werden. Außerdem sollte bereits bei der Verordnung die Durchführbarkeit beachtet und die Komplexität der Verordnungen möglichst automatisiert minimiert werden (z.B. durch Vermeiden des Teilens von Tabletten), um eine gute Adhärenz überhaupt zu ermöglichen. All dies sollte möglichst automatisiert und patienten-individuell von elektronischen Systemen unterstützt werden. Außerdem wäre erwünscht, dass solche Hilfsmittel auch die Handhabung und Verabreichung der Medikamente unterstützen (z.B. Schluckschulung), was durch entsprechend ausführlich formulierte Medikationspläne ebenso geschehen kann wie durch vielfältige audiovisuelle Hilfen (z.B. Instruktionsfilme für Inhalatoren, Erinnerungsfunktionen). Die größten Herausforderungen in der elektronischen Unterstützung von Arzneimittel-Verordnung und Verabreichung bestehen momentan in der Heterogenität und (fehlenden) Interoperabilität der Entscheidungsunterstützungssysteme, der Schwierigkeit, eine Polypharmazie nicht nur punktuell, sondern umfassend zu analysieren (Vermeiden von Over-Alerting) und der ungenügenden Verknüpfung solcher Hilfen mit (kontinuierlich wechselnden) Patientencharakteristika und den klinischen Alltagsprozessen.

08:40
The Association of Antidepressant Medication with Physical Activity in Older Adults: the ActiFE Study
S211-03 

D. Dallmeier, I. Fischer, U. Braisch, D. Rothenbacher, J. Klenk, M. Gahr, C. Schönfeldt-Lecuona, M. Denkinger; Ulm

Introduction: The prescription of antidepressants has increased in recent years. Physical activity (PA) is an important prerequisite for autonomy, quality of life, and is related with healthy ageing. However, it is unclear whether antidepressants modulate PA. We aimed to analyze this association among older adults.
Methods: In a cohort study (Activity and Function in the Elderly in Ulm (ActiFE Ulm)) including 1506 community-dwelling adults =65 years PA was objectively measured over seven days by an uniaxial accelerometer (ActivPal®). We used linear regression to evaluate the association of antidepressants with PA adjusted for identified confounders including pain and anxiety. Due to the presence of effect modification by symptoms of depression (Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D)=8) we present stratified analyses.
Results: In our study sample (n=1039, mean age 75.6, 56.3% male) only 107 participants (10.3%) had a HADS-D=8, showing a mean PA of 90.0 min/day compared to 106.6 min/day among those without symptoms of depression (HADS-D<8). Age- and sex-adjusted analyses showed that among subjects with symptoms of depression antidepressant use was associated with an increment of PA by 7.2 min/day [95% CI -13.0, 27.4], in contrast to a reduction of PA by 25.2 min/day [95% CI -36.5, -13.8] among those without such symptoms. This reduction was ameliorated but still significant in the multivariable analysis (ß-estimate -21.5 min/day [95% CI -32.2, -10.9]).
Conclusion: Our results suggest a differential association of antidepressants with PA in subjects with/without depressive symptoms. Antidepressants use was clearly associated with a reduction of PA among participants without symptoms.

09:00
Reduktion potenziell inadäquater Medikation bei unabhängig lebenden Senioren - erste Ergebnisse der RIME-Studie (Symposium Wehling: Aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Gerontopharmakologie)
S211-04 

U. Thiem, S. Wilm, U. Junius-Walker, W. Greiner, H. Rudolf, H. J. Trampisch, P. A. Thürmann; Essen, Düsseldorf, Hannover, Bielefeld, Bochum, Witten

Hintergrund: Potenziell inadäquate Medikation (PIM) ist ein häufig vorkommendes Problem, das mit negativen Gesundheitsfolgen, z. B. unerwünschten Arzneimittelwirkungen und vermehrten Krankenhausaufenthalten, in Verbindung gebracht wird. Auf welche Weise PIM bei unabhängig lebenden Senioren wirksam reduziert werden kann, ist unklar.
Material und Methoden: Die RIME-Studie („Reduction of potentially Inappropriate Medication in the Elderly”) ist eine cluster-randomisierte klinische Studie (cRCT), in der eine komplexe Intervention, bestehend aus einem ausführlichen Handbuch zu PIM, einer modifizierten PRISCUS-Liste und einem Schulungsangebot an Hausärzte zu PIM, gegen ein Fortbildungsangebot zu allgemeinen Themen der Pharmakotherapie bei Älteren getestet wird. Ziel der Studie war die Reduktion des Anteils von noch selbständig lebenden Senioren mit mindestens einem PIM in der Medikation in einer Gruppe von Hausarztpraxen mit komplexer Intervention gegenüber einer Gruppe von Praxen mit Kontrollintervention.
Ergebnisse: Es wurden insgesamt 1.138 Patienten (Altersdurchschnitt 77,5 Jahre, 51% weiblich) in 138 Hausarztpraxen rekrutiert, zwölf Monate nachbeobachtet und ausgewertet. Der mittlere Anteil von Patienten pro Praxis mit mindestens einem PIM in der Medikation zu Studienbeginn lag bei 39,8%. Zu den fünf am häufigsten verordneten PIM-Wirkstoffen gehörten Kardiaka (Digitalis, Doxazosin, Flecainid) und Antidepressiva (Amitriptylin, Doxepin). Die komplexe Intervention war gegenüber der Kontrollintervention nicht in der Lage, den Anteil an Patienten mit PIM zu senken (Differenz nach zwölf Monaten: 2,3%, p=0,36). In den meisten sekundären Endpunkten, z. B. Stürze, Krankenhausaufenthalte oder Lebensqualität, gab es ebenfalls keine signifikanten Unterschiede. Die Anzahl der verordneten PIM war in der Gruppe mit komplexer Intervention gegenüber der Gruppe mit Kontrollintervention nach zwölf Monaten geringer.
Schlussfolgerung: In dieser bisher größten cRCT in Deutschland zur Reduktion von PIM zeigte sich eine komplexe Intervention nicht wirksamer als eine Kontrollintervention in Bezug auf den Anteil von selbständig lebenden Senioren mit mindestens einem PIM in der Medikation.

(Studienregister DRKS00003610, Förderung: BMBF 01ET1005A)

Diskutant: W. Haefeli, Heidelberg

Zurück