Keynote-Lecture Norah Keating: „Je älter Menschen werden, desto unterschiedlicher sind ihre Bedürfnisse“

Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Das Selbstverständnis des alten Menschen in der Gesellschaft ist im Wandel. Damit ändern sich auch die Ansprüche an Infrastruktur und kommunale Dienstleistungen. Wie diese konkret aussehen, darüber spricht Dr. Norah Christine Keating, University of Alberta in Kanada, beim gemeinsamen Jahreskongress der DGG und der DGGG in Stuttgart. In ihrer englischsprachigen Keynote-Lecture „Thinking critically about ageing and community” am zweiten Kongresstag schildert sie aktuelle Herausforderungen und die Konsequenzen für die Arbeit von Gerontologen.

„Das Selbstverständnis alter Menschen ändert sich“, sagt Dr. Keating, die soziale Gerontologie im Department of Human Ecology lehrt. Habe man sich früher freiwillig aufs Altenteil zurückgezogen und der jüngeren Generation das Feld überlassen, sei es heute Ziel vieler Senioren, weiterhin aktiv am Alltag teilzunehmen. Und dies in der Umgebung, die sie selbst als ideal für sich betrachten – sei es die vertraute Nachbarschaft oder ein Ort, der ihnen am Herzen liegt. „Die Herausforderung dabei ist jedoch, dass der Ort, an dem man sich gerne befinden würde, nicht der unbedingt Beste ist, um alt zu werden.“

Gemeinden müssen „altersfreundlich“ werden

Um ältere Mitbürger in ihrem Streben nach Teilhabe am öffentlichen Leben zu unterstützen, müssten Gemeinden ihre Infrastruktur und Dienstleistungen „altersfreundlich“ anpassen, so Dr. Keating. Eine Idee, die vor einem Jahrzehnt entwickelt wurde und seitdem weltweit Anklang findet – aber nicht überall umgesetzt werden kann.

Denn: „Nicht jede Kommune ist für jeden alten Menschen geeignet!“ begründet Keating. Die öffentliche Hand könne zwar bis zu einem gewissen Grad ihre Angebote anpassen, aber trotzdem nicht alle Gruppen alter Menschen erreichen. So mag ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr hilfreich sein für aktive Senioren. Für jene, die durch chronische Krankheiten das Haus nicht verlassen können, sind dagegen Dienstleistungen, die bei ihnen daheim erbracht werden, von größerer Bedeutung. Sei es Essen auf Rädern oder der Besuch eines Behördenmitarbeiters.

Eine Lösung passt nicht für alle

„Wir müssen immer bedenken: Je älter Menschen werden, desto unterschiedlicher sind ihre Bedürfnisse“, weiß Dr. Keating. Bedingt durch körperliche und kognitive Fitness, aber auch finanzielle Mittel, würden große Unterschiede aufklaffen. „Wir müssen daher aufpassen, dass wir keine Lösungen erarbeiten auf der Grundlage, dass alle alten Menschen gleich sind. Stattdessen müssen wir überlegen, wie für jeden die beste Lebensqualität erreicht werden kann.“

Dr. Norah C. Keating

Zur Person:

Dr. Norah Keating ist Psychologin mit Spezialisierung auf Ehe- und Familientherapie, die an mehreren Universitäten in Kanada und den USA studierte. 1976 legte sie an der Syracuse University im US-Staat New York ein Zertifikat in Gerontologie ab, zwei Jahre später promovierte sie. Im selben Jahr wechselte sie an die Universität von Alberta in Kanada, wo sie gegenwärtig Co-Direktorin des Lehrstuhls für Aging, Policies and Practice sowie Lehrbeauftragte im Department of Family Medicine ist. Zusätzlich ist sie Professorin für Rural Ageing am Center for Innovative Ageing an der Universität von Swansea in Großbritannien.
Keating ist unter anderem Mitglied folgender Gesellschaften: The Global Social Initiative on Ageing, International Association of Gerontology and Geriatrics (director); Covenant Health, Network of Excellence in Seniors Health and Well-being (advisory committee member); WUN Research Development Fund (RDF) 2013 (internal review board); International Working Group on Social Exclusion (member); International Network on Rural Ageing (member); The Gerontological Society of America (program committee).

Dr. Norah C. Keating
Keynote-Lecture: „Thinking critically about ageing and community”
Donnerstag, 8. September
9.45 – 10.30 Uhr
Bertha-Benz-Saal

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